Australian Open

Mail aus Melbourne: Zuflucht und Regenschutz im PK-Raum

Am morgigen Montag starten die Australian Open mit der ersten Hauptfeldrunde so richtig durch. Unser Reporter Jannik Schneider ist am Wochenende angekommen Down Under und berichtet in seiner täglichen Kolumne über das sportliche Treiben am anderen Ende der Welt und besondere Begegnungen.

Fange einen Text nie, niemals mit dem Wetter an. Diesen Satz hat nahezu jeder Journalist zu Beginn seiner Karriere schon einmal gehört. Sozusagen als gut gemeinter Rat vom erfahrenen Kollegen. Schließlich gibt es für den Einstieg – immer – etwas Interessanteres.

Die Wetterkapriolen, die einem hier zum Start in Melbourne begegnen, weichen allerdings fast schon unwirklich von der eigenen Erwartungshaltung ab. Zu Hause wurden immerhin 15 unterschiedlich hässliche Hüte anprobiert und darüber philosophiert, in welcher Regelmäßigkeit der Sonnenschutzfaktor 50 aufgetragen werden soll.

Bei knapp 15 Grad, Sturm und Regen nach der Ankunft am übersichtlichen Flughafen in Melbourne und 23 Stunden Flug in den Knochen stellten sich diese Fragen, wie übrigens das ganze Wochenende über– zunächst nicht. So waren der erste und auch der zweite Eindruck der knapp vier Millionen Einwohnerstadt an der Südostküste des fünften Kontinents zunächst verregnet.

Neues, großes Medienzentrum

Deshalb fiel der fest eingeplante Rundgang über das weitläufige Gelände beim Happy Slam am Samstag, bei allem Respekt vor Fritz Walter und seinen Erben, zunächst aus. Immerhin bringt einem der Melbourner Verkehrsdienst schnell und halbwegs trocken auf das Gelände der Australian Open. Mit der sogenannten freien Touristentram geschieht das bis zwei Stationen vor den Haupteingang sogar für jedermann kostenlos. Melbourne leistet sich im Stadtinneren einen „City-Circle“, in dessen Umkreis das Mitfahren gratis ist. Die netten Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft wiederholen das in aller Ruhe mit der nötigen australischen Gelassenheit gerne auch ein drittes Mal. „Cheers“, und „Mate“ eben.

Die Attitüde der Leute auf der Straße gibt einem gleich ein gutes Gefühl. Als ahnten sie, dass ihr Gegenüber gerade am anderen Ende seiner Heimat verweilt.

Die Wetterlage jedenfalls hatte auch ihr Gutes: Journalisten konnten sich nach Erhalt ihrer Medienakkreditierung intensiv mit dem neugebauten, vierstöckigen Medienzentrum vertraut machen. Insgesamt sind mehr als 400 Journalisten und 180 Fotografen hier vereint. Während die unteren Stockwerke mit einer Kantine, einer Terrasse und einem Café glänzen, findet die Hauptarbeit auf Etage vier statt. Auf nicht ganz einem halben Fußballfeld sind die Arbeitsplätze samt TV verteilt. Am andern Ende des Ganges befinden sich mehrere Räume für Interviews und TV-Übertragungen. Zudem können theoretisch und praktisch bis zu fünf Pressekonferenzen gleichzeitig stattfinden.

Dutzende Helfer versuchen, den Journalisten mit ihrer freundlichen Art die Arbeit zu erleichtern. Lediglich in einem Punkt versteht der Staff nullkommanull Spaß. Fotos, und sind es auch nur private Handyaufnahmen, sind vom neuen Gebäude untersagt. Und während der Pressekonferenzen wird mit Adleraugen darauf geachtet, dass von Spielern keine Fotos und Videos aufgenommen werden. Bei Missachtung kann der Entzug der Akkreditierung folgen.

Distanz zwischen Spieler und Journalist wird größer

Ansonsten läuft es zwischen Veranstalter und Pressevertretern weitestgehend harmonisch ab. Dennoch weint der ein oder andere erfahrene Vertreter dem alten Standort des Medienzentrums in unmittelbarer Nähe zur Rod-Laver-Arena die ein oder andere Träne nach. Wegen den kürzeren Wegen zu den großen Plätzen. Viel wichtiger aber: wegen der Nähe zu den Hauptakteuren, den Spielern, die ihr Spielerrestaurant im gleichen Gebäude beheimatet hatten. Wurde ein Spieler für eine kurze Information benötigt, war das dort meist unproblematisch möglich.

Tennis Australia hat den Spieler und den Medienbereich mit der Umsiedlung nun drastischer voneinander abgegrenzt. Die ohnehin während eines großen Turnieres schwerlich zu bekommenden Einzelgespräche werden eher noch seltener. Ausnahmen bestätigen zum Glück immer noch die Regel. Dennoch noch elementarer sind die angesetzten Pressekonferenzen.

Während weite Teile der Qualifikation und des traditionellen Kids Days ins Wasser fielen (immerhin fand der Showkampf mit den Marvel Superhelden und Roger Federer, Novak Djokovic, Milos Raonic und Caroline Wozniacki unter geschlossenem Dach dennoch statt), wurde ein Superstar nach dem anderen in die Interviewräume gebracht. Der Zeitplan war straff und strikt getaktet und betraf fast 30, davon mehr als ein Dutzend Topspieler bei den Damen und Herren.

Höhepunkt war am Samstag die Presserunde mit Vorjahresfinalist Rafael Nadal. Zum Überraschen vieler wurde der Weltranglistenerste aus Spanien von niemand Geringerem als Roger Federer begleitet. Das Duo erhielt von internationalem Verband der Tennisschreiber die Auszeichnung zum Spieler des Jahres 2017.

Anschließend ging es wie bei vielen Topspielern in diesen Tagen weniger um sportliche Aussichten als vielmehr um den körperlichen Zustand. Andy Murray bangt nach gescheiterter konservativer Behandlung seiner Hüfte und einer notwendig gewordenen Operation um die Fortsetzung seiner Karriere, Kei Nishikori hat, noch nicht ganz fit ebenfalls abgesagt. Und während Stan Wawrinka voller Demut einfach „froh ist, hier spielen zu dürfen“ und mit dem Heilungsprozess seines Knies zufrieden sei und auch ein Novak Djokovic nicht müde wurde zu betonen, dass er noch längst nicht bei 100 Prozent sei, zettelte der Spanier eine Grundsatzdiskussion an.

„Ich wünsche allen, besonders Andy und Stan einen schnellen Heilungsverlauf und eine gesunde Zukunft. Es gibt einfach zu viele Verletzungen auf der Tour Ich bin nicht derjenige, der das zu entscheiden hat, aber: Jemand muss sich diese Situation unbedingt ansehen. Wenn etwas derart oft passiert, machen wir irgendetwas nicht gut.“

Einen Tag später wurde Roger Federer an exakt gleicher Stelle, der Presse-Konferenzraum eins war nun trotz des besseren Wetters mit mehr als hundert Vertretern bis zum letzten Platz gefüllt, mit Nadals Aussagen konfrontiert und antwortete etwas dezidierter: „Für mich gehört es irgendwie dazu, nicht immer körperlich bei 100 Prozent sein zu können. Wenn wir Topspieler verletzt sind, bekommt das dank euch jeder mit. Wir können das vor euch nicht so leicht verbergen als Spieler, für die der Alltag eher auf einem Außenplatz stattfindet. Doch die haben auch Verletzungen. Das macht in meinen Augen eben auch einen Unterschied.“

Federer: Verletzungen gehören dazu

Federer ergänzte, dass die ATP sich die Verletztenmisere sehr wohl angesehen habe. „Demnach hat es sogar weniger Verletzungen gegeben insgesamt. Aber wo fängt Verletztsein überhaupt an? Insgesamt müssen wir vielleicht konstatieren, dass es für Spieler, die älter als 30 sind, einfach dazugehört.“

Sportlich betrachtet, gelang es dem Vorjahressieger nicht, sich aus der glasklaren Favoritenrolle zu befreien. Vor exakt einem Jahr war es der Schweizer selbst, der aus einer Verletzung kommend nicht genau wusste, wo er steht – und letztlich das Turnier gewann.

Wo stehen eigentlich die Deutschen? Das prominente, gutaufgelegte Duo aus Alexander Zverev und Angelique Kerber greift erst am Dienstag ins Geschehen ein. Grund genug, in der morgigen Kolumne einen genaueren Blick auf die Deutschen zu werfen, deren 15 Hauptfeldteilnehmer noch um die Qualisieger Dustin Brown und Matthias Bachinger ergänzt wurden. Während Zverev und Julia Görges ihre Presserunden schon hinter sich haben, ging es für Kerber am Sonntagabend Ortszeit nach ihrer Ankunft aus Sydney zur Medienarbeit.

Da war das Wetter schon eher so, wie sich das ein Neuling für Australien so vorstellt. Aber der wiedererstarkten Grand Slam-Siegerin auf den Zahn zu fühlen hat auch etwas. Der Rundgang kann noch etwas warten.