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Zverev und Struff vor 3. Runde bei French Open: ein bisschen auf Augenhöhe

Alexander Zverev und Jan-Lennard Struff wollen am Samstag in die zweite Woche der French Open einziehen. Für Struff wäre das eine Premiere. Doch für die deutsche Nummer eins ist die zweite Phase eines Grand Slams ebenfalls noch kein Alltag.

Warum etwas ändern, wenn es schon einmal funktioniert hat, dachten sich die beiden Davis Cup-Spieler. Und so trainierten Alexander Zverev und Jan-Lennard Struff am Freitagmittag zum zweiten Mal binnen dreier Tage miteinander. Bereits vor ihren Zweitrundenmatches (Zverev besiegte Ymer in drei, Struff Albot in vier) hatten sie am Mittwoch unter den Augen ihrer Teams trainiert.

Knapp 60 Minuten lang beobachteten Alexander Zverev senior, Fitnesstrainer Jez Green, Physiotherapeut Hugo Gravil und Sergej Bubka Junior (für den eine exakte Tätigkeitsbeschreibung noch gefunden werden muss) auf der einen und Struffs langjähriger Fitnesstrainer Uwe Liedtke und Trainer Carsten Arriens auf der anderen Seite bei strahlendem Sonnenschein Schlag um Schlag ihrer Schützlinge. Es wurde viel geschlagen, viele Wiederholungen, am Ende spielte das deutsche Duo ein paar Games.

Struff, der ähnlich wie Zverev vor der Einheit bereits 30 Minuten warm-up mit Liedtke absolvierte, war zufrieden. „Wir haben ein paar Aufwärmübungen absolviert und ich war ein bisschen auf der Bank. Das Training mit Sascha war gut. Am Tag zwischen den Matches bei den Grand Slams machst du im Training nicht viel Neues“, sagte Struff dem tennis MAGAZIN. anschließend. Er habe am freien Tag etwas länger geschlafen und nach dem Frühstück samt Doppelpartner und Physiotherapeut das erste Spiel der NBA-Finals im Re-Live geschaut. „Ohne das Ergebnis zu wissen“, sagte der Basketballsympathisant.

Zverev, Struff und die Erfahrung bei Grand Slams

Für den 29-Jährigen, der kürzlich zum ersten Mal Vater wurde, war Zerstreuung angesagt. So häufig war er am zweiten Wochenende eines Majors noch nicht gefordert. In Paris ist es das erste Mal. Dem sieben Jahre jüngeren Zverev, so heißt es in der Tennisszene, fehlte in der Vergangenheit noch die Erfahrung bei den vier größten Turnieren. Die frühen Niederlagen dort konterkarierten ein wenig seine Erfolge auf Masters-Ebene. Struff, der in Zverevs Alter nicht so im Mittelpunkt stand, hat trotzdem seine Eingewöhnungszeit benötigt und kann sich daher auch in Zverevs Situation gut hineinversetzen.

„Bei den Slams herrscht so viel mehr Hektik, vor allem hier in Paris. Der Best-of-5-Modus ist nicht nur als junger Spieler brutal. Alle Spieler sind hier nochmal extra motiviert. Das macht es kompliziert“, führte Struff in seiner Pressekonferenz nach dem Erfolg gegen Radu Albot aus. Der Erfolg des Warsteiners wurde nach dem besten Jahr seiner Karriere (drei Top 10-Siege, Viertelfinale in Barcelona) fast schon erwartet. „Dabei ist Albot vor dem Turnier in der Weltrangliste auf 40 fünf Plätze höher platziert gewesen.“ Druck habe er deswegen nicht besonders gespürt.

Gewachsene Ansprüche an Struff

Allerdings sind auch die Ansprüche an ihn gestiegen. Als der Zeitplan in Rom aufgrund des Regens durcheinandergewirbelt wurde, schlug Struff vor kurzem an einem Tag erst Marin Cilic und wähnte sich abends gegen Kei Nishikori bereits auf der Siegerstraße. Dreimal führte er mit Break, ehe er gegen den Japaner noch verlor. „Dass ich an einem Tag fast zwei Top 10-Spieler besiegt habe, hat mir dennochl Selbstvertrauen gegeben.“

Unabhängig vom Ausgang der Partie gegen Borna Coric am Samstag (direkter Vergleich 2:2, die letzten beiden Duelle verlor der Deutsche) wird Struff in der neuen Weltrangliste erstmals die deutsche Nummer zwei sein, überholt Philipp Kohlschreiber. In seiner typischen ruhigen Art sagte er dazu: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht aufgefallen ist.“ Dann musste er grinsen.

Auf dem Court mit Struff hatte auch Alexander Zverev ein paar Mal Grund zur Freude. Struff und Zverev sind nicht sonderlich eng miteinander. Aber die Davis Cup-Spieler respektieren sich. Zverev lobte den älteren Kollegen in schöner Regelmäßigkeit bei den Ländervergleichen. Struff betont aus eigener Erfahrung gerne mal, dass man bei Zverev  trotz aller Erfolge das Alter nicht außer Betracht lassen sollte.

Zverev und die Platzposition

Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass von einem Top-5-Spieler mehr erwartet wird. Und so musste sich Zverev am Donnerstag wieder mal sportlicher Kritik erwehren. Zuletzt war es häufig um Nebenkriegsschauplätze (Managersituation, Beziehungsaus) gegangen. Nun kritisierten Boris Becker und John McEnroe unisono die Platzposition der deutschen Nummer eins. Diese sei zu weit hinten. Becker vermisse gar eine Weiterentwicklung. „Die Gegner haben sich mittlerweile auf Saschas Spiel eingestellt“, erklärte der Eurosportexperte.

Nun ist mit der Frage, ob Zverev tatschlich zu defensiv orientiert agiert, keine gänzlich neue Diskussion entbrannt. Zverev wurde bereits das ein oder andere Mal damit konfrontiert. Nach seinem glatten Dreisatzerfolg gegen Mikael Ymer am Donnerstag holte er auf tennis MAGAZIN-Frage etwas weiter aus. Es war zu merken, dass ihn das Thema beschäftigt und auch etwas nervt.

„Jeder hat seine eigene Meinung. Aber ich sehe es nicht so wie Boris und John. Mein Vater und Ivan Lendl übrigens auch nicht“, erklärte Zverev. Er habe schon oft bewiesen, dass er mit seiner Spielart große Matches gewinnen könne. Wenn er schlecht spiele, sei er sehr passiv. „Spiele ich gut, bin ich einer der aggressivsten Spieler der Tour. Für mich geht es mehr um den Balltreffpunkt und wie ich ihn fühle“, ergänzte die Nummer fünf der Welt, bevor er etwas deutlichere Worte fand.

„Für mich ist es auch ein bisschen Schwachsinn: Weil ein Andy Murray zum Beispiel kann zwei Meter vor der Grundlinie stehen und wird trotzdem anders spielen als ein sagen wir Juan Martin Del Potro. Denn Spieler wie Del Potro oder ich: Wir brauchen Zeit, um unsere Schwünge auszuführen. Dafür haben wir zehnmal mehr Power als die anderen.  Jeder Spieler muss sich an seine eigene Konstitution anpassen. Man darf nicht alle Spieler in eine Gruppe stecken. Boris und John sind ihr ganzes Leben ans Netz gelaufen. Aber jeder Spieler ist anders.“

Da blitzte er wieder auf. Der leidenschaftliche Verteidiger seiner selbst. Gegen den jungen Schweden Ymer hatte er es streckenweise sehr gut gelöst. Boris Becker lobte bei Eurosport. „Da hat er aus der ersten Runde gelernt.“ Natürlich ist sowohl die Kritik nach der ersten und das Lob nach der zweiten Runde etwas überspitzt formuliert. Das gehört zu den Aufgaben eines TV-Experten.

Was richtig ist: Zverev muss in den richtigen Momenten nach powervollen Schlägen tatsächlich den Weg hinein in den Court finden – nachrücken. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Netzspiel, sondern eher darum, nach einem kürzeren Ball des Gegners aggressiv nachzugehen. Bei den ATP-Finals etwa hat er das auf natürliche Art und Weise hinbekommen.

Und jetzt, da sein Selbstvertrauen nach dem Turniersieg in Genf wieder gestiegen ist, sollte er wieder Vertrauen in seine aggressiven Schläge finden. Gegen den an 30 gesetzten Serben Dusan Lajovic (Spielbeginn Samstag 11 Uhr) wird es eine erneute Steigerung benötigen. „Er hat eine unglaubliche Sandplatzsaison gespielt mit dem Finale in Monte Carlo als Höhepunkt“, erinnerte Zverev. Das Finale verlor er im Übrigen gegen Fabio Fognini (ein möglicher Achtelfinalgegner Zverevs). Aber soweit denkt Zverev noch nicht. Schließlich hat er 2018  in Runde zwei der French Open gegen Lajovic hartumkämpfte fünf Sätze benötigt.

Dass er vor einem Jahr nach einer grandiosen Sandplatzsaison (Titel in München und Madrid, Halbfinale Monte Carlo und Rom) in die Favoritenrolle gedrängt wurde, war ihm zwar nicht unangenehm. „Aber ich hatte bis dahin noch kein Viertelfinale gespielt bei einem Grand Slam. Und dort muss man gewisse Dinge anders angehen, man muss eine gewisse Anzahl an Grand Slams spielen, bis man weiß, wie sie funktionieren, wie Fünfsatzmatches funktionieren, und was in den beiden Wochen alles passiert. Diese Erfahrung hatte ich damals noch nicht.“ Gewinnt Zverev, stünde auch er erst zum vierten Mal nach Wimbledon 2017, den French Open 2018 und den Australian Ipen 2019 in der zweiten Woche eines Grand Slams.

Und irgendwie geht es ja trotzdem nur darum, einen Ball über ein Netz zu befördern. Ein Majorturnier macht daraus aber eine auch für die besten Spieler der Welt größere Herausforderung. Und so begegnen sich die beiden besten deutschen Spieler momentan in ihrer Denkweise und in ihrer Weiterentwicklung bei den Grand Slams auf Augenhöge. Und sind an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere auch spielerisch momentan nicht allzu weit voneinander entfernt.