TENNIS-DAVIS-AUS-GER

Michael Kohlmann: „Wir haben kein Nachwuchsproblem“

Im tennis MAGAZIN-Interview spricht Davis Cup-Kapitän Michael Kohlmann über die deutschen Hoffnungsträger und ihre Potentiale.

Herr Kohlmann, erst im November 2021 findet für das deutsche Team wieder Davis Cup statt. Sind Sie gerade arbeitslos?

(lacht) Nein, auf keinen Fall. Ich bin ja eigentlich Bundestrainer im Herren- und Nachwuchsbereich. Durch diese Verlegung habe ich jetzt meinen primären Fokus auf den Nachwuchsbereich gelegt. Wir haben gerade eine ITF-Serie gestartet und während der German Pro Series haben wir parallel eine Nachwuchsserie geschaffen. Ich versuche mir gerade im Nachwuchsbereich einen guten Überblick zu schaffen und mich mehr einzubringen.

Anfang März besiegte Deutschland Weißrussland. Komisch für Sie, dass so lange kein Davis Cup stattfindet?

Ja, es ist eine besondere Situation. Wir vom Verband haben das schon einige Male geäußert, dass das für uns nicht nachvollziehbar war, den Davis Cup ersatzlos zu streichen. Es ist ja keine Verlegung – es wird ein Jahr ausgesetzt. Wir spielen das eigentliche Finale von 2020 nun 2021. Es wird nicht neu ausgelost und es wird keine neue Vorrunde gespielt. Es ist schade, weil gerade diese Davis Cup-Partien immer besondere Wochen für die Spieler waren.

Heißt das auch, dass Einnahmen für den DTB fehlen, etwa durch ausbleibende Heimspiele?

Das neue System sollte ja eigentlich bedeuten, dass es mehr Geld für die Verbände gibt. Wie das jetzt genau geregelt ist, weiß ich nicht, aber mit Sicherheit werden Einnahmen fehlen.

Michael Kohlmann: „Wir sind unangenehm zu spielen“

Wie sieht für Sie Ihr Team für die Zukunft aus?

Aktuell haben wir mit Daniel Altmaier ein junges Gesicht. Wir haben ihn schon lange in unserer Förderung. Dominik Koepfer ist noch jung und hat sich unter die Top 70 gespielt. Kevin und Andi (Krawietz und Mies; Anm. d. Red.) haben ihren außergewöhnlichen Erfolg in Paris bestätigt. Sascha Zverev ist mit einer Top 10-Platzierung immer gesetzt. Und Jan-Lennard Struff war in diesem Jahr schon unter den Top 30. Wir sind für jeden unangenehm zu spielen, auch im neuen System mit zwei Einzeln und einem Doppel.

2019 bei den Davis Cup-Finals in Madrid: Michael Kohlmann mit Jan-Lennard Struff, Philipp Kohlschreiber, Dominik Koepfer und dem Doppel-Paar Kevin Krawietz und Andreas Mies (v.l.).

Was macht Daniel Altmaier so stark?

Er hat einen unglaublichen Willen und ist für seine 22 Jahre schon sehr erwachsen. Aussagen, die er tätigt sind keine Phrasen, sondern nach denen lebt er auch. Das sind auch Sachen, die er sich jeden Tag vorhält. Er ist ein Spieler, bei dem man keine Schablone drüber legen kann. Er kann offensiv und defensiv spielen. Daniel hat Power und Finesse. Das macht ihn auf allen Bodenbelägen gefährlich.

Michael Kohlmann: „Zverev hat sich von den jüngeren Spielern abgesetzt“

Zu Alexander Zverev. Es ist etwas widersprüchlich und provokant gefragt, weil er im US Open-Finale stand, aber stagniert Zverev in seiner spielerischen Entwicklung? 

Auf keinen Fall! Da widerspreche ich. Ich glaube, dass er gerade bei den US Open gezeigt hat, dass er auch in Phasen, wo er nicht sein bestes Tennis spielt, trotzdem Lösungen sucht und findet und damit auch Matches gewinnt. Das macht die großen Spieler aus. Gerade im Finale gegen Dominic Thiem war er über die ersten zwei Sätze der viel bessere Spieler. Er hat druckvoll gespielt. Da hatte ich sogar das Gefühl, wenn er sein Spiel wirklich so durchtrümmert, dass er dann von nur ganz wenigen Spielern in Schach gehalten werden kann. Ich glaube, dass er gerade dabei ist, sein komplettes Potential abzurufen. Bei den French Open, wo er nur eine kurze Vorbereitung hatte, hat er nicht  optimal gespielt – auch von der Platzposition her. Aber durch die US Open hat er sich nochmal von allen jüngeren Spielern abgesetzt.

US Open-Finalist: „Durch die US Open hat er sich nochmal von allen jüngeren Spielern abgesetzt“, sagt Michael Kohlmann.

 Rudi Molleker galt mal als zukünftiger Davis Cup-Spieler. Man hört teilweise, dass er ganz hinschmeißen möchte. Wie steht es um ihn?

Erstmal war Rudi vor der Corona-Auszeit verletzt und hat wenig gespielt und trainiert. Dadurch merkt man ihm jetzt an, dass ihm Training und Matches fehlen. Er wird jetzt 20, deshalb hat er definitiv noch die Zeit, die nächsten Schritte zu machen. Wenn man sich anschaut, dass Daniel Altmaier mit 22 Jahren auf Position 120 steht und Rudi auf Rang 200 platziert ist, dann glaube ich, dass man bei ihm die Messlatte extrem hochlegt. Er hat definitiv das Potential, sich in den nächsten Jahren nach oben zu spielen.

Es fällt auf, dass der DTB bei den Junior Grand Slam-Events schwach vertreten ist. Hat der Verband ein Nachwuchsproblem?

Nein. Wir werden nächstes Jahr mit mindestens zwei, wenn es gut läuft mit vier Spielern im Hauptfeld vertreten sein. Die richtigen Schritte haben wir eingeleitet. Auch durch größere finanzielle Maßnahmen. Vielleicht sprechen wir künftig nicht mehr nur über Teilnahmen, sondern über einen Grand Slam-Titel bei den Junioren oder zumindest Halbfinalteilnahmen. Aktuell sind Max Rehberg und Mika Lipp vielversprechend. Die Jahrgänge danach, 2004 und 2005, sind in den Startlöchern.

Gibt es genug Turniere für den Nachwuchs?

Im Jugendbereich hatten wir zuletzt sieben Turniere in Folge organisiert. Im Oktober gab es mit Ismaning, Hamburg und Eckental drei Challenger. Wir sind in Deutschland sehr gut aufgestellt, auch bei Preisgeldturnieren.