McEnroe

John McEnroe beim Laver Cup: Auch als Ehrengast nahm er kein Blatt vor den Mund und ermutigte die Pofis zu einem Boykott der Grand Slam-Turniere.Bild: IMAGO

McEnroe fordert Grand Slam-Boykott: „Das ist der einzige Weg für die Profis“

John McEnroe fordert die Profis zum Boykott der Grand Slam-Turniere auf, obwohl die Spieler das Ende der öffentlichen Phase ihres Preisgeld-Protests verkündet hatten.

Eigentlich war das Thema vom Tisch: Vor zwei Wochen, nach dem US Open-Herrenfinale, erklärte eine Gruppe von Top 10-Profis das Ende ihres Preisgeld-Protests, weil nun ein neu geschaffener Spielerrat die Sache weiterverfolgen solle. Wörtlich hieß es dazu laut The Athletic: Da nun ein formeller Rat existiere, um diese Arbeit fortzuführen, sei „die öffentliche Phase der Kampagne beendet.“

Kurz zur Erinnerung: Einige Top-Stars hatten insbesondere im Vorfeld von Roland Garros und Wimbledon mit einem Boykott gedroht, sollten die Preisgelder nicht massiv angehoben werden. Der springende Punkt dabei war, dass die Spieler und Spielerinnen einen höheren Anteil der Gesamteinnahmen der Großevents forderten.

McEnroe: Spieler müssen als Partner behandelt werden

John McEnroe hat nun beim Laver Cup in London die Diskussion wieder neu entfacht. Der siebenfache Grand Slam-Champion, seit der ersten Ausgabe 2017 eng mit dem Kontinental-Wettstreit verbunden und über sieben Jahre lang Kapitän von Team Welt, fand vor einer Gruppe Journalisten deutliche Worte: „Der einzige Weg, das (einen höheren Anteil der Gesamteinnahmen, Anm. d. Red.) durchzusetzen, ist meiner Meinung nach, ein oder zwei Grand Slam-Turniere zu boykottieren.“ Die Spieler müssten als Partner der vier größten Turniere der Welt behandelt werden – und genau daran hapere es: „Das sorgt für Reibung – sie bekommen nur einen kleinen Teil der Einnahmen ab.“

McEnroe Boykott Preisgeld

Vereint beim Laver Cup: die Tennislegenden John McEnroe (li.) und Roger Federer (re.).Bild: IMAGO

Schon im Frühjahr 2025 unterschrieb nahezu die gesamte Weltspitze zwei Briefe an die vier Grand-Slam-Chefs mit der Forderung nach mehr Preisgeld, Einzahlungen in einen Wohlfahrtsfonds für Rente und Mutterschaft sowie einem Mitspracherecht bei Entscheidungen, die die Spieler betreffen. Die Zielmarke: 22 Prozent der Turniereinnahmen sollen künftig als Preisgeld ausgeschüttet werden – der Wert, den vergleichbare combined events der ATP- und WTA-1000-Kategorie bereits erreichen. Aktuell liegt der Schnitt bei den Majors laut Spielergruppe bei rund 15 Prozent.

Protest mit Prominenten

Im März 2026 wiederholte eine Gruppe der bestplatzierten Männer und Frauen ihre Forderung in einem gemeinsamen Brief. Unterzeichnet hatten unter anderem Aryna Sabalenka, Coco Gauff, Iga Swiatek, Jessica Pegula und Jasmine Paolini auf Frauenseite sowie Jannik Sinner, Carlos Alcaraz, Alexander Zverev und Taylor Fritz bei den Männern.

Konkret wurde es im Mai, kurz vor dem Sandplatz-Highlight des Jahres. Die Roland Garros-Organisatoren hatten eine Preisgelderhöhung um 9,5 Prozent auf 61,7 Millionen Euro verkündet – aus Spielersicht ein Rückschritt. Weil die Turniereinnahmen schneller wuchsen als der Preisgeldtopf, sank der Spieleranteil den eigenen Berechnungen zufolge von 15,5 Prozent (2024) auf 14,9 Prozent (2026).

Sabalenka und Gauff sind sich einig

Aryna Sabalenka reagierte beim Vorbereitungsturnier in Rom mit deutlichen Worten: „Ohne uns gäbe es kein Turnier und keine Unterhaltung. Ich denke, wir verdienen definitiv einen größeren Anteil.“ Und weiter: „Ich glaube, irgendwann werden wir boykottieren. Ich habe das Gefühl, das wird der einzige Weg sein, für unsere Rechte zu kämpfen.“

Coco Gauff sprang ihr bei – mit einem eigenen Argument. Die Roland Garros-Titelverteidigerin verwies auf die US-Frauen-Basketball-Liga WNBA, deren Spielerinnengewerkschaft kurz zuvor einen neuen Tarifvertrag ausgehandelt hatte: „Um wirklich etwas zu bewegen, braucht es offenbar eine Gewerkschaft. Wir müssten uns irgendwie organisieren.“

Gauff lenkte zudem den Blick weg von den Top-Verdienerinnen hin zu den Spielerinnen im Mittelfeld der Weltrangliste: „Schaut man sich an, wie viel jedes Grand Slam-Turnier einnimmt, und vergleicht das mit dem, was Spielerinnen auf Platz 50 bis 200 verdienen – dann ist es schon bemerkenswert, dass viele der 200 besten Tennisspielerinnen der Welt von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben.“

Sinner: „Dem Ziel nicht nähergekommen“

Auch Jannik Sinner äußerte sich in Rom zu dem Thema, wählte aber eine zurückhaltendere Tonlage, ohne sich inhaltlich zu distanzieren: „Es geht eigentlich mehr um Respekt. Ich glaube, wir geben deutlich mehr, als wir zurückbekommen. Und das betrifft nicht nur die Topspieler, sondern uns alle.“

Auf die Frage, ob ihm nach einem Jahr ohne Fortschritt der Geduldsfaden reiße, wurde er deutlicher: „Es ist nicht schön, dass wir nach einem Jahr dem, was wir uns wünschen, nicht mal nähergekommen sind.“ Einen Boykott wollte Sinner damals nicht ausschließen, aber auch nicht versprechen: „Das ist schwer zu sagen. Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen. Aber gleichzeitig glaube ich, dass wir irgendwo anfangen müssen.“

Der Protest wird leiser – aber nicht beendet

In Wimbledon im Juni ging die Protestform in eine sichtbarere Phase über: Führende Spieler begrenzten ihre Medientermine in der ersten Turnierwoche auf 15 Minuten nach jedem Match. Wimbledon hatte zuvor sein Preisgeld um 20 Prozent erhöht; die US Open zogen im Spätsommer mit einem ähnlichen Plus nach. Sinner selbst hielt sich in London auffallend bedeckt und ließ bei einem Medientermin durchblicken, lieber „über Tennis reden“ zu wollen als über die Protestaktion.

In New York zog die Spielergruppe schließlich einen vorläufigen Schlussstrich unter die Debatte und übergab ihr Anliegen an den Spielerrat. Man behalte sich aber ausdrücklich vor, die öffentliche Kampagne wieder aufzunehmen, sollte der Rat die gesteckten Ziele nicht erreichen. Dieser Rat wird sich laut Ankündigung vor allem um sportliche Fragen kümmern; Gehaltsfragen sollen weiterhin direkt mit den einzelnen Grand Slams verhandelt werden – getrennt voneinander, nicht gebündelt.

McEnroe fordert weniger Pflichtturniere

Neben der Geldfrage sprach McEnroe in London noch ein zweites, altbekanntes Thema: die Pflichtturniere. Sowohl bei den Herren als auch bei den Damen müssen Top-Spieler eine bestimmte Zahl an Masters-1000- und 500er-Turnieren bestreiten, wobei Absagen geahndet werden können. Die WTA Tour hat dazu in diesem Jahr sogar einen eigenen Ausschuss eingerichtet. „Sie sollten spielen können, was sie wollen“, forderte McEnroe. „Wenn du nur sechs Turniere spielst, aber alle gewinnst, kannst du trotzdem die Nummer eins sein. Diese Vorstellung, dass man 20 Turniere bestreiten und die besten 15 werten lassen soll – oder was auch immer die Regeln gerade sind – holt nicht das Beste aus den Spielern heraus.“

Der 67-Jährige betonte: „Wir reden darüber schon ewig – das ist nichts Neues. Das Spiel ist schneller und körperlicher geworden, die Technologie auch, der Ball wird härter geschlagen als je zuvor. Vieles hat sich verändert, aber das hier muss trotzdem endlich angegangen werden.“