Mohamed Lahyani

Pep-Talk für Kyrgios? Schiedsrichter Lahyani gehört nicht bestraft

Es ist schon jetzt die wohl bizarrste und meistdiskutierteste Szene der diesjährigen US Open: Stuhlschiedsrichter Mohamed Lahyani steht nach seinem verbalen Eingriff im Match von Nick Kyrgios in der Kritik. tM–Redakteur Jannik Schneider stellt sich in seinem Kommentar jedoch auf die Seite des Unparteiischen.



„Immer wenn man glaubt, dass man auf dem Tennisplatz alles gesehen hat, kommt ein weiterer Vorfall um die Ecke, der einen erstaunt zurück lässt“, schreibt mein Redakteurskollege Christian Albrecht Barschel, der für unser Magazin in diesen Tagen bei den US Open in New York weilt, in seiner Kolumne über die Szene des Wettkampftages vom Donnerstag. Wie recht er damit hat.

Tatsächlich war das, was die TV-Kameras einfingen und Augenzeugen hautnah erlebten, nicht wirklich greifbar. Ein Schiedsrichter verließ seinen Stuhl, beugte sich fast väterlich in Richtung eines Spielers und redete mehrere Momente auf ihn ein. Anschließend kippte das gesamte Match in Richtung des besagten Spielers, Nick Kyrgios (Lesen Sie HIER mehr).

Der Vorwurf des „Pep-Talks“, also des Aufmunterns, ja gar des Coachings steht seitdem im Raum. Die große Mehrheit von Spielern, Experten und Fans sehen einen Verstoß, eine Überhöhung und Missinterpretation der Schiedsrichterrolle, mindestens mal aber sind sie irritiert – viele fordern eine Bestrafung. Ich sage: Das Verhalten von Mohamed Lahyani war erfrischend authentisch, sympathisch und nicht unfair. Er gehört dafür nicht bestraft.

Der 52-jährige Schwede mit den marokkanischen Wurzeln ist einer der erfahrensten und angesehnsten Schiedsrichter im Welttennis. Er ist eingegliedert in der höchsten Kategorie im internationalen Schiedsrichterwesen (Gold Badge), hat Major-Finals geleitet und Ausnahmesituationen wie das Rekordmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut in Wimbledon 2010 ausgehalten und bis zum Ende problemlos geschiedst. An der Integrität des Unparteiischen gab es bisher keinerlei Zweifel.

US Open: Reaktionen an Lahyani unverhältnismäßig

Deshalb ist es unverhältnismäßig aus der Situation vom Donnerstag heraus jetzt eine Unsportlichkeit des Schweden herzuleiten. Ich habe in Wimbledon ein kurzes Hintergrundgespräch mit ihm und anderen Unparteiischen führen dürfen. An erster Stelle steht die korrekte und fehlerfreie Leitung eines Spiels für diese Schiedsrichter  und genießt weiterhin die höchste Piorität. Die öffentliche Wahrnehmung eines Matches war und ist Layhani aber ebenso wichtig.

Genau die sah er als verzerrt an. Er sah wie Zuschauer den Platz verließen, andere den Spieler auspfiffen und der Wettkampf zwischen zwei Akteuren, für die Fans Eintritt gezahlt hatten, in Gefahr war. Das war in meinen Augen der Grund, weshalb er den Stuhl verließ, um mit Kyrgios zu reden. Dass er sich auf Augenhöhe begab, um mit dem Spieler zu reden, der offensichtlich nicht sein Bestes gab, ist aufgrund der Lautstärke und der Größe des Turniers vertretbar.

US Open: Lahyani sah den fairen Wettkampf in Gefahr

Ich bin der festen Überzeugung, dass Layhani zu diesem Zeitpunkt nur die Best-Effort-Regel im Sinn hatte. Dass Kyrgios eine Verantwortung gegenüber den Fans habe und gerade Probleme zeige, seinen besten Einsatz zu bringen, machte der Unparteiische auch deutlich. Was dann aber über die Kameras eingefangen wurde, war tatsächlich ein Überschreiten seiner Aufgabe. „Ich will dir helfen. Ich habe deine Matches gesehen. Du tust dem Sport gut“, erklärte er dem Spieler.

Das ist zu viel gewesen. Da gibt es keine Zweifel. Ein Schiedsrichter darf eigentlich in keinster Weise in das Spielgeschehen eingreifen. Dass wenig später das Match zu Gunsten des Australiers kippte (anders als bei ähnlichen Situationen mit Bernard Tomic und Gael Monfils in der Vergangenheit), verlieh der Szene noch mehr Brisanz.

Doch der Unparteiische wollte nicht einem Spieler zum Sieg verhelfen, sondern fairen Sport gewährleisten. Er wollte dem Tennissport einen möglichst spannenden Wettkampf ermöglichen und seine Mittel dafür einsetzen. Das ist alles andere als manipulativ, vielmehr grundsympathisch und zeigt, wie sehr er Tennis mag. Ähnlich sah es auch John McEnroe, der ja nun wahrlich kein Freund der Schiedsrichter ist.

Was Lahyani getan hat, war menschlich. So irritierend menschlich, wie man das von Schiedsrichtern eben nicht gewohnt ist. Regelhüter sind doch unnahbar, zeigen selten soziale Skills wie Warmherzigkeit oder gar Mitgefühl. So lautet zumindest das gängige Vorurteil. Deshalb war der Aufschrei so groß. Weil dieser Unparteiische plötzlich ein anderes Bild skizzierte. Dabei tut diese extrovertierte Art seiner Zunft gut. Nicht direkt das Warning auszusprechen, sondern sozial zu agieren.

Ja, er ist etwas über das Ziel hinausgeschossen. Dass der Leidtragende dieser Geschichte, Verlierer Pierre Hugo Herbert sauer ist, ist nachvollziehbar. Die Verantwortlichen sollten dennoch Fingerspitzengefühl beweisen und den Schiedsrichter nicht oder nur ganz leicht bestrafen. Und darüber hinaus mal diskutieren, wie mit solch einer Situation in Zukunft umgegangen werden soll.

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/



Schreibe einen neuen Kommentar