Casper Ruud

Casper Ruud stand auf Platz 2 im ATP-Ranking und gewann bislang 14 ATP-Titel.Bild: Imago

Casper Ruud: „Ein Grand-Slam-Titel garantiert nicht dauerhaftes Glück”

Casper Ruud spricht im Interview über die Lehren aus seinen drei Grand-Slam-Finals, seine Familie und seinen Modestil. 

Herr Ruud, das Tennisjahr 2026 hat begonnen. Wenn Sie Ende des Jahres auf die Saison 2026 zurückblicken, mit welchem sportlichen Ergebnis wären Sie zufrieden?

Ich habe gelernt, mit konkreten Zielen vorsichtig zu sein. Für mich ist eine gute Saison, wenn ich gesund bleibe, mich bei den größten Turnieren wettbewerbsfähig fühle und weiß, dass ich meine tägliche Arbeit ordentlich gemacht habe. Wenn das zu guten Platzierungen bei den Grand Slam-Turnieren und zum Kampf um die größten Titel führt, dann wäre ich sehr zufrieden.

Sie werden dieses Jahr Vater. Inwieweit wird sich das auf Ihre Karriere auswirken?

Es wird mein Leben mehr verändern als meine Karriere, und das ist gut so. Tennis ist mir nach wie vor sehr wichtig, aber Vater zu werden relativiert alles auf eine tiefere Art und Weise. Ich glaube, dass es mich sowohl auf als auch außerhalb des Platzes ruhiger und ausgeglichener machen kann.

Sie sind ein Familienmensch. Ihr Vater Christian ist seit Ihrer Kindheit Ihr Trainer. Sie haben ein enges Verhältnis zu Ihren beiden Schwestern. Im Gegensatz zu vielen anderen Spitzenspielern leben Sie nicht in Monaco oder Dubai, sondern weiterhin in Norwegen, obwohl die Steuern dort enorm hoch sind. Was bedeuten Ihnen Ihr Zuhause und Ihre Familie?

Sie sind mein Fundament. Meine Familie in der Nähe zu haben, in Norwegen zu leben, mit meiner Heimat verbunden zu bleiben – das gibt mir Stabilität. Tennis kann sehr intensiv und manchmal einsam sein, daher tanke ich zu Hause neue Energie. Das ist mir wertvoller als jeder Steuervorteil.

Was ist Ihrer Meinung nach schwieriger für Sie: einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen oder Norwegens Sportler des Jahres zu werden, angesichts der großen Konkurrenz durch Leichtathleten (Karsten Warholm, Jakob Ingebrigsten), Fußballer (Erling Haaland, Martin Odegaard), Golfer (Viktor Hovland) und Wintersportler?

Einen Grand Slam zu gewinnen, ist für mich das Größte. Das war schon mein Kindheitstraum. In Norwegen sind Sportarten wie Fußball und Skilanglauf sehr beliebt, während Tennis noch eine relativ kleine Sportart ist. Das macht Årets idrettsnavn (so heißt die Wahl zu Norwegens Sportler des Jahres; Anm. d. Red.) auch zu einem extrem hart umkämpften Titel. Wenn man gegen Athleten wie Warholm, Ingebrigtsen, Haaland oder Hovland antritt, wird einem klar, wie außergewöhnlich man sein muss, um sich von ihnen abzuheben. Aber für mich persönlich würde der Gewinn eines Grand Slams am meisten bedeuten.

Sie haben in drei Grand-Slam-Finals gespielt und verloren, Sie waren zudem nur einen Sieg davon entfernt, bei den US Open 2022 die Nummer 1 der Welt zu werden. Was haben Sie aus Ihren drei Grand-Slam-Finals am meisten gelernt?

Dass die Margen auf diesem Niveau unglaublich gering sind. Ich habe gelernt, dass man gleichzeitig Geduld, Glauben und Akzeptanz braucht. Diese Finalniederlagen haben wehgetan, aber sie haben mir auch gezeigt, dass ich dort hingehöre, und das ist wichtig für mein Selbstvertrauen für die Zukunft.

Casper Ruud

Casper Ruud verlor innerhalb von zwölf Monaten drei Grand-Slam-Finals: bei den French Open 2022 (gegen Rafael Nadal), bei den US Open 2022 (gegen Carlos Alcaraz) und bei den French Open 2023 (gegen Novak Djokovic).Bild: Imago

Dominic Thiem sagte einmal in einem Interview, ein Grand-Slam-Titel würde ihn für immer glücklicher machen und sein Leben verändern. Aber das war für ihn nach dem Gewinn des US-Open-Titels 2020 nicht der Fall. Er sagte, das sei eine Illusion gewesen. Was denken Sie darüber? Und denken Sie manchmal darüber nach, was passiert wäre, wenn Sie ein Grand-Slam-Turnier gewonnen und die Nummer 1 geworden wären? 

Ich stimme ihm zu. Ein Grand-Slam-Titel wäre ein großartiger Moment, aber er würde nicht alle Probleme lösen oder dauerhaftes Glück garantieren. Ich habe gelernt, dass Erfüllung eher durch den Prozess, die Menschen um einen herum und die persönliche Entwicklung entsteht als durch einen einzigen Pokal.

Vergangenes Jahr sprachen Sie offen über psychische Probleme und darüber, wie Sie erfolgreich Hilfe gesucht haben. Welche mentalen Routinen helfen Ihnen vor wichtigen Spielen am meisten?

Atemübungen, Konzentration auf einfache Signale und mir selbst bewusst machen, dass Druck ein Privileg ist. Ich versuche auch, meine Nervosität zu akzeptieren, anstatt gegen sie anzukämpfen. Durch professionelle Hilfe habe ich gelernt, dass mentale Stärke etwas ist, das man trainieren kann, genau wie seine Vorhand.

Sie haben bei den Grand Slams gegen die „Big Three“ gespielt. Ist es anders, gegen Carlos Alcaraz und Jannik Sinner zu spielen als gegen Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer?

Die „Big Three“ hatten aufgrund ihrer Geschichte eine fast einschüchternde Ausstrahlung. Carlos und Jannik bringen etwas anderes mit: unglaubliche Intensität, Schnelligkeit und Furchtlosigkeit. Das Spiel hat sich weiterentwickelt, und man muss auf einen sehr körperbetonten und schnellen Stil vorbereitet sein.

Viele Spieler, darunter auch Alexander Zverev, kritisieren immer wieder, dass die Saison zu lang ist. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich verstehe die Kritik. Die Saison ist sehr anspruchsvoll, vor allem mental. Aber ich denke auch, dass wir Lösungen finden müssen, die die Gesundheit der Spieler schützen, ohne ihnen Chancen zu nehmen, insbesondere den Spielern aus den unteren Rängen.

Was wäre Ihrer Meinung nach die ideale Struktur für eine Tennissaison?

Klarere Pausen, ein etwas kürzerer Kalender und vielleicht mehr Flexibilität bei Pflichtveranstaltungen. Erholungszeit sollte als leistungssteigernd angesehen werden, nicht als Luxus.

Sie haben fünf Mal am Laver Cup teilgenommen. Was gefällt Ihnen an diesem Turnier?

Die Teamatmosphäre. Tennis ist normalerweise eine sehr individuelle Sportart, daher ist es erfrischend und motivierend, Teil eines Teams mit Spitzenspielern zu sein, Ideen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Sie sind der weltweite Markenbotschafter für das Modeunternehmen Mango Man. Was macht für Sie einen guten Kleidungsstil aus?

Komfort, Schlichtheit und Selbstbewusstsein. Wenn man sich in seiner Kleidung wohlfühlt, sieht man das auch. Ich bevorzuge klare Linien und zeitlose Stücke gegenüber zu auffälligen Modellen.

Casper Ruud

Casper Ruud ist seit September 2025 Markenbotschafter von Mango Man.Bild: Mango

Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Stil vermitteln?

Professionell, ruhig und authentisch. Ich möchte, dass mein Stil widerspiegelt, wer ich bin, und nicht davon ablenkt.

Wer ist der stilvollste Spieler der ATP-Tour?

Roger Federer ist mir schon immer aufgefallen. Er sieht immer frisch, gepflegt und klassisch aus, sehr zeitlos. Auf der heutigen Tour gibt es auch viele Spieler, die ihren Stil auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen, aber diese klassische Eleganz schätze ich sehr.

Viele Spieler haben einen Glücksbringer. Alexander Zverev zum Beispiel spielt mit Goldketten. Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie einen Glücksbringer?

Ich würde es nicht als Glücksbringer bezeichnen, aber Routinen sind mir wichtig. Vertrautheit gibt mir Sicherheit, sei es bei der Vorbereitung oder bei dem, was ich tue, bevor ich den Platz betrete.

Welcher Tennisbegriff beschreibt Ihr Leben außerhalb des Platzes am besten?

Vielleicht „Balance“.

Was ist das Zweitbeste, was Sie tun können, abgesehen vom Tennisspielen?

Ich spiele sehr gerne Golf. Es macht meinen Kopf frei und fordert mich auf ganz andere Weise heraus.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Tennismatch gegen Ihr 10-jähriges Ich spielen. Wie viele Punkte würden Sie ihm geben?

Vielleicht zwei oder drei. Genug, um ihn motiviert zu halten, aber nicht genug, um ihn zu übermütig werden zu lassen.