Mats Wilander

Mats Wilander: „Die Nummer eins ist interessant, Grand Slams sind aufregend”

Im Interview mit tennismagazin.de spricht Mats Wilander, frühere Nummer eins und Eurosport-Experte, vor den US Open über die Big 3, neue Helden wie Alexander Zverev und Stefanos Tsitsipas und die langjährige Dominanz von Serena Williams.

Interview: Andrej Antic; Mitarbeit: Nils Brambrink

Herr Wilander, Sie sind seit Jahren bei den Grand Slam-Turnieren für Eurosport im Einsatz. Wie sah Ihre Vorbereitung auf die US Open aus?
Nun ja, ich hatte in der Woche vorher Geburtstag und habe begriffen, dass ich zu alt bin, um mir darüber Sorgen zu machen, was alles passieren könnte. Meine Vorbereitung? Ich bin aufgeregt! Ich freue mich immer darauf, zu den Grand Slams zu gehen. Natürlich ist es deutlich weniger aufregend, dass Federer bei einem Grand Slam wieder nicht dabei ist. Es ist enttäuschend, dass Novak nicht spielen kann. Bei Rafa wissen wir auch nicht wirklich Bescheid. Es scheint, als hätte er zuletzt gut trainiert in den Staaten. Aber ich freue mich trotzdem, weil es viele junge Spieler gibt, die gut spielen. Und wir wissen nicht, was alles passieren wird. Wenn Borna Coric in Cincinnati alle diese Spieler plötzlich schlagen kann, denke ich mir: „Oh wow, holy smokes!“

Mats Wilander: „Ich liebe die jungen Spieler und ihre Körperlichkeit“

Und Nick Kyrgios kommt in Wimbledon bis ins Finale!
Genau. Ich als ehemaliger Spieler kenne auch die andere Seite: Ich will neue Gesichter sehen. Und ich glaube, es muss 20 Spieler geben, die jetzt denken: Okay, jetzt sind wir dran. Ich habe eine Chance, hier die US Open zu gewinnen. Das macht es für mich zwar nicht aufregender, als die Big Three in New York zu sehen, aber für mich ist dieses Szenario nicht weit davon entfernt.

Ich liebe die jungen Spieler, ich liebe ihre Körperlichkeit. Es ist jetzt ein anderes Spiel als vor zehn Jahren. Du weißt nicht wirklich, was passieren wird. Du hast Typen wie Alcaraz. Also für mich ist es großartig, ich liebe es! Und ich weiß auch, wie schwierig die US Open für die Spieler sind, weil es das letzte Grand Slam des Jahres ist. Die Europäer gehen danach heim, die Australier auch. Die Amerikaner sind danach fertig mit dem Hartplatz. Es ist also ein sehr toughes, emotionales Tennisturnier für die Spieler, weil es das Ende der Saison ist.

Mats Wilander: „Für mich sind Grand Slam-Titel wichtiger“

Sie haben die jungen Spieler erwähnt. Carlos Alcaraz und Casper Ruud könnten nach dem Turnier die Nummer eins sein. Stefanos Tsitsipas hat eine gute Chance. Und natürlich der aktuelle Weltranglistenerste Daniil Medvedev. Rafael Nadal hat vielleicht die besten Chancen, weil er keine Punkte zu verteidigen hat. Wie sehen Sie die Diskussion um die Nummer eins?
In Wimbledon hat es keine Punkte gegeben, Novak spielt nicht – das hat alles verändert. In zwanzig, dreißig Jahren werden wir aber nicht mehr über diese Momentaufnahme nachdenken. Dann werden wir sagen: Oh, Tsitsipas wurde die Nummer eins der Welt im September 2022, klasse! Alcaraz, 19 Jahre alt, ist die Nummer eins der Welt, klasse! Mir persönlich geht es nicht so sehr darum, wer die Nummer eins ist, für mich sind Grand Slam-Titel wichtiger, aber bei den Spielern ist es anders. Klar, die wollen auch Grand Slams gewinnen, aber denen ist es auch wichtig, die Nummer eins zu werden, weil es dir so viel Selbstvertrauen und Glaubwürdigkeit gibt.

Und ich muss sagen, im Laufe der Jahre, die ich herumgereist bin, in der ich Taxis zum oder vom Flughafen genommen habe: Wenn du sagst, dass du die ehemalige Nummer eins der Welt warst, sagt jeder: „Oh mein Gott!“ Sie können es nicht wirklich einordnen, ob man einen oder drei French Open-Titel gewonnen hat oder ein Wimbledon-Finale. Aber Nummer eins der Welt – das hat viel Gewicht.

„Grand Slams sind aufregend“

Sie waren nach den US Open 1988 für 20 Wochen die Nummer eins. Haben Sie das damals auch so gesehen?
Nein. Mir war es früher nie wichtig, aber die Nummer eins zu sein, ist ein riesen Erfolg für einen Spieler. Es mag vielleicht kein Ziel sein, aber es ist ein Ergebnis von harter Arbeit über zwölf Monate. Spieler versuchen immer, weiter nach oben zu kommen, aber noch nicht mal unbedingt hinsichtlich des Rankings. Sie versuchen, sich zu verbessern. Die Nummer eins ist dann nur ein Stempel, der sagt: Du bist angekommen am obersten Platz. Du kannst dich trotzdem immer noch verbessern. Aber für die Spieler ist es riesig, für sie ist es enorm.

Tsitsipas als Nummer eins der Welt, können Sie sich das vorstellen? Ein griechischer Tennisspieler? Riesig! Alcaraz? Wieder ein Spanier? Riesig! Medvedev, als Russe? Riesig! Ich denke, es ist aufregend, es zu verfolgen. Aber es ist nichts, worauf ich ein Auge werfe, wenn ich zu den US Open fahre. Es ist etwas, wovon Sie mir als Reporter erzählen und ich mir denke: Wow, was ein Jahr ein Spieler gehabt haben muss, um im Ranking auf Platz eins zu stehen! Es ist eher eine interessante Sache als eine aufregende Sache. Grand Slams sind aufregend.

Alexander Zverev, der verletzungsbedingt nicht spielen kann, kämpft auch um die Nummer eins und um große Titel. Wie sehen Sie seine Entwicklung?
Sie wissen gerade besser Bescheid als ich über ihn. Klären Sie mich auf. Wie geht es ihm?

Zverev wird den Davis Cup in Hamburg spielen. Er war nicht weit davon entfernt, die US Open zu spielen. Er hat tennis MAGAZIN erzählt, dass sein Heilungsprozess sehr gut sei und er viel schneller als erwartet wieder auf dem Platz stehen konnte.
Brilliant!

Mats Wilander: „Zverev wird am wahrscheinlichsten Nummer eins“

Sie haben seine Horrorverletzung bei den French Open live miterlebt. Wie weit ist er von Grand Slams und der Nummer eins entfernt?
Er ist überhaupt nicht weit entfernt – wenn er überhaupt davon entfernt ist, um ehrlich zu sein. Weil ich glaube, was wir in Roland Garros gesehen haben, war ein anderes Level an Tennis, was er gespielt hat. Okay, seine ersten zwei Sätze in der zweiten Runde waren schrecklich, aber danach… Das Match gegen Nadal war fantastisch. Ich habe es aus zehn Metern Entfernung gesehen, als er sich am Knöchel verletzt hat. Ich war da, genau da. Aus meiner Sicht hatte sein Tennis eine andere Reife. Und er hat einen etwas anderen Weg gefunden, Tennis zu spielen. Er kann auf allen Belägen spielen. Ich glaube nicht, dass er vor irgendjemandem Angst hat wegen seines Aufschlags und seiner Körperlichkeit.

Von allen Spielern, die eine Chance haben, Nummer eins der Welt zu werden, glaube ich, dass Sascha am wahrscheinlichsten die Nummer eins der Welt werden wird. Und er wird Slams gewinnen. Es ist bisher nur noch nicht passiert, aber es wird passieren. Ich glaube, es gab immer viele Dinge, die in die richtige Richtung gedeutet haben für ihn und er hat sie nur nicht immer gleichzeitig zusammengefügt. Aber bei den French Open ist das passiert. Er hat immer genau so gut gespielt, wie er spielen musste.

Mats Wilander

Mats Wilander lebt für Tennis. Nach dem Ende seiner Karriere hat er sich einen großen Namen gemacht als TV-Experte.

Wilander über Zverev: „Das ist der Reifeprozess“

Wie meinen Sie das?
Wenn du die Nummer eins werden und Grand Slams gewinnen willst, musst du dir die Kräfte einteilen. Ich glaube, er hat begriffen, dass sein Spiel gegen jeden standhält. Er kann sich nur nicht erlauben, in den Matches, die er leicht gewinnen sollte, ein bisschen den Fokus zu verlieren. Das ist heutzutage nicht einfach zu schaffen, aber das ist der Reifeprozess, in dem er besser wird.

Am Ende hat es ihm später im Turnier vielleicht nicht gutgetan, eine toughe zweite Runde gegen Baez zu spielen. Natürlich hat Baez unglaublich gespielt, aber zur gleichen Zeit – gemessen am Ranking – sollte dieses Match keine fünf Sätze dauern. Es sollte keine vier Stunden dauern. Ich glaube aber, dass er in diesem Aspekt besser wird. Sascha hat das Mindset von jemandem, der Nummer eins der Welt werden wird. Dass er Olympia gewonnen hat, macht es aber auch bedeutend einfacher vorherzusagen, dass er auf jeden Fall ein Grand Slam gewinnen wird.

Mats Wilander: „Djokovic ist auf einem anderen Level“

Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass der beste Mann nicht in New York dabei ist, Novak Djokovic? Ist er der beste Spieler der Welt?
Es ist hart zu sagen, dass er besser als Nadal ist, wenn man auf das Jahr guckt. Aber gleichzeitig ist er physisch auf einem anderen Level. Auf eine Art und Weise lautet die Antwort auf Ihre Frage: Ja, er wäre der Topfavorit! Weil es Hartplatz ist. Und wegen seiner Dominanz in Wimbledon. Aber gleichzeitig hat Nadal ihn erneut bei den French Open geschlagen. Das war knapp, aber trotzdem. Ich weiß nicht, es ist hart zu sagen, wer der beste Spieler ist, aber: Ja! Weil es New York ist, weil es Hartplatz ist, könnte man vielleicht sagen, dass er der beste Spieler ist.

„Der Druck ist riesig“

Also ist das Rennen offen?
Ich glaube nicht, dass es fair gegenüber den anderen Spielern ist, über einen Spieler zu sprechen, der nicht dabei ist. Als jemand, der ihnen bei den US Open beim Spielen zusehe, mache mir persönlich keine wirklichen Gedanken darüber, wer nicht da ist. Ich mache mir Gedanken darüber, wer da ist. Das ist das Mindset eines ehemaligen Spielers, glaube ich. Der Druck, dort zu sein und eine Chance zu haben, die US Open zu gewinnen, weil Novak nicht da ist, ist riesig! Wenn Novak da ist, kannst du dir vornehmen, gut zu spielen, aber naja, Novak ist halt da. Der Druck ist dann nicht so hoch.

Jetzt ist Druck da, für Tsitsipas und natürlich für Medvedev, der das Turnier schon gewonnen hat. Auch für die anderen Jungs heißt es: „Okay, ich schnappe mir jetzt besser den Titel, weil Novak nicht da ist.“ Ich finde das sehr interessant, weil ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich habe Majors gespielt, als Lendl die French Open ein Jahr nicht gespielt hat. Also kenne ich das Gefühl. McEnroe hat ein Jahr nicht gespielt. Also weiß ich, wie es ist, bei einem Slam zu sein, wenn du dir denkst, dass du ihn gewinnen solltest, oder zumindest eine Chance hast, weil einer der Top drei oder vier nicht da ist.

Mats Wilander: „Williams hatte den größten Einfluss auf den Sport“

Serena Williams wird da sein. Wir wissen nicht sicher, ob sie „Goodbye“ sagen wird, aber alle denken das. Was ist Ihre Meinung zu Serena? Ist sie der G.O.A.T. (Greatest Of All Time) im Frauensport?
Es geht wieder darum – zählen wir nur die Majors? Wie kommst du an Steffi Graf vorbei, die Olympia und vier Grand Slams in einem Jahr gewonnen hat? Und was wäre passiert, wenn Monica Seles in Hamburg nicht angegriffen worden wäre? Martina Navratilova hat 160 Einzeltitel gewonnen. Es ist also sehr schwierig, nur nach den Zahlen zu gehen. Und ist sie größer als Rafa Nadal? Sie hat einen Major mehr, Rafa Nadal hat 18 Jahre gespielt, jedes Jahr und Roger war zuvor nie verletzt…

„Serena hatte keine ernsthafte Gegnerin“

Rein aufs Frauentennis bezogen?
Ich nenne sie gerne den G.O.A.T., egal ob bei den Männern oder bei den Frauen. Aber sie hat nicht so viele Titel auf der Tour gewonnen wie manche der anderen Frauen. Sie hat den größten Einfluss auf den Sport gehabt, das steht fest. Sie wurde wahrscheinlich mehr als Favoritin für Majortitel gehandelt als irgendjemand anders. Der Grund: Sie hatte keine Rivalin. Und das ist es, was sie zur Größten macht. Sie hatte keine wirklich ernsthafte Gegnerin. Sharapova mit fünf, Venus mit sieben Titeln. Justine (Henin) hat früh aufgehört, sie gewann auch sieben Grand Slams. Serena hat diesen Sport mehr dominiert als jede andere Frau in der Vergangenheit. Und deswegen muss man sie als den G.O.A.T. bezeichnen.

Und die US Open werden für sie den Schlusspunkt bilden?
Ich weiß nicht, ob sie aufhört, bin mir sehr bewusst, dass sie nach New York kommt in dem Glauben, dass sie gut spielen, aber nicht unbedingt das Turnier gewinnen kann. Ich hoffe, dass sie nicht aufhört. Denn ich liebe es, dass sie es immer noch versucht. Ich glaube, man muss ihr die Goldmedaille dafür verleihen, der weibliche G.O.A.T. zu sein.

Andrej Antic, Mats Wilander

tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic sprach im Vorfeld der US Open mit Mats Wilander per Videokonferenz.

Vita Mats Wilander

Der Schwede, 58 Jahre alt, war einer der erfolgreichsten Spieler der 1980er-Jahre mit insgesamt sieben Grand Slam-Titeln. Er gewann jeweils dreimal die French Open und Australian Open (zweimal auf Rasen) sowie einmal die US Open. Mit 17 Jahren und 293 Tagen ist Wilander der drittjüngste Grand Slam-Sieger (French Open 1982) in der Profiära. Der Schwede gewann dreimal den Davis Cup und führte die Weltrangliste 20 Wochen als Nummer eins an. Wilander sagte einst: „Du kannst nicht als großer Spieler in Betracht gezogen werden, wenn du nicht in Wimbledon gewonnen hast.“ Wimbledon war der einzige große Titel, der ihm in der Sammlung fehlte. Seit 2006 ist er als Experte für Eurosport bei den Grand Slam-Turnieren tätig.