Rafael Nadal muss drei Wochen pausieren

Verletzungen von Nadal, Djokovic, Murray und Co. – So kaputt ist die ATP-Tour

Im Frühjahr 2018 waren zwischenzeitlich elf Profis aus den Top 50 verletzt. Vor allem die Topriege um Djokovic, Murray und Nadal traf es hart. Spieler wie der Djoker und Stan Wawrinka gaben an, zu früh wieder gestartet zu sein. Vor den French Open wackeln Nick Kyrgios und Juan Martin del Potro. Grund genug, einen Blick auf Tennisverletzungen, gestiegene Belastungen der Tour, die Herausforderungen für Mediziner und Physios und mögliche Fehler der Stars zu werfen.

Diese Reportage erschien im Magazin 05/2018

Einer thront über allen. Dieses Bild trifft in schöner Regelmäßigkeit auf Roger Federer zu. Seine Fans mussten auf Glanzmomente selten verzichten, auch weil der Maestro so gut wie nie verletzt war. Umso geschockter waren viele, als er im Sommer 2016 seine Saison wegen einer Knieverletzung vorzeitig für beendet erklärte. Um sich mehr Zeit zu verschaffen für das Knie, das er bereits im Frühjahr hatte operieren lassen. Sein phänomenales Comeback 2017, beginnend mit dem Titel bei den Australian Open, ist in den Geschichtsbüchern verankert. Dieses Märchen, was sich mit einem zweiten Majortitel in Wimbledon fortsetzte und seinen Höhepunkt mit dem 20. Grand Slam-Erfolg in Melbourne 2018 und der Rückkehr an die Spitze der Weltrangliste fand, passt zu der einzigartigen Karriere des Schweizers.

Konträr zu Federers Beispiel haben immer mehr Spieler mit ähnlich professionellen Rahmenbedingungen Probleme, nach eigenen Verletzungen überhaupt oder auf ihr vorheriges Niveau zurückzukehren. Andy Murray, Novak Djokovic und Stan Wawrinka sind die prominentesten Beispiele. Dahinter haben mehrere routinierte Spieler ebenfalls körperliche Probleme. Ob es sich lediglich um eine Momentaufnahme handelt oder ein gefährlicher Trend für das Herrentennis erkennbar ist, darüber diskutieren Spieler, Verantwortliche und Fans gleichermaßen.

Da wäre zum einen Rafael Nadal, der Topstar mit der eindeutig längsten Krankenakte. Das neueste Kapitel: eine Knieverletzung, die ihn Ende 2017 zu Rückzügen – unter anderem beim ATP-Finale in London – zwang sowie zwei Adduktorenverletzungen am Oberschenkel, durch die er zwischen den Australian Open und dem Davis Cup pausieren musste. Der Mallorquiner kommentierte das so: „Ich habe nicht erst Angst mich zu verletzen, seit ich 31 bin. Ich hatte schon vor zwölf Jahren eine schwere Fußverletzung. Da stand meine Karriere auf der Kippe.“

Verletzungen: Die Leidenszeiten von Nadal, Murray und Wawrinka

Das Gefühl, überhaupt spielen zu dürfen, habe sich nicht verändert. „Die Probleme, die Andy Murray und Stan Wawrinka jetzt haben, die hatte ich häufig. Ich wünsche ihnen eine rasche Genesung. Ich bin nicht derjenige, der das zu entscheiden hat, aber jemand sollte sich den Grund für die vielen Verletzungen bei der ATP genauer ansehen.“ Nadal hat sich mittlerweile auf beeindruckende Art und Weise gefangen. Seit seinem Comeback beim Davis Cup gegen Deutschland herausragend gespielt. Dabei gibt er unumwunden zu: Er spielt regelmäßig mit Schmerztabletten. Sein Onkel Toni gab beim Turnier in München an: „Rafael hat viele Jahre mit Schmerzen gespielt.“

Stan Wawrinka laborierte längere Zeit an einer Knieverletzung, eher er seine Saison 2017 abbrach und auf eine Operation setzte. Zu Beginn des Jahres spielte er zunächst wieder – ohne durchschlagenden Erfolg. Im Frühjahr pausierte er erneut. Auf den Turnieren kursieren Gerüchte, dass sein Knie beschädigter sei als öffentlich bekannt. Momentan kämpft er sich wieder zurück auf die Tour. Helfen soll ihm dabei wieder Excoach Magnus Norman. Doch es ist ein langer Weg zurück, vor allem körperlich.

Andy Murray bekannte Ende Januar, nachdem auch er sich an seiner lange Zeit maladen Hüfte hatte operieren lassen, dass er zu früh zu viel gewollt habe. Über die Art und Weise der Behandlung lag er, so heißt es, im Herbst 2017 mit seinem Trainer Ivan Lendl im Clinch – die beiden trennten sich einvernehmlich. Zwischenzeitlich wurde sogar über ein Karriereende diskutiert. Für den dreifachen Grand Slam-Sieger steht das nicht zur Debatte. Aber: Für ein gemächlicheres Comeback wurde im Juni in England extra ein Challenger-Turnier ins Leben gerufen. Der Belag: ein schneller Hartplatz in der Halle, als Vorbereitung auf die Rasensaison.

Nadal kritisiert schon seit Jahren, es gebe zu viele Hartplatzturniere. Scheint logisch aus dem Mund des Sandplatzkönigs, aber ist sein Standpunkt nicht auch medizinisch vernünftig? Die Fakten: Zwei Grand Slam- und sechs Masters 1000-Turniere werden derzeit auf Hartplatz gespielt. Ab 2019 könnten weitere 500er- und 250er-Turniere folgen. Im Zuge der Turnierkalender-Reform gab es auch in Buenos Aires und Rio de Janeiro Bestrebungen, von Sand auf den harten Untergrund zu wechseln.

Spiel auf Hartplätzen nicht gelenkfreudig

Rein aus medizinischer Sicht vertritt der renommierte Orthopäde Dr. Tim Kinateder einen ähnlichen Standpunkt wie Nadal. Der 53-Jährige ist seit 2006 Arzt des deutschen Davis Cup-Teams und widmet sich neben seiner Arbeit im Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin in München (www.zfos.de) der sportmedizinischen Betreuung von Tennisspielern. Als Verbandsarzt des bayrischen Tennisverbandes betreut er auch die Tennis-Base in Oberhaching. „Das Spiel auf den heutigen Hardcourtbelägen ist nicht gerade gelenkfreundlich“, sagt Kinateder. Generell und vor allem auf Hartplätzen, sei das Spiel über die Jahre schneller und athletischer geworden. Die körperliche Belastung für die Profispieler sei angestiegen. „Ich mache das an der steigenden Zahl der Turniere, dem komplexen Turnier-Kalender und eben an den Bodenbelägen fest“, erklärt der Mediziner.

Die ATP-Tour verteilt sich mittlerweile auf fünf Kontinente und dauert von Januar bis November. Dabei sei der Druck für einen Profi weiterhin immens hoch, Punkte in der Weltrangliste zu sammeln und Geld zu verdienen. „Ich beobachte immer weniger Erholungsphasen. Das Karussell dreht sich zunehmend schneller.“ Der Körper eines Leistungssportlers sei grundsätzlich öfter am Limit und bei den vielen Wechseln durch die Zeit- und Klimazonen anfällig für Krankheiten. Genau da könne ein Mediziner im Team ansetzen. „Das Zauberwort lautet Periodisierung. Das Zusammenspiel zwischen Trainer, Physiotherapeut und behandelndem Arzt ermöglicht die richtige Dosierung des Trainings in Bezug auf Technik, Taktik, Athletik und Regenerationsphasen.“

Das stehe aber im Konflikt zum vollgestopften Turnierkalender sowie dem sportlichen und wirtschafttlichen Druck für Spieler. Als Beispiel führt der Teamarzt seine beiden Schützlinge Philipp Kohlschreiber und Tim Pütz an. Der eine flog direkt nach seiner Fünfsatzniederlage im Davis Cup gegen David Ferrer von Valencia nach Marrakesch – der 34-Jährige musste die Punkte aus dem letztjährigen Finale verteidigen. Der andere, Pütz, flog am gleichen Tag für zwei Challengerturniere nach Asien. „Dass das aus medizinischer Sicht nicht optimal ist, kann sich jeder denken“, sagt Kinateder.

Wie lange ignorierte Djokovic die Schmerzen?

Was die Periodisierung angeht, haben es die Topspieler leichter, meint Kinateder. Warum aber auch sie von Turnier zu Turnier um den Globus hetzen? „Bei Spielern dieser Kategorie herrscht ein Stück weit immer auch der Druck der Sponsoren“, glaubt der Orthopäde. Der finanzielle Druck ist nicht das Kriterium – schon gar nicht bei Federer. Der Schweizer leistet es sich im zweiten Jahr in Folge, die gesamte Sandplatzsaison auszulassen, um zu regenerieren, was Ion Tiriac, Ex-Manager von Boris Becker und Chairman beim Masters in Madrid, stark kritisiert hat. Federer ficht das allerdings nicht an.

Längst ausgesorgt hat auch Novak Djokovic. Doch dessen langwierige Ellenbogenverletzung beschäftigt die Tour. Auch jetzt moch, da er sich wieder etwas ins Rampenlicht gespielt und in Rom das Halbfinale erreichte. Dass der Serbe auf die klassische Medizin nicht mehr allzu viel gibt, ist kein Geheimnis. Hartnäckig halten sich Diskussionen, wie lange er die Schmerzen schon ignoriere. Fakt ist: Der zwölffache Grand Slam-Champion hatte 2017 auf eine Operation verzichtet und probierte verschiedene Methoden aus – ohne durchschlagenden Erfolg. Dass er 2017 nach dem Turnier in Monte Carlo sein gutfunktionierendes Team kündigte, half nicht wirklich. Stefan Duell, 41, betreute Djokovic zwischen 2015 und 2016 als zweiter Physiotherapeut rund 20 Wochen im Jahr.

Der angesehene, vom DOSB lizenzierte und selbstständige Sportphysiotherapeut möchte zu den Gerüchten um die Verletzung seines ehemaligen Chefs nichts sagen. Mit ihm zu reden, ist dennoch aufschlussreich. „Ich glaube, dass ist eine Momentaufnahme, auf die sich alle stürzen, weil es vier der großen Fünf betrifft“, kommentiert er die Misere. Ähnlich wie Kinateder plädiert Duell für längere Pausen. „Andy Murray zum Beispiel benötigt mit seiner dynamischen Hüftverletzung eine längere Regenerationszeit.“

Tennisverletzungen: „Es wird oft an der falschen Stelle gespart”

Seine Beobachtungen im Tourleben: „Klar haben die Topspieler das Comeback von Roger Federer wahrgenommen und machen sich Druck.“ Deshalb sei es für Duell wichtig, dass die Spieler perfekt betreut und Pausen eingelegt werden. Bis hin zur absoluten Weltspitze gebe es in seinem Bereich allerdings gravierende fachliche Unterschiede. Das sei meistens eine Geldfrage. „Die meisten Spieler sind Selbstzahler, da wird oft an der falschen Stelle gespart.“ In der Periodisierung übernimmt er die tägliche Arbeit vor und nach dem Training. „Vor der Belastung checke ich den Körper bis zu einer Stunde komplett durch“, erklärt Duell. Prophylaxe – also Vorbeugung von Verletzungen – lautet das Stichwort. Wenn beispielsweise eine leichte Beckenfehlstellung bestehe, könne dies Druck auf den hinteren Oberschenkel erzeugen.

„Ein falscher Schritt und es kann zu einer Verletzung kommen.“ Dort setze er an. Danach leite er die Athleten an, die für das Tennis so wichtige Rumpfmuskulatur zu aktivieren. Nach dem Tennis sieht er seine Spieler täglich für regenerative Maßnahmen. Eine Frage bleibt: Djokovic und Co. betreiben ihren Sport mit höchstmöglicher Professionalität. Warum haben gerade sie derzeit so große Probleme? Für Duell und Kinateder ist die Antwort klar: das Alter. Viele Profis spielen auf höchstem Niveau jenseits der 30.

Ein Jo-Wilfried Tsonga etwa kommt nach Knieproblemen nicht mehr auf die Beine und hat die French Open abgesagt. Aber auch der 23–jährige Nick Kyrgios hat anhaltende Arm- und Schulterprobleme. Mit Cortisonspritzen hatte er noch keinen durchschlagenden Erfolg. In diesen tagen testet er seinen Körper mit Blickrichtung French Open. Juan Martin del Potro dosiert seine Belastung mittlerweile ganz genau, um Verletzungen vorzubeugen und zog sich in Rom trotzdem eine schwerere Zerrung zu. Eine Teilnahme an den French Open ist noch nicht sicher. Nicht nur die Top Five leben ihren Sport seit mehr als zwei Jahrzehnten. Das zerrt am Körper. Und zur Wahrheit gehört eben auch: Sie sind nicht alle Roger Federer.

Diese Reportage ist in ähnlicher Form im tennis MAGAZIN 05/18 erschienen. Seit dem heutigen Dienstag, den 22. Mai ist das Magazin 06/18 auf dem Markt. Das ganze Heft lesen Sie HIER.