BOSS OPEN STUTTGART 2026 in Stuttgart

Zu Gast im Stuttgart: Tommy Haas stattete dem ATP-Rasenturnier einen Besuch ab. Bild: IMAGO

Haas über Zverev: „Er wird froh sein, dass das Thema nun vom Tisch ist“

Tommy Haas über Zverevs Befreiungsschlag, eine neue Tour für Ex-Profis und Italiens Tenniswunder – in der aktuellen Folge des „Behind the Athletes“-Podcasts.

Als Alexander Zverev am 7. Juni 2026 auf dem roten Sand von Roland Garros zu Boden sank, die Hände vors Gesicht geschlagen, endete eine der längsten Wartezeiten des deutschen Tennis. Mit einem 6:1, 4:6, 6:4, 6:7 (5), 6:1 gegen den Italiener Flavio Cobolli holte der 29-Jährige endlich seinen ersehnten ersten Grand-Slam-Titel – und wurde zum ersten deutschen Major-Sieger der Herren seit Boris Beckers Triumph bei den Australian Open 1996. Ein Mann, der diesen Moment wie kaum ein anderer einordnen kann, ist Tommy Haas.

In der neuesten Folge des wöchentlichen Podcasts Behind the Athletes ist der ehemalige Weltranglisten-Zweite und heutige Turnierdirektor des BNP Paribas Open in Indian Wells zu Gast – und er spricht offen über die Last, die Zverev mit diesem Titel von den Schultern gefallen ist.

Ein Befreiungsschlag für Zverev

„Es gab so viel Hype und Gerede darüber, ob er jemals einen Grand Slam gewinnen würde“, sagt Haas, der selbst nie in einem Grand Slam-Finale stand. „Er wäre womöglich als der beste Spieler in die Geschichte eingegangen, der nie einen Grand Slam gewonnen hat. Ich bin sicher, er ist froh, dass das jetzt vom Tisch ist.“

Es ist ein Satz, der bei Haas besonders nachklingt – denn niemand kennt das Etikett vom „besten Spieler ohne großen Titel“ besser als er selbst. Auch Haas stand einst auf Platz zwei der Weltrangliste, erreichte dreimal das Halbfinale bei den Australian Open und stand einmal unter den letzten Vier von Wimbledon, wurde aber von schweren Verletzungen immer wieder zurückgeworfen und blieb am Ende ohne Major-Titel. Aus dieser Perspektive wird seine Reflexion zur fast philosophischen Frage: „Hätte ich mich selbst zufrieden gefühlt, wenn ich einen Grand Slam gewonnen hätte? Vielleicht – oder vielleicht nicht. Dann hätte ich gedacht, vielleicht hätte ich zwei gewinnen können.“

Zverevs Weg zum großen Triumph war zunächst von knappen Niederlagen geprägt: 2020 führte er im US-Open-Finale bereits mit 2:0 Sätzen, ehe ihn Dominic Thiem (der schon selbst Gast bei Behind the Athletes war) noch abfing; 2024 verspielte er in Paris eine 2:1-Satzführung gegen Carlos Alcaraz; 2025 unterlag er im Endspiel der Australian Open klar Jannik Sinner. Dass ausgerechnet Roland Garros nun zur Bühne der Erlösung wurde, hat eine besondere Symbolik – hier hatte sich Zverev 2022 im Halbfinale gegen Rafael Nadal schwer am Knöchel verletzt. Und es half, dass sich in diesem Jahr eine seltene Lücke auftat: Sinner stolperte früh durch die Hitzewelle, Novak Djokovic schied überraschend aus, und Titelverteidiger Alcaraz hatte vor dem Turnier verletzt abgesagt.

Haas: „Wir suchen nur noch einen Investor“

Haas spricht in dem Podcast aber nicht nur über Zverev – sondern auch über sein neuestes Projekt: einer Tour für ehemalige Profis. „Tatsächlich arbeite ich gerade hinter den Kulissen an genau so einer Tour“, verrät er. „Wir sind sehr nah dran. Wir suchen im Moment nur noch einen Investor, um das Ganze möglich zu machen. Die meisten Spieler, mit denen ich darüber gesprochen habe, sind alle voller Vorfreude und bereit. Es liegt uns einfach im Blut, wir wollen weiter konkurrieren.“ Haas, inzwischen 48 Jahre alt, dürfe einer der fittesten unter den Ex-Profis sein. 2025 wurde er noch mit dem Team vom TC Großhesselohe Deutscher Mannschafts-Meister – und das in der Altersklasse Herren 30.

Was Haas drüber hinaus beschäftigt, ist der enorme Erfolg des italienischen Tennis. Mit Sinner an der Spitze, einem Cobolli im Finale von Paris und einer ganzen Welle nachrückender Talente ist Italien zur prägenden Tennisnation dieser Ära geworden. In Roland Garros standen erstmals drei Italiener im Viertelfinale eines Grand Slam-Turniers und die beiden Besten – Jannik Sinner sowie Lorenzo Musetti – waren noch nicht einmal dabei.

Warum Italien das Herrentennis dominiert

Für Haas ist dieser Boom kein Zufall. „Das passiert nicht über Nacht. Da steckt vor allem die Führung dahinter“, erklärt er. „Der Verband, der eine Vision hat – und dann einen Weg findet, sie umzusetzen. Du hast all diese ehemaligen Spieler, die in den Verband kommen. Irgendwann hat jemand gesagt: So investieren wir in die Anlagen, ins Coaching, und machen diesen Sport für mehr Menschen bezahlbar. Und dann kommen immer neue Spieler nach.“ Ein Satz, der auch dem deutschen Tennis zu denken geben dürfte – wo nach Zverev die nächste Generation noch auf ihren Durchbruch wartet.

 

Gegenüber tennis MAGAZIN äußerte sich Haas letztes Jahr allerdings grundsätzlich optimistisch, was den männlichen Nachwuchs in Deutschland angeht: „Hoffnung geben mir die U18-Spieler Justin Engel, Diego Dedura, Max Schönhaus und Niels McDonald.“ Mit Schönhaus hatte Haas sogar schon ein paar Mal in Florida trainiert. „Er ist ein guter Typ mit einer wunderbaren einhändigen Rückhand. Er gefällt mir, auch weil er den nötigen Biss hat. Die Frage wird sein, wie er den Wechsel von den Junioren zu den Herren bewältigt“, sagte Haas 2025. Inzwischen hat Schönhaus erste Duftmarken auf der ATP-Tour gesetzt und steht in den Top 350.

Haas im Show-Doppel mit drei Legenden

Zum Abschluss der Behind the Athletes-Episode sprach Haas in seiner Funktion als Turnierdirektor von Indian Wells noch aus dem Nähkästchen. Es war beim Turnier 2019, als es im Halbfinale zu einem absoluten Klassiker kommen sollte: Nadal gegen Federer – mehr ging nicht. Doch dann musste Nadal rausziehen wegen Knieproblemen. Haas: „Ich rief John McEnroe an und fragte ihn: ‚Kannst du vielleicht ein Schaumatch spielen?‘ Er antwortete: ‚Wann?‘ Ich sagte: ‚Tja – Rafa spielt nicht. Du musst in einer Stunde hier sein.‘ Er sagte: ‚Glück für dich, ich spiele gerade ohnehin schlecht Golf. Ich komme.'“

Das Ergebnis war eine Besetzung, von der andere Veranstalter nur träumen: „Wir hatten McEnroe, wir hatten Sampras, wir hatten Novak. Es war einfach unwirklich.“ Der vierte Mann in dem Show-Doppel war übrigens Haas selbst. Wie praktisch, wenn man als Turnierdirektor noch so ein Level abrufen kann, um mit drei Tennislegenden auf dem Platz stehen zu können.