Mit seiner Niederlage in Basel hat Stan Wawrinka seine Profikarriere beendet. Er verlor sein letztes Profimatch gegen Jiri Lehecka mit 5:7, 6:7 (2), vor einem Basler Publikum, das ihn bis zum letzten Punkt nach vorne schrie.
Stan Wawrinka, mit einer Wildcard ins Feld gekommen, hielt gegen den an Nummer acht gesetzten Tschechen (ATP 21) lange mit. Er wehrte früh Breakbälle ab und hatte im ersten Satz selbst zwei Chancen auf ein Break. Beim Stand von 5:5 kassierte er jedoch das einzige Break des ganzen Matches, Lehecka servierte den Satz zu null aus.
Im zweiten Satz ging es in den Tiebreak. Dort gewann Lehecka ab 2:2 die letzten fünf Punkte und nutzte seinen ersten Matchball. Wawrinkas letzter Schlag als Profi: eine Rückhand, ausgerechnet sein Markenzeichen, die im Aus landete.
Es war seine 19. Teilnahme am Hauptfeld von Basel, womit er Roger Federers Turnierrekord egalisierte. Im Platzinterview sagte er: „Für mich war es etwas ganz Besonderes, ein letztes Mal hier zu sein.“ Danach drehte er eine Ehrenrunde, formte mit den Händen ein Herz für die Fans und verschwand ein letztes Mal im Spielertunnel.
Stan Wawrinka: Der Mann, der die Big Three entzauberte
Drei Grand-Slam-Siege, dreimal war der Finalgegner die Nummer eins der Welt: Diese Statistik zeigt, wie nervenstark Wawrinka gerade dann agierte, wenn der Druck am höchsten war.
Grand-Slam-Titel:
| Jahr | Turnier | Finalgegner | Status des Gegners |
| 2014 | Australian Open | Rafael Nadal | Weltranglistenerster |
| 2015 | Roland Garros | Novak Djokovic | Weltranglistenerster |
| 2016 | US Open | Novak Djokovic | Weltranglistenerster |
Wawrinka spielte in einer Epoche, die eigentlich Federer, Nadal und Djokovic gehörte. Dass er sich trotzdem dreimal die Krone holte, macht ihn zu einem der wenigen, die das Monopol der Big Three durchbrochen haben. Bei Grand Slams besiegte er Djokovic, Federer, Nadal und Andy Murray, das gelang sonst nur Tomas Berdych und Jo-Wilfried Tsonga.
Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann
Im Jahr 2014 kletterte Wawrinka bis auf Platz drei der Weltrangliste – sein Career-High. Im selben Jahr gewann er in Monte-Carlo seinen einzigen Masters-1000-Titel, im Finale ausgerechnet gegen seinen Landsmann Roger Federer. Insgesamt sammelte er 16 Titel auf der ATP-Tour und 590 Siege auf Tour-Ebene.
Mit Federer verbinden ihn auch die größten Teamerfolge des Schweizer Tennis: Gemeinsam holten sie 2008 in Peking Olympia-Gold im Doppel, 2014 führten sie die Schweiz zum ersten Davis-Cup-Titel ihrer Geschichte. Viermal in Folge, von 2013 bis 2016, qualifizierte sich Wawrinka für die ATP Finals und stand bei den ersten drei Teilnahmen jeweils im Halbfinale.
Nur das Heimturnier blieb eine offene Rechnung. In 19 Teilnahmen kam er in Basel auf eine Bilanz von 17:17, zweimal erreichte er das Halbfinale, 2006 und 2011. Ein Finale in der St. Jakobshalle blieb ihm verwehrt.
Stan Wawrinka: Ein Kämpfer bis über 40
Auch im Spätherbst seiner Karriere schrieb Wawrinka Geschichte. Kein Spieler hat nach seinem 40. Geburtstag mehr Siege auf Tour-Ebene gesammelt als er: zwölf. Bei den Australian Open 2026 erreichte er als 40-Jähriger die dritte Runde, das schaffte zuvor zuletzt Ken Rosewall 1978.
Sein eigenes Credo formulierte er vor dem letzten Match gegenüber der ATP: Er habe in jedem Match alles geben wollen, „aus Respekt vor mir selbst, vor dem Gegner, vor dem Turnier, vor den Fans“.
Große Emotionen, Popcorn und prominente Würdigung
Bereits am Montagabend, 24 Stunden vor seinem letzten Turniermatch, verneigte sich Basel mit einer über einstündigen Zeremonie auf dem Centre Court vor Stan Wawrinka. Durch den emotionalen „Super Monday“ führte Sven Epiney, während Wawrinkas Familie in der St. Jakobshalle saß.
Den Auftakt machte ein sichtlich gerührter Turnierdirektor Roger Brennwald, der mit den Tränen kämpfte und Wawrinka unter minutenlangen Standing Ovations einen goldenen Tennisball überreichte. Brennwald adelte den Schweizer treffend als den „Sylvester Stallone des Tennis“, eine Verneigung vor dessen unbändiger Kraft, Ausdauer und Kampfgeist. Für persönliche Höhepunkte sorgten ein live gemaltes Porträt, eine Videobotschaft seiner Eltern sowie sein Freund, der Musiker Bastian Baker, der ihm ein umgetextetes Ständchen brachte.
Der Mann, der das Scheinwerferlicht über Jahre hinweg eher gemieden hatte, zeigte sich tief bewegt und gewohnt nahbar. Er gestand offen, dass ihm der Abend schwerer fiel als jedes Tennismatch: „Es ist einfacher, auf den Court zu kommen, um zu spielen, als hier zu stehen und zu euch zu sprechen“.
Er habe nie zu träumen gewagt, Grand Slams zu gewinnen, und bezeichnete die Anwesenheit seiner Familie und Tochter als sein größtes Geschenk. Die typische Wawrinka-Prise Selbstironie durfte natürlich nicht fehlen: Als Epiney ihn nach seinen Plänen für den sportlichen Ruhestand fragte, zählte Stan trocken auf: Ski, Fondue, Raclette und Wein.
Federer: „Du fehlst mir”
Ebenso hochkarätig fiel der Tribut seiner Rivalen und Wegbegleiter aus. Über die Videoleinwand meldete sich die versammelte Tennis-Prominenz, allen voran Roger Federer. Sein langjähriger Weggefährte, fehlte zwar vor Ort, fand per Video aber besonders innige Worte: Federer gratulierte von Herzen zu einer herausragenden Karriere und schloss auf Französisch mit einem emotionalen „Du fehlst mir. Ich liebe dich“. Auch Novak Djokovic zollte ihm uneingeschränkten Respekt: Er nannte Wawrinka einen der leidenschaftlichsten Kontrahenten seiner Karriere und betonte seine enorme Bewunderung für dessen menschliche Größe wie auch für das sportlich Erreichte.
Dass diese Zuneigung weit über die Big Three hinausreicht, brachte sein langjähriger Erfolgscoach Magnus Norman auf den Punkt: Stan sei schlicht jemand, „mit dem man ein Bier trinken gehen möchte“, einer, der den Fahrdienst, das Hotelpersonal und die Nummer eins der Welt stets mit demselben Respekt behandelt. Ob junge Nachwuchsspieler wie Henry Bernet, Weggefährten wie Matteo Berrettini oder sein Bezwinger Jiri Lehecka: Im Basler Hallenstadion war an diesem Abend greifbar, wie sehr die Tour nicht nur den Weltklassespieler, sondern vor allem den Sportsmann Wawrinka vermissen wird.
Abgang ohne Reue
Wawrinka verlässt die Tour so, wie er sie bespielt hat: kämpfend bis zum letzten Punkt. Über sein Vermächtnis wollte er selbst nicht urteilen. Wichtig sei ihm über 20 Jahre nur eines gewesen und das sei auch die einzige Art, den Sport zu verlassen: „ohne Reue“.
Ganz vorbei ist es noch nicht: Am 19. Dezember verabschiedet sich Wawrinka beim Show-Event „One Last Backhand“ im Genfer Palexpo endgültig – im Einzel gegen Gaël Monfils und an der Seite von Roger Federer im Doppel gegen Monfils und Andy Murray. Auf der ATP-Tour aber bleibt von „Stan the Man“ vor allem das, was in keiner Statistik steht: eine Rückhand für die Ewigkeit und ein Herz, das er den Fans zum Abschied mit beiden Händen zeigte.
