Altmaier_Buenos Aires

Da fühlt er sich am Wohlsten: Daniel Altmaier auf der roten Asche, ­seinem Lieblings­belag, beim ATP-Turnier in Buenos Aires im Februar 2026. im Februar. Bild: IEB+ Argentina Open Buenos Aires

Daniel Altmaier: Wie er in Argentinien sein zweites Zuhause fand

Jedes Jahr verbringt Daniel Altmaier mehrere Wochen in Argentinien. tennis MAGAZIN traf die deutsche Nummer zwei beim ATP-Turnier in Buenos Aires, um mit ihm über die argentinische Tenniskultur und längerfristige Ziele zu sprechen. 

Der Artikel erschien im Original in Ausgabe 4/2026

Von Karina Niebla

Die Wandlung Daniel Altmaiers zum womöglich lateinamerikanischsten unter den deutschen Tennisspielern beinhaltet mehr als eine Vorliebe für Sandplätze. Es ist eine Suche nach Wärme – klimatisch wie menschlich –, aber auch nach jener produktiven Reibung, die Karrieren schärft. Härtere Bedingungen als in Europa; Spieler, die sich oft mit begrenzten Mitteln behaupten müssen, dazu lange Reisen: All das prägt eine Philosophie, die Altmaier bewusst angenommen hat. Seit 2019 verbringt der 27-Jährige aus Kempen am Niederrhein einen Teil der Saison rund 12.000 Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Altmaier hat sich in den letzten Jahren als zweitbester deutscher Profi hinter Alexander Zverev in den Top 50 etabliert. Seit 2023 ist er deutscher Davis Cup-Spieler. Zu Saisonbeginn erreichte er mit Platz 44 seine höchste Weltranglistenposition. Er gilt als Sandplatzexperte und feierte seine größten Erfolge auf roter Asche: zwei ­Halbfinals (Umag, Kitzbühel 2021), ein Masters-Viertelfinale (Madrid 2023), zwei Roland Garros-Achtelfinals (2020, 2025) und ein spektakulärer Fünfsatzsieg gegen Jannik Sinner in Paris 2023. Sein Lieblingsbelag Sand erklärt womöglich die intensive Verbindung zu Lateinamerika. Was aber hat Altmaier darüber hinaus in Argentinien gefunden und was hat ihm in Deutschland gefehlt?

Altmaier: Antworten gerne auf Spanisch

Die Begrüßung beim Treffen mit tennis MAGAZIN kurz vor Beginn des Sandplatzturniers von Buenos Aires fällt mit einem Kuss auf die Wange ganz im lateinamerikanischen Stil aus. Er gibt gleich zu verstehen, dass er die Fragen auch gern auf Spanisch beantworten könnte und spricht dann mit deutlichem Río-de-la-Plata-Akzent, den er nach mehreren Jahren mit Trainern aus der Region übernommen hat.

„Ich war 2019 auf der Suche nach einer Veränderung. In Argentinien gibt es eine große Kultur des Wettbewerbs und der Teamarbeit, die man anderswo nicht immer so leicht findet. Das hat mich fasziniert“, sagt Altmaier. „Dazu kommt ein starkes ­Athletiktraining. Körperliche Arbeit hat einen sehr hohen Stellenwert, viele Spieler sind extrem fit. Die physische Vorbereitung – vor allem auf Sand – geht hier oft noch einen Schritt weiter als anderswo, und das merkt man.“

Der große Unterschied zum deutschen Tennis? „Es sind zwei Dinge. In Deutschland gilt man oft schon als konkurrenz­fähig, wenn man Talent und bestimmte Stärken im Spiel hat. In Argentinien lernst du dagegen, wirklich gut zu spielen, selbst wenn du vielleicht weniger Möglichkeiten hast. Das sind unterschiedliche Tennisphilosophien. Von deutschen Spielern wird häufig verlangt, Grand Slams zu gewinnen oder zumindest ganz oben mitzuspielen. Bei Zverev hört man ständig: Warum hat er noch keinen Grand Slam gewonnen? Dabei wird manchmal vergessen, dass es auch Spieler wie mich, Jan-Lennard Struff oder Yannick Hanfmann gibt, die solide Ergebnisse erzielen, aber oft nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommen.“

„Hier gibt es eine andere Tenniskultur“

Mit der medialen Wahrnehmung in Deutschland ist Altmaier nicht zufrieden – auch, weil er in Lateinamerika ein Tennis­interesse verspürt, das sich nicht nur an den Spitzenprofis orientiert. „Hier gibt es eine andere Tenniskultur“, behauptet er. „Man sieht es schon hier in Buenos Aires bei der Qualifikation. Es wird insgesamt viel mehr über Tennis gesprochen als in Deutschland. Es gibt mehr Medien und Social Media-Kanäle, die sich ausschließlich mit Tennis beschäftigen. Hier kennen selbst Clubspieler oft Profis außerhalb der Top 20.“

Eine weitere wichtige Komponente sind für Altmaier auch die Menschen in Lateinamerika. „Es gibt viele sehr gute argentinische Coaches auf der Tour, sogar in den USA.“ Seit seiner ersten längeren Trainingsphase in Buenos Aires im August 2019 arbeitete die aktuelle Nummer 52 der Weltrangliste zunächst mit Francisco Yunis, später mit Alberto Mancini und aktuell mit dem Uruguayer Martin Cuevas, Bruder vom früheren Top 20-Spieler Pablo Cuevas. Vor Kurzem stieß zudem der Venezolaner David Souto als zweiter Coach zum Team.

 

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Altmaiers Spanisch ist überraschend rund. Grammatik und Aussprache sind sehr gut, obwohl er früher kaum ein Wort sprach. Das änderte sich, als er seine heutige Ehefrau, die Mexikanerin Paulina Nieto, kennenlernte. Mit ihr lebt er inzwischen in Mexiko, das für ihn zum zweiten Lebensmittelpunkt geworden ist, auch wenn er mindestens einen Monat pro Jahr in Argentinien verbringt, einschließlich der Saisonvorbereitung. „Die ersten zwei, drei Jahre konnte ich praktisch gar kein Spanisch. Seit ich mit Paulina zusammen bin, habe ich angefangen zu lernen und es macht mir wirklich Spaß, auch wenn ich bestimmt noch Fehler mache“, merkt er lächelnd an.

Altmaier in Argentinien: „Brauche Wärme“

Altmaier ist schon seit zwei Wochen in Buenos Aires. Ein Grund: sein Erstrundenaus bei den Australian Open. Von „Oldie“ Marin Cilic bekam er eine 0:6, 0:6, 6:7-Klatsche verpasst. „Ich habe in der Vorbereitung einiges in meinem Spiel umgestellt, zum Beispiel die Rückhand früher zu nehmen“, sagte er in Melbourne: „Das hat im Training gut funktioniert, auch gegen gute Spieler. Im Wettkampf klappt es noch gar nicht, deshalb bin ich im dritten Satz zu meiner alten Herangehensweise zurückgekehrt, dann wurde es eine enge Partie.“

In Buenos Aires hatte er nun viel Zeit, um sich an die Bedingungen auf Sand zu gewöhnen. „Ich kam direkt aus Australien hierher, in Europa oder auch in Mexiko wäre es mir noch zu kalt gewesen. Ich brauche Wärme – auch deshalb fühle ich mich einfach wohl hier“, erklärt Altmaier im Gespräch mit tennis MAGAZIN.

Über das Wochenende nahm er sich eine Auszeit und war in Uruguay unterwegs: Zusammen mit Coach Cuevas unternahm er einen längeren Angelausflug. Sie ­tranken Mate-Tee mit uruguayischer Yerba, einer speziellen Krautmischung. Altmaier: „Das ist meine Lieblingssorte, weil sie milder ist.“ Abends gab es traditionelle Asados, eine von den argentinischen Gauchos stammende Grillkunst über offenem Feuer. „Ich weiß nicht, ob ich ein großer Grillmeister bin, meistens lassen mich die anderen gar nicht ran ans Feuer“, räumt Altmaier lachend ein. „Aber Matambre bekomme ich ganz gut hin“, fügt er noch an. Dabei handelt es sich um sehr dünne südamerikanische Rindfleischstücke, die ebenfalls über dem Feuer gegart werden. „Mir gefällt diese Kultur sehr. Es geht vor allem um das Miteinander und den sozialen Austausch“, sagt Altmaier.

„Verstehe mich mit vielen Argentiniern gut“

Während er spricht, skandieren nur wenige Meter entfernt Tausende Zuschauer den Namen eines argentinischen Qualifikanten außerhalb der Top 200. Weitere Fans warten trotz großer Hitze geduldig auf den Einlass ins große Tennisstadion. Kurz vor dem Interview hatte Altmaier noch mit Argentiniens Nummer eins, Francisco Cerundolo, trainiert. „Ich verstehe mich mit vielen Argentiniern gut. Tomas Martin Etcheverry, die Cerundolo-Brüder, Francisco Comesana, Facundo Diaz Acosta – viele von uns sind ungefähr zur gleichen Zeit in die Top 100 gekommen. Vor ein paar Jahren spielten wir Challenger, heute ATP-Turniere. Diesen Fortschritt gemeinsam zu erleben, war schön“, blickt Altmaier zurück.

Zwei Tage später verliert er in Buenos Aires zum Auftakt gegen den jüngeren Cerundolo-Bruder Juan Manuel 2:6, 2:6. Es ist die vierte Erstrundenpleite bei vier Turnierstarts im Jahr 2026 für den Deutschen. Selbst der Sand der argentinischen Hauptstadt konnte seinen Saisonstart nicht verbessern. Im Gegenteil: Sogar auf der roten Asche läuft es nicht rund für Altmaier.

Seine langfristigen Ziele bleiben trotzdem klar: „Ich möchte mein Ranking verbessern, konstant bei Grand Slam-Turnieren dabei sein und mein Spiel weiterentwickeln. Deshalb planen wir die Saison etwas anders. Ich habe im vergangenen Jahr sehr gut auf Sand gespielt, und muss nun klug auswählen, wo ich mich besonders konkurrenzfähig fühle“, sagt er. Auch deshalb wird er nach dem Sandplatzturnier von Rio de Janeiro schon auf Hartplatz wechseln und in Acapulco antreten. Beim parallel stattfindenden Sandplatzevent von Santiago de Chile wird er also nicht auflaufen.

Zum Abschluss wagt er noch einen längerfristigen Blick in die Zukunft: „Die Saison ist elf Monate lang, eine Karriere noch viel länger. Man sollte sie bewusst erleben und mit Emotionen angehen. Die eigentliche Herausforderung ist, die einzelnen Aufgaben zu genießen, wenn sie anstehen.“ Daniel Altmaier braucht dafür auch auf der Tour einen Hauch Lateinamerika.

Altmaier

Spanisch, bitte: Daniel Altmaier beim ATP-Turnier in Buenos Aires im Gespräch mit tennis MAGAZIN-Mitarbeiterin Karina Niebla, die aus Argentinien stammt.Bild: Datenbank