Dominic Thiem

Dominic Thiem im Interview: „Ich bin sensibler als Kiki”

Wenn nach Sportstars aus Österreich gefragt wird, muss sein Name fallen: Dominic Thiem. Ein Gespräch über die einhändige Rückhand, den täglichen Wettkampf und seine Freundin Kristina Mladenovic.

Herr Thiem, man sagt, dass die Spielweise auf dem Tennisplatz viel über den Charakter aussagt. Würden Sie dem zustimmen?

Generell würde ich dem zustimmen. Bei mir ist es so, dass ich vom Charakter eher zurückhaltend bin. Auf dem Platz spiele ich aber extrem offensiv. Das habe ich erst lernen müssen. Wenn mein Trainer Günter Bresnik mein Spiel nicht umgestellt hätte, würde ich sicherlich meinem Charakter entsprechend spielen – zurückhaltend und defensiv.   

Sie haben ein authentisches und realistisches Bild gezeichnet in der Vergangenheit, wie verrückt das Tourleben ist. Haben Sie nun die innere Balance gefunden? 

Zu Beginn war es schon eine große Umstellung. Das Reisen auf der Junioren- und Future-Tour ist nicht so extrem. Plötzlich kommst du auf die große ATP-Tour, wo Jetlag und lange Flüge auf der Tagesordnung stehen. Daran musste ich mich zwei Jahre gewöhnen. Andererseits ist es cool, weil es ein außergewöhnliches Leben ist. Das ständige Ein- und Auspacken nervt mich aber immer noch. 

Tennisfans mögen es, wenn Profispieler Einblicke geben, wie sie sich während des Matches fühlen. Sie haben mal gesagt, dass Sie die Anfangsphase eines Matches oder Satzes nicht so gerne mögen. Ist das immer noch so?

Sobald ich im Match drin bin, gefällt mir alles. Der Anfang ist oft sehr zäh für mich. Wenn ich heiß bin auf ein Match oder ein Turnier, dann ist die Anfangsphase eher ein geringes Problem. Es gibt aber auch Wochen, in denen ich mich nicht so gut fühle und Schwierigkeiten habe, mich komplett zu motivieren. Und genau dann ist es zu Beginn schon sehr mühsam. 

Ist der Matchanfang gegen die Topspieler besonders wichtig, um gegen diese zu gewinnen? Rafael Nadal ist ein Spätstarter, der ebenfalls seine Zeit braucht, um warm zu werden. 

Das stimmt absolut. Ich habe gegen Rafa schon zehnmal gespielt. Es kam öfters vor, dass er schlecht gestartet ist. In Monte Carlo und im French Open-Finale dieses Jahr ist er dagegen unfassbar aus den Startlöchern gekommen. Bei meinem Sieg in Madrid hat er einige Zeit gebraucht, bis er ins Match gefunden hat. Da ist jeder Spieler unterschiedlich. Es gibt einige, die extrem schlecht starten und andere die rauskommen wie  ein Kanonenfeuer. 

Spätestens seit dem Erscheinen des Buches „Die Dominic-Thiem-Methode“ von Günter Bresnik sind Sie zu einer öffentlichen Person geworden, über die man einige private Details weiß. Wie gehen Sie damit um? 

Das Buch ist vollkommen in Ordnung. Es stehen nicht so viele private Dinge drin. Andererseits gibt es nichts, was ich vor der Öffentlichkeit verheimlichen müsste. Natürlich hat es Einblicke in mein Privatleben gegeben, dennoch ist das Buch alles in allem sehr tennis- und sportlastig. 

Ihre Verbindung zu Günter Bresnik ist sehr stark und bringt jede Menge Vorteile mit sich. Können daraus auch Nachteile entstehen bei solch einer engen Zusammenarbeit?

Es ist wie in einer langjährigen Beziehung. Natürlich gibt es auch Reibereien, aber sonst läuft es sehr harmonisch. Wir sehen uns nicht jeden Tag, sonst wäre es sicherlich etwas schwieriger. Ich bestreite einige Turniere ohne Günter, sodass er auch mal Ruhe vor mir hat. Das ist sehr wichtig. Solch eine Beziehung würde von klein auf nicht funktionieren, wenn nicht das meiste perfekt passen würde. 

„Ich habe mir die Warum-Frage gestellt.”

Günter Bresnik hat in der Jugend Ihre Rückhand von beidhändig auf einhändig umgestellt. Gab es Phasen, in der Sie diese Entscheidung bereut haben?

Wenn Nadal mit seinem Spin ständig draufspielte, dann ja (lacht). In letzter Zeit habe ich nichts mehr bereut, zu Beginn der Umstellungsphase schon. In der Altersklasse U12 war ich in Österreich mit der beidhändigen Rückhand unschlagbar. Nach der Umstellung hat es mich in meinem Jahrgang durchgereicht bis auf Platz 15, was in Österreich im Nirwana ist. Da habe ich mir die Warum-Frage gestellt, weil ich zunächst richtig schlecht gespielt und ohne Vorerfahrung auf die einhändige Rückhand gewechselt habe. 

Als Einhänder wären Sie nun auch prädestiniert für die One Handed Backhand Boys (Gesangsgruppe um Roger Federer, Grigor Dimitrov und Tommy Haas; Anm. d. Red.). 

Ich kann viel zu schlecht singen. Das ist schon gut, dass ich nicht dabei bin (lacht). 

Freundschaften auf der Tour entstehen zu lassen und zu pflegen, ist schwer. Haben Sie Freundschaften mit Kollegen, die über das Tennis hinausgehen? 

Ich verstehe mich auf der ATP-Tour mit allen gut, habe aber keinen richtig guten Freund. Mit einigen, die ich zu meinen besseren Freunden zählen, gehe ich essen wie mit Struffi und Petzche (Jan-Lennard Struff und Philipp Petzschner; Anm. d. Red.). Beste Freunde auf der Tour zu werden, klappt bei mir nicht, außer mit Dennis Novak. Das ist ein Extrembeispiel, weil wir uns so lange kennen. Er wird es bestimmt auch bald auf die ATP-Tour schaffen. Das wird lustig werden, wenn wir das erste Mal gegeneinander spielen. 

Ist das eine grundsätzliche Entscheidung von Ihnen, nicht zu eng mit Spielerkollegen befreundet zu sein? 

Nein, wenn Dennis Novak Top 10-Spieler wäre und wir in einem Grand Slam-Halbfinale gegeneinander spielen würden, dann wäre er immer noch einer meiner besten Freunde, weil wir uns seit der Jugend kennen. Aber generell halte ich es nicht für möglich auf der Tour, mit seinen größten Konkurrenten eine enge Freundschaft zu entwickeln. 

Sie haben 2016 in Kitzbühel Doppel mit Dennis Novak gespielt. Stimmt die Geschichte, dass Ihr Team Ihnen nach dem frühen Aus im Einzel geraten hat, lieber abzureisen und Sie trotzdem Doppel gespielt haben?  

Damals wäre es im Hinblick auf Toronto besser gewesen, wenn ich auf das Doppel verzichtet hätte. Ich sage immer: Wenn ich ein Doppel ausmache, dann will ich dazu stehen. Wenn es keinen Extremfall gibt, dann werde ich das Doppel auf jeden Fall spielen. Jener Fall in Kitzbühel hat bei der Entscheidung auch seinen Teil dazu beigetragen, dass ich Doppel mit Dennis gespielt habe. 

Es gibt wenige Paare im Profitennis, zumindest öffentlich. Sie sind mit Kristina Mladenovic liiert. Wie schwer ist es, eine Beziehung im Profitennis zu organisieren bei den Reisen, Trainings, Matches und dem Fokus, den man als Topspieler halten muss?

Ich habe davor eine Freundin gehabt, die nicht Tennis spielt und ein ganz normales Leben geführt hat. Mit Kiki ist es so nun einfacher, weil wir etwa zwölf Turniere gemeinsam spielen können. Mit Urlaub am Jahresende und in der Mitte der Saison sehe ich sie insgesamt 20 Wochen im Jahr. Das wäre mit einer Frau, die ein anderes Leben führt, nie möglich. Sie müsste sonst komplett mitreisen. Das ist ein Riesenvorteil mit Kiki und mir. Ein anderer Vorteil ist, dass sie genau weiß, wie das Tennisleben funktioniert und versteht, wenn ich nicht da bin. Sie versteht es, wenn ich schlecht gelaunt bin nach einem verlorenen Match. 

Gibt es etwas, was sie von Ihrer Freundin lernen können?

Wir reden viel über Tennis im Allgemeinen. Der Austausch ist definitiv da. Insgesamt ist sie wahnsinnig taff. Sie zieht ihr sportliches Ding auf der Damentour durch, davor kann ich nur den Hut ziehen. Ich bin sensibler als sie, wenn es sportlich nicht so läuft.

Kiki Mladenovic ist eine sehr gute Doppelspielerin. Ist ein Mixed vorstellbar bei einem Grand Slam?

Sie ist so gut im Doppel, da würde ich mich glaube ich nur blamieren (lacht). Davon abgesehen spielt Doppel und Mixed bei den Majors keine Rolle für mich, dafür ist mir das Einzel einfach zu wichtig. Aber vielleicht in ferner Zukunft in zehn Jahren zum Abschied in Paris. Da kann man schon mal drüber nachdenken.

Sie gelten als Vielspieler und auch Trainingsweltmeister unter den Topspielern, was Häufigkeit und Intensität angeht. Benötigen Sie diesen täglichen Wettkampf, das Adrenalin und die Belastung?

Es ist sicherlich ein kleiner Teilaspekt, aber nicht der Hauptgrund. In Hamburg kam ich an und habe mich körperlich nach meinem Bundesligaspiel topfit gefühlt und wollte mich einfach noch an die Bedingungen gewöhnen. Insgesamt geht es mir eher um den Faktor Selbstvertrauen. Deswegen spiele ich viel. Das Turnier in Lyon vor Paris war beispielsweise ein Ritt auf der Rasierklinge, weil ich eigentlich richtig schlecht gespielt, das Turnier aber dennoch gewonnen habe. Dadurch bin ich mit einem extrem guten Gefühl zu den French Open angereist. Bei einer Niederlage wäre es – mit Verlaub – ein Scheißgefühl gewesen. Das Vielspielen kann mich also pushen, es kann aber auch mal ins Auge gehen. 

Das Selbstvertrauen ist für Sie also mehr wert als eine längere Pause?

Ja, das ist manchmal sicherlich so. Drei, vier Trainingstage mehr vor Ort sind mir nicht so wichtig wie mein Selbstvertrauen für den Wettkampf. Bei mir hat das schon einige Mal funktioniert. Bei Stan Wawrinka hat es funktioniert 2015, als er vor dem Roland Garros-Titel in Genf triumphiert hat. Das geht für mich in Ordnung. 

Günter Bresnik hat in einem Interview mit uns verraten, dass Sie nicht immer ganz glücklich darüber sind, wenn Sie als Sandplatzspezialist bezeichnet werden.

Ich ärgere mich nicht darüber, aber ich sehe mich nicht als klaren Sandplatzspezialisten. Meinen ersten größeren Titel habe ich in Acapulco geholt auf Hartplatz und im gleichen Jahr habe ich auch Stuttgart gewonnen auf Rasen – da war keine Rede von Spezialist. Das hat sich erst über das vergangene Jahr entwickelt, als ich richtig gut auf Sand agiert habe und auf anderen Belägen teilweise unglücklich verloren habe, zum Beispiel bei den US Open gegen Juan Martin del Potro. Dieses Jahr hat sich dieses Bild noch etwas verstärkt, weil ich in Indian Wells und Miami verletzungsbedingt gefehlt habe, zuvor in Australien knapp verloren habe. Diese Statistik will ich nun in der Hardcourt-Saison aufpolieren.

Müssen Sie etwas an Ihrem Spiel auf Hartplatz verändern, taktisch und technisch, damit Sie an die jüngsten Sandplatzerfolge anknüpfen können?

Ich möchte einiges verändern, aber nicht die Schlagtechnik. Im Vordergrund steht ganz klar die Beinarbeit. Ich muss langfristig viel näher an der Grundlinie stehen, als ich das auf Sand tue. Darum geht es mir primär. 

Im Bezug auf Alexander Zverev haben Sie zuletzt angemerkt, dass Sie etwas weniger Druck verspüren, da Ihr Heimatland kleiner ist. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Außendarstellung in Österreich?

Weniger Druck von außen habe ich auf jeden Fall. Das ist nicht vergleichbar mit Deutschland, Frankreich oder auch Großbritannien, den USA und Australien. Österreich ist zum einen überschaubarer. Zum anderen hat der Wintersport einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, wie die Menschen in meiner Heimat mich sehen und behandeln. Wir haben in Österreich zwei super Turniere, dort möchte ich immer gut spielen. Jedes Kind, das wegen mir vielleicht anfängt Tennis zu spielen, ist eine gute Sache für Österreich. Auch wenn mein Land jetzt nicht die ganz große Tennisnation ist.

„Ich kann auch mal Mist bauen.”

Rafael Nadal hatte in jungen Jahren mit Carlos Moya eine Art Mentor. Gab es etwas Vergleichbares bei Ihnen?

Einen bestimmten Spieler gab es nicht. Ich durfte als junger Spieler oft mit Stefan Koubek trainieren, was für mich jedes Mal aufs Neue ein unfassbares Highlight gewesen ist. Dass er aber zum Mentor wurde, dafür war schlichtweg zu wenig Zeit vorhanden und der Altersunterschied zu groß. Ich bin ohne Mentor aufgewachsen.  

Umgekehrt erhalten Sie großes Lob dafür, wie Sie mit den jungen Spielern an der Akademie von Günter Bresnik in Wien umgehen – nicht nur im Training, sondern auch zwischenmenschlich.

Wichtig ist mir das natürlich. Aber ich verstelle mich dort zu keinem Zeitpunkt. Ich bin da die vergangenen 13, 14 Jahre aufgewachsen und gehöre dort komplett dazu, kann mich benehmen, wie ich will und auch mal Mist bauen. Es kennt mich jeder, weiß, wie ich ticke. Insgesamt ist es für jeden ein super Ort dort.

Sie haben Ihren Grundwehrdienst in Österreich mitten in der Phase abgelegt, als es für Sie nach oben ging. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Es waren vier Wochen, es war also nicht so lang, aber auch alles andere als optimal für die Saisonvorbereitung. Ich bin nach dieser Zeit direkt krank geworden, habe die weitere Vorbereitung  verpasst, die ersten Turniere abgesagt und bin so richtig erst im Frühjahr wieder reingekommen. Die Erfahrung selbst hat mir eigentlich gar nichts gebracht. Ich hätte nichts verpasst, wenn ich das nicht hätte machen müssen.

Es gab also keinen Profisportler-Bonus.

Der Bonus war, dass ich nur vier Wochen zu absolvieren hatte. Ansonsten gab es überhaupt keinen Bonus. Eher das Gegenteil war der Fall.

Sie haben 2016 den 1. TFC Matzendorf gegründet, einen Fußballverein für Tennisspieler. Wie schreitet die Entwicklung voran?

Das Matzendorf müssen wir streichen. Wir sind sozusagen heimatlos (lacht). Eine Heimat müssen wir erst noch finden. Aber wir absolvieren im Jahr so zehn bis 15 Hobbymatches oder Charityevents, die immer sehr viel Spaß machen. Das wird vorerst auch in dieser Größenordnung bleiben. Aber einen großen Wunsch habe ich wirklich.

Verraten Sie ihn uns gerne.

Wenn es bei mir Richtung Karriereende geht, will ich unbedingt noch ein paar Jahre im Ligabetrieb kicken. Das ist ein großer Traum, das mit meinem Klub zu erleben. In sieben, acht Jahren will ich anfangen, das alles zu organisieren.

Auf der Agenda steht sicherlich ein Freundschaftsspiel gegen ihren Lieblingsverein, den FC Chelsea.

(lacht) Das ist sicherlich ein weiterer Traum, aber schwer zu realisieren.

Zum Schluss: Stimmt es, dass Ihr Lieblingstier der Pinguin ist?

Ja, das ist korrekt. Ich finde es einfach geil, wie die gehen, so unsicher auf dem Land und dann so elegant im Wasser. Man kann diese Lebewesen nur liebgewinnen.

Das Gespräch führten Christian Albrecht Barschel und Jannik Schneider.