Jannik Sinner

Jannik Sinner geht als haushoher Favorit in die French Open.Bild: Imago

Mats Wilander: So schlägt man Jannik Sinner

Mats Wilander, siebenmaliger Grand-Slam-Champion, sprach vor Beginn der French Open über die Herangehensweise, um Jannik Sinner zu besiegen.

Sechs Masters-Titel in Folge, alle fünf Masters-Turniere in diesem Jahr gewonnen. Jannik Sinner schwebt derzeit seiner Konkurrenz auf der ATP-Tour davon. Der Weltranglistenerste reist als turmhoher Favorit zu den French Open – ähnlich, wie es Rafael Nadal Jahr für Jahr machte.

Wie schlägt man Jannik Sinner? tennis MAGAZIN fragte Mats Wilander bei einer Medienrunde vor Beginn der French Open, wie der Italiener zu bezwingen ist. Laut Wilander, siebenmaliger Grand-Slam-Champion, braucht es eine Gemeinschaftsleistung, um Sinner vor dem Titelgewinn in Paris zu stoppen.

Es braucht eine Gemeinschaftsleistung gegen Jannik Sinner

„Ich glaube, dass es eine Leistung sein wird, an der alle Spieler mitwirken müssen. Sonst wird es meiner Meinung nach sehr schwer, Jannik Sinner zu schlagen. Wenn Spieler gegen Sinner antreten und sich sagen: ‚Meine einzige Chance ist, die ganze Zeit auf Gewinnschläge zu setzen‘, dann wird es für Sinner körperlich kein besonders anstrengendes Match sein. Wenn Spieler allerdings auf den Platz gehen und sich sagen: ‚Ich weiß, dass ich Jannik nicht schlagen kann, aber ich werde den Stil spielen, den er am meisten hasst, nämlich den Ball in der Mitte des Platzes zu halten‘, dann wird das vielleicht funktionieren“, sagte Wilander.

Mats Wilander

Mats Wilander analysiert und kommentiert für Eurosport seit vielen Jahren bei den Grand-Slam-Turnieren.Bild: Imago

Der Schwede meint, dass viele Spieler Sinner in mehrere Abnutzungskämpfe verwickeln müssen, bis ein anderer Spieler dann davon profitiert. „Die Spieler müssen verstehen: Ihr werdet Sinner nicht schlagen, aber ihr müsst ihn in diesem Match so hart wie möglich unter Druck setzen, denn vielleicht sind seine Reaktionsfähigkeit und seine Erholung bei ihm dann nicht mehr so gut. Denn das Einzige, was Sinner stoppen kann, sind andere Spieler, die ihn über vier Sätze, fünf Sätze zwingen – und das über mehrere Matches in Folge. Dann steht er plötzlich im Finale und es ist ein anstrengender Tag mit etwas Regen in der Luft, auf der anderen Seite steht Alexander Zverev. Sascha wird nicht müde. Er hält den Ball im Spiel. Er wird fähig sein, ihn zu schlagen, indem er nie einen Fehler macht, zudem hat er einen starken Aufschlag.“

Mats Wilander: „Gib Sinner überhaupt keine Winkel”

Aus Wilanders Sicht müssen auf Sand für einige Topspieler die passenden Bedingungen herrschen, um Sinner Paroli zu bieten. „Casper Ruud hat nicht das richtige Spiel, wenn der Platz schwer und langsam ist und sein Spin dann nicht greift. Auch Daniil Medvedev hat nicht den richtigen Stil, wenn der Platz schnell ist und die Temperatur 25 Grad ist. In einem Abendmatch auf einem schweren und langsamen Sandplatz hat Medvedev durchaus eine Chance“, sagte Wilander.

Der Schwede sieht nur einen Spieler, der Sinner unabhängig von den Bedingungen stets gefährlich werden kann: Carlos Alcaraz, der wegen einer Handgelenksverletzung sowohl die French Open als auch Wimbledon verpasst. Auf Hartplatz sieht Wilander für Sinner derzeit keine Konkurrenz. „Wenn es nur ums Tennis geht – technisch, mental, taktisch –, dann ist Sinner allen anderen ziemlich weit voraus.“

Und wie würde Wilander, der zu seiner Zeit als Taktikfuchs galt, gegen Sinner spielen? „Meine Devise wäre: Gib ihm überhaupt keine Winkel, denn sobald du ihm Winkel gibst, ist er sowohl mit der Rückhand als auch mit der Vorhand dermaßen gut. Auf Sand muss man meiner Meinung nach eine Mischung aus verschiedenen Schlägen spielen. Man muss in der Lage sein, einen Rückhand-Slice zu schlagen, wenn das der richtige Schlag ist. Man muss in der Lage sein, einen Stoppball zu spielen, wenn das der richtige Schlag ist. Ich würde versuchen, ihn mit einer Kombination aus hohen Bällen und niedrigen Bällen zu spielen. Ich weiß nicht, ob man ans Netz gehen kann, weil Sinner unglaubliche Passierschläge hat, aber ich glaube schon, dass man je nach den Bedingungen die richtige Spielweise wählen muss.“

Wie geht Jannik Sinner mit dem Druck um?

Die große Frage wird sein, wie Sinner mit dem Druck umgeht, dass jeder von ihm erwartet, dass er auch die French Open gewinnt und damit den Karriere-Grand-Slam vollendet. Wilander meint, dass der Italiener vor allem beim Heimturnier in Rom mit dem Erreichen des Career Golden Masters – dem Sieg bei allen neun Masters-Turnieren auf der ATP-Tour – eindrucksvoll bewiesen, wie innerlich gefestigt er ist.

„Es war wichtig, dass die Italian Open das letzte Turnier waren, das er vor den French Open bestritten hat. Das heißt, wenn er in der Lage war, mit dem Druck umzugehen – nicht nur dem Druck, zu Hause zu gewinnen, sondern auch dem Druck, alle Masters-1000-Turniere zu gewinnen –, dann kam das meiner Meinung nach zum perfekten Zeitpunkt. Ich glaube, dass er den Druck in Paris genauso bewältigen kann wie den in Rom. Er ist daran gewöhnt, dass die Leute sagen: ‚Oh, du musst gewinnen, der Druck lastet auf dir.‘ Ich denke nicht, dass Sinner eine Gefahr für Sinner darstellt. Es kommt nur auf die anderen Spieler an“, sagte Wilander.

Sinner: Kein Trauma durch verlorenes French-Open-Finale

Auch die drei vergebenen Matchbälle am Stück im vorherigen French-Open-Finale gegen Carlos Alcaraz werden kein Trauma bei ihm auslösen, wenn er erneut um den French-Open-Titel spielen sollte.

„Es wird ihm Selbstvertrauen geben, dass er ein so unglaubliches Finale gespielt hat, das er hätte gewinnen müssen. Ich denke, es fällt einem Tennisspieler ziemlich leicht, sich einzureden: Ich war der bessere Spieler. Ich hätte gewinnen müssen und hatte Pech. Er hat damals den fünften Satz nicht leicht verloren. Er kam zurück und war wieder nur zwei Punkte vom Turniersieg entfernt. Das wird ihm nur noch mehr Selbstvertrauen geben“, meint Wilander.