2024 Roland Garros Henri Squire (GER) *** 2024 Roland Garros Henri Squire GER

Starke Leistung! Bei seinem Grand Slam-Debüt schaffte es Henri Squire über die Qualifikation bis in die zweite Runde.Bild: Imago

Henri Squire: „Jetzt habe ich den Glauben an mich gefunden“

Henri Squire, 23 Jahre alt, geboren in Duisburg, steht in der zweiten Runde bei den French Open 2024. Dabei rechnete er erst nicht damit, überhaupt in Paris starten zu können. Zeitweise überlegte er sogar, seine Karriere zu beenden. tennis MAGAZIN hat ihn in Paris getroffen und mit ihm über seinen Werdegang und sein Debüt gesprochen.

Court acht ist einer der Nebenplätze im Stade Roland Garros. Von den Zuschauerrängen aus kann man zu einer Seite den Centre Court Philippe Chatrier sehen, auf der anderen Seite blickt man auf die Architektur des zweitgrößten Platzes Suzanne Lenglen. Genau hier bestritt Henri Squire am Montag, den 27. Mai, sein Erstrunden-Match gegen den Australier Max Purcell. Dreieinhalb Stunden (plus Regenpausen über mehrere Stunden) dauerte die Partie zwischen der 221 der Weltrangliste und dem Top-100-Spieler Purcell. Seine vorerst souveräne Führung mit 6:2, 6:2 konnte Squire nicht halten und musste zum ersten Mal in seiner Karriere über fünf Sätze spielen. Obwohl er im letzten Durchgang bereits mit Break zurücklag und Matchbälle gegen sich hatte, kämpfte sich der Grand Slam-Debütant in den Match-Tiebreak, den er schließlich mit 12:10 für sich entschied.

 

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„Sechs Matchbälle habe ich abgewehrt, das habe ich im Kopf“, sagt er später lachend. „Ich habe einfach probiert, mein Ding durchzuziehen und die Nerven zu bewahren. Das hat sich ausgezahlt.“

Henri Squire: „Damit kam ich erst nicht zurecht“

Squire trat knapp eine Woche zuvor erstmals überhaupt in der Qualifikation eines Grand Slam-Turniers an. Durch Absagen anderer Spieler war er eine Stunde vor Auslosung in das Quali-Draw gerutscht. „Ich dachte eigentlich, dass ich gar nicht spielen werde. Aber dann war ich supernervös. In meinem ersten Match lag ich schnell mit Satz und Break hinten. Aber ich habe mich reingekämpft.“

Drei Quali-Matches, die über zwei Gewinnsätze gehen, überstand Squire. Am Montag folgte dann die große Herausforderung: „Eigentlich war ich nicht so nervös, weil ich schon drei Quali-Matches gespielt und mich wohlgefühlt hatte“, sagt er. „Aber dieses Fünf-Satz-Format hat dann schon was mit mir gemacht. Damit kam ich im ersten Moment nicht zurecht“, stellte er im Nachgang fest. Was ihm dann geholfen hat, das Match zu seinen Gunsten zu drehen: die Atmosphäre auf dem Court. „Die Zuschauer haben mir viel Energie gegeben. Ich war schon etwas müde, aber dann kam der Adrenalinschub. Das habe ich so noch nie erlebt“, berichtet er.

Bei den French Open: Training neben Rafael Nadal

Die ganze Aufregung bei einem so großen Turnier war ebenfalls neu für Squire: „Es ist viel mehr Trubel als bei den Turnieren, die ich kenne. Es schauen viele Leute zu und die Wichtigkeit ist eine andere. Ein Grand Slam ist einfach das Event, das jeder Tennisspieler spielen möchte. Das hat eine Riesenbedeutung.“

Am Sonntag vor seinem Erstrunden-Match wollte Squire es etwas ruhiger angehen. Auf dem benachbarten Trainingsgelände Jean Bouin schlug er ein paar Bälle mit seinem Team. Neben ihm trainierte niemand geringeres als Rafael Nadal. „Das habe ich wahrgenommen. Ich habe ihn noch nie von so Nahem gesehen. Die ersten fünf Minuten spielte er noch entspannter, dann hat er an Intensität zugelegt und angefangen zu stöhnen. Da habe ich schon rüber geguckt und mir gedacht: Cool!“ Kurz darauf entzog Squire sich aber dem Trubel und flüchtete ins Hotel, um etwas runterzufahren. „Nachmittags bin ich ins Hotel gefahren, war etwas essen und bin dann früh schlafen gegangen“, erzählt er.

Henri Squire

Mächtiger Aufschlag: Mit seinen 1,96 Metern serviert Squire locker über 200 km/h.Bild: Juergen Hasenkopf/Imago

Henri Squire: „Ich war orientierungslos“

Dass Squire aber heute überhaupt diese Erfahrungen bei großen Turnieren machen kann, war lange kaum zu erwarten. Als Jugendlicher erreichte er 2018 bei den Australian Open der Junioren an der Seite von Rudolf Molleker das Doppelfinale. Als er 2019 mit tennis MAGAZIN sprach, plante er im nächsten Jahr ins Profi-Geschehen einzusteigen. Aber es kam anders. Denn Squire entschied sich für einen Zwischenstopp in den USA am College, der Wake Forest University.

Die Frage auf die Antwort, warum er sich für diesen Schritt entschied, überrascht: „Ich hatte die Motivation fürs Tennis verloren, hatte keine Lust mehr zu spielen und war orientierungslos. Und ganz ehrlich: Ich war nicht gut genug für die Future-Tour und zu faul.“ Mithilfe eines kleinen Schubsers seiner Eltern ging er dann ans College von Winston Salem im US-Bundesstaat North-Carolina. Dort studierten auch schon andere Profis wie Borna Gojo oder Noah Robin. Langsam fand Squire seine Motivation und die Lust am Tennisspielen wieder. „Nach der zweiten Saison habe ich mich dann entschieden, professionell zu spielen. Diesmal hatte ich das Gefühl, dass ich es packen kann“, sagt er heute.

Henri Squire: Mit neuem Coach und Extra-Motivation in die Top 200

Nach knapp zehn Future-Turnieren stand er unter den Top 500 der Weltrangliste und arbeitete sich Stück für Stück nach oben. Zwischenzeitlich wurde er von einem Bandscheibenvorfall gebremst, der ihn zu einer fast dreimonatigen  Pause zwang. „Schmerzen hatte ich aber weiterhin für noch ein halbes oder dreiviertel Jahr. Das hat gedauert und für mich war es ein Rückschritt in meinem Plan.“ Was Squire auch missfallen ist: „Letztes Jahr war ich viel alleine unterwegs. Das war schwierig. Außerdem habe ich mir selbst viel Druck gemacht, immer gewinnen zu müssen, um im Ranking besser zu werden“, sagt er.

Aber mittlerweile konnte sich der 23-Jährige aus dieser Situation befreien. Denn seit Ende 2023 arbeitet er mit Jeremy Jahn, einem deutschen Ex-Profi, zusammen. Jahn, 34 Jahre alt, erreichte 2017 sein bestes ATP-Ranking mit Platz 197. Ende 2023 beendete er seine Karriere und reist seither mit Squire. „Wir haben schon früher oft zusammen trainiert, als er noch aktiv war. Genau wie ich hatte Jeremy viel mit Verletzungen zu kämpfen. Letztes Jahr hatte ich ihm dann vorgeschlagen, mich für zwei Wochen nach Spanien zu begleiten. Das war super“, erklärt der 23-Jährige die Konstellation. Was er an ihm schätzt? „Er hat ein gutes Spielverständnis, ist ein sympathischer Typ und ich komme menschlich gut mit ihm zurecht. Das ist mir sehr wichtig, wenn man so viel reist und Zeit miteinander verbringt.“

Henri Squire: „Ich kann mit den Jungs mithalten und gewinnen“

Eine weitere Stütze für Squire ist sein Vater David. „Mein Papa war immer mein Trainer. Aber gemeinsam mit Jeremy haben wir jetzt eine gute Balance gefunden. Jeremy ist mein Hauptcoach zu 90-95 Prozent. Aber mein Papa unterstützt mich sonst auch, hier in Paris ist er mit dabei.“

Seit 2024 läuft es für den gebürtigen Duisburger nun rund. Im März gewann er seinen ersten Challenger-Titel in Hamburg – ohne Satzverlust. Mit vier gewonnenen Matches bei den French Open steht Squire nun erstmals unter den Top 200 im Live-Ranking. Und Spaß macht ihm der Tennissport auch wieder: „Gerade genieße ich einfach den Wettkampf und den Kampf mit dem Gegner. Da habe ich Freude dran“, sagt er. So richtig messen kann er sich dann auch in seinem Zweitrunden-Duell mit Top-20 Spieler Felix Auger-Aliassime am Donnerstag. „In den letzten Monaten habe ich den Glauben an mich gefunden, dass ich mit den ganzen Jungs mithalten und sogar gewinnen kann. Ich arbeite hart und das zahlt sich aus.“