Andrea Petkovic

Mail aus Melbourne: Drama in 13 Akten am deutschen Großkampftag

Wenn 13 Deutsche an einem Tag in ihre ersten Aufgaben bei den Australian Open geschickt werden, ist Stress programmiert. Während die DTB-Zugpferde Angelique Kerber und Alexander Zverev rasch über ihre nächsten Duelle philosophieren durften, gab es andernorts Tiefschläge und Dramen zu verfolgen. Wie so oft in der Hauptrolle: Andrea Petkovic.

Alexander Zverev saß tiefenentspannt in seiner Pressekonferenz nach seinem Erstrundensieg gegen den Italiener Thomas Fabbiano, philosophierte über den guten Rhythmus und die längeren Ballwechsel, die ihm gegen den Italiener sehr gutgetan hätten. Bei der nächsten Frage verfinsterte sich die Miene des 20-Jährigen schlagartig. Das nicht etwa wegen einer für ihn unbequemen Frage (soll auch schon vorgekommen sein). Als der Blick auf die Ausgangslage für Bruder Mischa und ein mögliches Drittrundenduell gelenkt wurde, entgegnete er umgehend: „Es gibt da ein körperliches Problem.“

Nähere Details wollte die Nummer vier der Welt in dieser größeren Presserunde, der Hauptraum für Pressekonferenzen im neuen Medienzentrum bietet rund 100 Journalisten Platz, nicht preisgeben.  Allerdings dauerte es an diesem deutschen Großkampftag mit insgesamt 13 DTB-Spielern im Einsatz nicht lange, bis die Andeutung – leider –  konkreter wurde.

Bei Satzrückstand und 1:4 im zweiten Durchgang gab Mischa Zverev gegen den südkoreanischen ATP-Next-Gen-Finalsieger Hyeon Chung entkräftet von einer Infektion, wie er rund eine Stunde später in einer kleinen deutschen Presserunde zugab, auf. „Und das war nicht das einzige Problem“, sagte er stirnrunzelnd. „Seit zwei Wochen plagt mich eine Hautentzündung am Schlagoberarm. Die kann zwar nicht schlimmer werden, weshalb ich hier auch Doppel spielen werde.“ Gegen diesen starken Kontrahenten bei Temperaturen knapp unter 30 Grad habe die Ausgangslage heute aber nicht gereicht, um konkurrenzfähig zu sein.

Während der Serve-and-Volley-Spezialist zunächst über seine Gefühlslage nach dem Abrutschen aus den Top 50 sprach („Noch schiebe ich keine Panik. Bis Genf habe ich jetzt keine Punkte mehr zu verteidigen“) und dann nachlegte, dass eine Davis-Cup-Nominierung jetzt völlig offen sei, spielte sich auf dem bis zum letzten Platz gefüllten Showcourt zwei das größte deutsche Drama aus deutscher Sicht ab – wie so oft mit Andrea Petkovic in der Hauptrolle.

Drama um Petkovic

An solch einem Erstrundentag müssen sich Journalisten damit abfinden, dass sie sich nicht in mehrere Hälften schneiden und teilen können. Während im Pressezentrum gerade die alles andere als frohe Kunde von Mischas Zverevs Problemen in die Welt verarbeitet und verbreitet wurde, lieferten sich die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova und Andrea Petkovic kein hochklassiges, aber dafür umso dramatischeres Duell – mit dem besseren Ausgang für die Darmstädterin. Bezeichnend jedoch: Nach 4:0, 5:4 und drei Matchbällen im Entscheidungssatz musste erst ein Doppelfehler der Tschechin herhalten, um für das 10:8 zu sorgen. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch ebenfalls: Läuferisch, kämpferisch und zum Teil auch mental war es eine gute Leistung der ehemaligen Leistungsträgerin im Lager der deutschen Frauen.

Apropos: Mit den aktuellen Aushängeschildern hatte der Tag wesentlich entspannter angefangen. Neben Zverev zog Angelique Kerber in der Hisense Arena im deutschen-Duell gegen Comebackerin Anna-Lena Friedsam mit 6:0 und 6:4 in die nächste Runde ein. Sie bestätigte dabei ihre Annäherung an die 2016er-Form und präsentierte, dass ihr veränderter Aufschlag auch unter Drucksituationen funktioniert.

Kerber trifft auf Ex-Coach Beltz

Um diese Weiterentwicklung ging es allerdings nicht lange. Ihre Zweitrundengegnerin lautet Donna Vekic, die von Kerbers Ex-Trainer Torben Beltz gecoacht wird. Die 29-Jährige, die ausgerechnet am Tag dieses Duell 30 Jahre alt wird, versuchte vergeblich, die Fragenflut der Journalisten einzudämmen, Mit einer gehörigen Portion Understatement antworte sie: „Es wird unter keinen Umständen ein konkreter Matchfaktor. Klar wird jede Partei seinen Job erledigen, aber wir sind im Guten und aus meiner Sicht auch zum richtigen Zeitpunkt sportlich auseinandergegangen.“ Es bedarf keines Hellsehers: Die Zeitungen werden trotzdem damit aufmachen.

An anderen Tagen hätten vermutlich andere Geschichten dominiert. Die sehr guten Auftritte von Jan-Lennard Struff gegen Soonwoo Kwon und Peter Gojowczyk (gegen Mikhail Kukushkin) etwa, oder der erste Sieg auf der ATP-Tour von Maximilian Marterer nach 14 Anläufen ausgerechnet im deutschen Duell mit dem am Handgelenk angeschlagenen Cedrik-Marcel Stebe.

Es war ein intensiver Tag fürs deutsche Tennis, aber auch einer, der Hoffnungen weckt – kurzfristig wie langfristig. David Goffin etwa lobte Matthias Bachinger ausdrücklich für sein „sehr flaches, gutes Spiel. Vor allem sein Aufschlag hat mich überrascht.“ Der Gelobte selbst war nach der Viersatz-Niederlage gegen einen Top-Ten-Spieler im Zwiespalt. Der Auftritt darf aber nur jede Menge Mut für den kommenden Alltag auf der Challenger-Tour geben.

Acht Deutsche in Runde zwei

Den deutschen Fans darf Mut machen, dass am Dienstag sechs und insgesamt acht Deutsche in der zweiten Runde der Australian Open stehen. Drei davon, Görges, Kerber und Zverev, wecken hier – zu recht – große Hoffnungen.

Darüber hinaus kann es mit Spielern wie Andrea Petkovic im Turnier so schnell nicht langweilig werden. Ihr PK-Auftritt rundete diesen durchaus dramatischen deutschen Tag, eingeteilt in 13 Akte, passend ab. Mit viel Charisma sprach die Darmstädterin sich ihre Grand-Slam-Niederlagen aus 2017 15 Minuten lang von der Seele und wirkte dabei fast so entspannt wie Alexander Zverev am Mittag, bevor dieser auf seinen Bruder angesprochen wurde. Bei „Petko“ gab es keine schlechten Nachrichten. Und das ist auch gut so.

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