Alexander Zverev

Alexander Zverev: Schon besser als Tommy Haas?

Alexander Zverev gewann in Madrid in beeindruckender Manier bereits sein drittes Masters-1000-Turnier. In der deutschen Bestenliste nimmt der 21-Jährige Kurs, Michael Stich und Tommy Haas zu überflügeln.

Als Alexander Zverev das Masters-1000-Turnier in Madrid im Finale gegen Dominic Thiem in beeindruckender Manier gewonnen hatte, gab es anschließend die mittlerweile gewohnten Kommentare in den sozialen Medien. So war zu lesen: Zverev habe nur Glück gehabt mit der Auslosung und nur gegen leichte Gegner gespielt. Und kleine Turniere würde Zverev zwar gewinnen, aber bei den Grand Slams versagen. Solche Kommentare zeigen, dass sich die öffentliche Wahrnehmung immer mehr auf die Grand Slams fokussiert. Einem Turniersieg, selbst bei einem 1000er-Event, wird nicht die große Beachtung geschenkt, die ihm zusteht. „Dass die Presse heute denkt, es gehe nur noch um vier Veranstaltungen und der Rest ist egal, finde ich schade“, sagte Roger Federer in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 4-2018.

Zverev ist ein Sandplatzwühler

Aber zurück zu Zverev: Der überwiegende Teil der Reaktionen nach Zverevs Turniersieg in Madrid war dennoch sehr positiv. Die bärenstarke Woche in Spaniens Hauptstadt wurde entsprechend gewürdigt, auch von Leuten, die ihn nicht sonderlich mögen. Der 21-jährige Deutsche gab in seinen fünf Matches nicht einmal seinen Aufschlag ab und hatte nur einen (!) Breakball gegen sich. Gegen John Isner verlor er in elf Aufschlagspielen nur sechs Punkte. Überragende Zahlen! Der Aufschlag ist der große Baustein in Zverevs Spiel und wird noch mehr zur Waffe, als er ohnehin schon ist. Die Rückhand: stabil aus allen Lagen und mit einem Wahnsinnstempo. Von der manchmal fehleranfälligen Vorhand war in den Wochen in München und Madrid nichts zu sehen. Und auch beim oft holprigen Spiel am Netz sind große Fortschritte zu erkennen. Madrid war bereits der vierte Sandplatztitel von Zverev. Zum Vergleich: Boris Becker spielte insgesamt 61 Sandplatzturniere auf der ATP-Tour und gewann nicht ein einiges.

Trotz der Körpergröße von 1,98 Meter liegt Zverev das Spiel auf Sand. Auf der roten Asche feierte er 2014 seinen großen Durchbruch als Profi, als er zunächst das Challenger-Turniere in Braunschweig gewann und kurz darauf am Hamburger Rothenbaum sensationell bis ins Halbfinale vorstieß. Geht die Entwicklung des Deutschen so weiter, könnte er stets einer der großen Turnierfavoriten bei den French Open sein, wenn Rafael Nadal eines Tages seine Karriere beendet. Einen deutschen Herrensieger bei den French Open gab es zuletzt im Jahr 1937. Zverev könnte diese Flaute in den nächsten Jahren beenden. Was feststeht: Mit dem gebürtigen Hamburger hat Deutschland endlich wieder einen vorzüglichen Sandplatzspieler, der um die großen Titel mitspielt.

Mehr Masters-Titel als Stich

Zverev hat bereits im Alter von 21 Jahren und einem knappen Monat mehr Turniere auf der roten Asche gewonnen als Michael Stich und Tommy Haas. Es stellt sich die Frage: Ist Zverev bereits besser und erfolgreicher als Tommy Haas, dem drittbesten deutschen Spieler in der Open Era? Die Antwort: Jein! Bei der Anzahl der Turniersiege liegt Haas verständlicherweise noch vorne (15:8). Auch bei den Grand Slams steht bei Haas noch viel mehr auf der Habenseite: vier Halbfinals und vier Viertelfinals. Zverev hingegen wartet noch auf seine erste Viertelfinalteilnahme bei einem Major. Haas schaffte es im ATP-Ranking bis auf Platz zwei (im Jahr 2002), allerdings zu einer Zeit, als es keinen Überspieler auf der ATP-Tour gab. Zverev ist aktuell die Nummer drei in der Weltrangliste, in der Jahresweltrangliste liegt er dagegen schon auf Platz zwei – mit 575 Punkten Rückstand auf Federer.

Dass Haas in den folgenden Jahren von Zverev in sämtlichen Kategorien überflügelt wird, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Haas stand 71 Wochen in den Top Ten, Zverev begann heute bereits seine 41. Woche in den Top Ten. Bei der Anzahl der Wochen in den Top 5 liegt er bereits mit 33 Wochen auf Platz drei der deutschen Spieler (Stich: 108 Wochen, Becker: 476 Wochen). In der Kategorie der Masters-1000-Turniere (damals Super 9) liegt aus deutscher Sicht nur noch Becker vor Zverev. Mit seinem dritten Masters-Titel in Madrid hat er nun auch Stich (zwei Titel, ein Finale) übertroffen.

Kritiker heben oft hervor, dass Zverevs Erfolge in eine Zeit gefallen sind, in der Novak Djokovic schwächelt, Andy Murray und Stan Wawrinka verletzt sind und Federer wenig spielt. Doch selbst wenn alle der Topspieler in Bestform wären, würde Zverev mittlerweile ein festes Mitglied in den Top Ten sein. Das ist die Realität. Die Entwicklung des Deutschen geht rasant weiter. Bittere Niederlagen wie die in der dritten Runde der Australian Open gegen Hyeon Chung, im Auftaktmatch in Indian Wells gegen Joao Sousa sowie die medial unglücklich verlaufene Trennung von Trainer Juan Carlos Ferrero haften nicht lange nach. Mund abputzen und weitermachen: Das ist die erfolgreiche Devise von Zverev.