Becker über Zverev: „Er muss vielleicht ein bisschen mehr zulassen“

Bilder des Jahres 2023, Sport 02 Februar Sport Themen der Woche KW05 Sport Bilder des Tages 2023 Davis Cup Qualifiers Tr Bild: IMAGO / Zimmer

Sportlich eng verbunden: 2023 beim Davis Cup in Trier gegen die Schweiz war Boris Becker (li.) nah dran an Alexander Zverev (re.).

Alexander Zverev ist die erste deutsche Nummer eins seit Boris Becker. Im SPIEGEL-Interview würdigt Becker den 29-Jährigen – und sagt offen, warum Zverev in Deutschland kein Publikumsliebling ist.

Der kleine Junge sammelt Bälle auf. Fünf, vielleicht sechs Jahre alt ist er, und er schaut zu, wie Boris Becker mit seinem großen Bruder Mischa trainiert. Spielen gesehen habe er den Kleinen damals wohl nicht, erinnert sich Becker in einem am Montag erschienen SPIEGEL-Interview. Aber Mischa habe ihm damals etwas prophezeit: „Mein Bruder, der wird mal ein ganz Großer.“

Er sollte recht behalten. Seit Montag steht Alexander Zverev an der Spitze der Weltrangliste – als erster deutscher Mann seit Becker, der 1991 dort angekommen war. Becker, inzwischen 58, nimmt den Verlust seines Alleinstellungsmerkmals sportlich. „Dem deutschen Tennis hätte nichts Besseres passieren können, als dass wieder ein Deutscher die Nummer eins wird“, sagt er dem SPIEGEL. „Dass das so lange gedauert hat, ist eigentlich das Problem.“

Ein anderes Problem beschäftigt ihn allerdings mehr. Respekt hat sich Zverev in seiner Heimat längst erspielt. Die Herzen fliegen ihm trotzdem nicht zu.

2026: Zwei Majors und ein neuer Zverev

Sportlich gibt es an dieser Saison wenig zu deuteln. Zverev gewann die French Open und die US Open, im Wimbledon-Finale unterlag er Jannik Sinner. Drei Grand-Slam-Endspiele in einem Jahr, zwei Titel – nach Jahren, in denen ihm der ganz große Wurf immer wieder knapp entglitten war.

Der Einwand, Sinner und Carlos Alcaraz, seine größten Konkurrenten, hätten lange verletzt gefehlt, lässt Becker nur bedingt gelten. „Du kannst nur die schlagen, die auf dem Platz stehen“, kontert er. Für einen Grand-Slam-Titel brauche man sieben Siege in Best-of-five-Matches über 14 Tage, „das ist extrem schwer, fast egal, gegen wen man spielt“.

Entscheidend war für Becker ohnehin etwas anderes: Zverev hat sein Spiel umgebaut. 2025 stagnierte er, ob im Viertelfinale von Paris gegen Novak Djokovic oder beim Erstrunden-Aus in Wimbledon. Becker kritisierte damals am TV-Mikrofon, Zverev brauche mal „neue Geräusche“ – eine Spitze gegen das Vater-Sohn-Gespann, das seit Kindertagen zusammenarbeitet. Einen neuen Trainer holte Zverev nicht. Aber, so Becker: „Die Familie hat sich in der Weihnachtspause zusammengesetzt und entschieden, dass Sascha Zverev dieses Jahr anders spielt.“

Vorher sei er „deutlich zu passiv und deutlich zu weit hinten“ gewesen, urteilt Becker, in der Hoffnung, der Gegner verschlage den Ball. Gegen Sinner, Djokovic und Alcaraz ging das regelmäßig schief. 2026 rückte Zverev nach vorn. Mit 29 Jahren die eigene Spielweise umzustellen, sei keine Option, sondern Pflicht, sagt Becker – und verweist auf Zverevs Generationskollegen Andrey Rublev, Stefanos Tsitsipas und Daniil Medwedew, denen das weniger gut bis gar nicht gelungen sei.

Zverev: Russisch, Goldkettchen, schroffe Sätze

Als Becker auf dem Höhepunkt war, griff halb Deutschland zum Schläger. Warum gelingt Zverev das nicht? „Ich weiß es nicht und kann nur vermuten, woran es liegt“, räumt Becker ein. Dann zählt er drei mögliche Gründe auf.

Erstens: die Herkunft. Zverev ist in Hamburg geboren, seine Eltern stammen aus Russland, Vater Alexander spielte ab 1979 Davis Cup für die Sowjetunion. „Sascha spricht auf dem Platz Russisch mit seiner Box. Politisch äußert er sich überhaupt nicht zum Krieg in der Ukraine, was ich persönlich verstehe, aber es kommt natürlich nicht so gut an.“ Ganz stumm war Zverev allerdings nicht: Kurz nach Kriegsbeginn sagte er, das Wichtigste sei, „dass Frieden auf der Welt herrscht“. Seitdem hält er sich aber zurück.

Zweitens: die drei Goldkettchen. Sie sind seit Jahren seine Glücksbringer  und an ihnen zupft er während der Matches ständig herum. „Das sieht nicht so doll aus, stimmt, aber das ist seine Sache“, sagt Becker.

Drittens: die Sprache. Auf Englisch erlebt Becker einen anderen Zverev. „Da hat er Charme und Witz, er ist sprachgewandt, er kann selbstironisch sein.“ Auf Deutsch dagegen sei er „oft schroff und abgehackt, gegenüber Journalisten auch nicht gerade freundlich“.

Beckers Fazit fällt entsprechend deutlich aus: „Ich weiß nicht, ob er sich damit einen Gefallen tut, denn sein stärkster Markt ist Deutschland.“ Und er schiebt Fragen hinterher, die eher an das Umfeld gerichtet sind: „Wer sind seine Berater? Lässt er sich etwas sagen?“ Eine Ahnung hat er, aus eigener Erfahrung: „Tennisspieler sind ziemlich dickköpfig, das weiß ich, ich war auch so.“

Zverev und die Vorwürfe zur häuslichen Gewalt

Goldkettchen und Interviewstil sind das eine. Schwerer wiegt, was Becker in seiner Aufzählung zunächst auslässt und erst auf Nachfrage des SPIEGEL anspricht: die Vorwürfe häuslicher Gewalt. Seine Antwort fällt knapp aus. „Das wurde vor Gericht gelöst. Ich bin weder ein Richter noch ein Ankläger, aber man hätte es im Nachhinein mit bestimmten PR-Maßnahmen besser erklären können.“

„Gelöst“ ist ein großes Wort für das, was tatsächlich passiert ist. Das Strafverfahren wegen Körperverletzung, angestoßen von Zverevs früherer Partnerin Brenda Patea, wurde im Juni 2024 eingestellt, nachdem sich beide außergerichtlich geeinigt hatten. Zverev zahlte dabei 200.000 Euro. Ein Schuldeingeständnis ist damit nicht verbunden, Zverev gilt weiterhin als unschuldig und bestreitet die Vorwürfe. Ein Urteil gab es aber eben auch nicht – weder in die eine noch in die andere Richtung.

Dazu kommen die Anschuldigungen seiner früheren Partnerin Olga Scharipowa, die 2020 detailliert von Gewalt berichtete. Vor Gericht wurden sie nie verhandelt, Zverev hat sie zurückgewiesen. Eine Untersuchung der ATP endete Anfang 2023 ohne Konsequenzen, weil die Spielervereinigung keine ausreichenden Beweise sah. Was zwischen den beiden geschah, ist öffentlich bis heute nicht geklärt. Genau diese offene Stelle macht den Fall so zäh. Juristisch ist die Sache abgeschlossen. In der öffentlichen Wahrnehmung aber hängen die Vorwürfe nach, und mit jedem großen Sieg werden sie wieder mitdiskutiert.

Bemerkenswert ist nun, wie Becker das Thema einordnet: nicht als moralische Frage, sondern als Kommunikationsproblem. Er wisse, dass man sagen könne, das gehe die Öffentlichkeit nichts an. „Aber es ist ein zweischneidiges Schwert. Die Öffentlichkeit ganz draußen halten, geht eben auch nicht.“ Mit Blick auf die eigene Karriere gibt er zu: „Ich selbst habe vielleicht zu viel und zu offen gesprochen, ich mache das heute auch anders als vor 20 Jahren.“

Zverev geht den umgekehrten Weg: Er bestreitet die Vorwürfe, äußert sich darüber hinaus aber kaum. Das ist sein gutes Recht. Nur: Mit Zurückhaltung allein lässt sich das Thema offenbar nicht aus der Welt schaffen.

Gegenwind für Zverev in Grand Slam-Endspielen

Warum das alles nicht nur eine Image-Frage ist, erklärt Becker mit einem Blick auf den Court. „Als Spieler brauche ich die Fans. Im fünften Satz will ich, dass sie für mich jubeln, dass sie mich unterstützen und nicht den Gegner.“ Genau das blieb Zverev 2026 in den wichtigsten Momenten verwehrt. Im Pariser Finale hielt das Publikum zu Flavio Cobolli – „und der ist Italiener und kein Franzose“, wie Becker betont. In Wimbledon hatte Sinner mehr Anhänger auf den Rängen. In New York gegen den Amerikaner Ben Shelton sei das noch nachvollziehbar. „Aber dreimal waren die Fans gegen Zverev, das ist nicht gut. Das hat Gründe.“

Becker glaubt, dass Zverev selbst den Schlüssel in der Hand hält. „Er muss vielleicht ein bisschen mehr zulassen. Ich habe ihn privat erlebt, er hat Charme, er ist witzig, er ist in Ordnung. Aber vielleicht sieht er das nicht als wichtig genug an.“ Und weiter: „Wenn ihm wichtig ist, dass er mehr respektiert und vielleicht sogar geliebt wird, vor allem in seinem Heimatland Deutschland, dann muss er etwas dafür tun.“ Bereits im Sommer 2026, nachdem Zverev in Roland Garros gewann, hatte Becker ihn entsprechend öffentlich kritisiert: „Du kannst als Superstar, das ist Zverev jetzt im Tennis, nicht so tun, als gäbe es dein Privatleben nicht. Du musst dich damit auseinandersetzen, kannst nichts negieren und nichts leugnen. Er muss sich öffnen, dann wird er in Deutschland nicht nur respektiert, sondern auch geliebt“ Der Rang verpflichtet, betont Becker nun gegenüber des SPIEGEL: „Er ist die Nummer eins der Welt. Da hat man eine andere Bedeutung und eine andere Verantwortung, und man wird anders wahrgenommen.“

Becker und Zverev? Das wird nichts

Sind die beiden Freunde? „Mit dem Wort bin ich sehr vorsichtig. Ich habe nicht so viele davon“, sagt Becker. Eng war die Verbindung trotzdem. Als Head of Men’s Tennis im Deutschen Tennis Bund (2017 bis 2021) tauschte er sich fast wöchentlich mit Zverev aus, saß bei vielen Matches in der Box, stand mit ihm auf dem Trainingsplatz.

Seit Becker vor allem am TV-Mikrofon arbeitet, knirscht es gelegentlich. Zverev behauptete im vergangenen Jahr nach einer Kontroverse mit Becker: „Ich glaube, dass er so ein bisschen nach Aufmerksamkeit sucht – und die bekommt er über mich.“ Letzte Woche in Wien hatte er explizit in Richtung Becker gemeint: „Mich hat nur einer kritisiert, das interessiert mich wenig. Immer, wenn er was gesagt hat, ist das Gegenteil passiert, damit kann ich sehr gut leben.“ Becker nennt das Verhältnis heute eine Beziehung mit „Höhen und Tiefen“, auf Englisch „Tough Love“. „Ich bin 30 Jahre älter als er, ich habe Kinder in seinem Alter. Man muss diesen jungen Leuten auch mal sagen, was sie nicht gern hören.“

Dass hinter der Kritik auch Sorge steckt, zeigt eine Episode aus dem Sommer 2025. Nach dem Wimbledon-Aus sagte Zverev, er könne keine Freude mehr empfinden, der Mensch, der ihn am glücklichsten mache, sei seine vierjährige Tochter. Becker machte sich damals Sorgen: „Für mich klang das wie knapp vor einer Depression.“

Zverevs Trainer wird Becker nicht. „Ich muss der Chef im Ring sein. Wenn dann ein Familienmitglied eine andere Meinung hat, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, in diesem Fall Russisch, dann geht es nicht.“ Das Umfeld des Hamburgers beschreibt er als „Familienunternehmen“, in dem alle an Preisgeldern und Werbeverträgen mitverdienen. Dazu kommt das Reisen: Monatelang unterwegs sein will Becker nicht mehr. Eine Mentorenrolle bei einzelnen Turnieren kann er sich dagegen vorstellen, Anfragen gebe es. Namen würde er aber nicht nennen.

Einen Wunsch für Zverev hat Becker aber doch: „Ich würde mir wünschen, dass er Sportler des Jahres wird.“ Verdient hätte er es. Gewählt wird allerdings von Deutschlands Sportjournalisten – jener Berufsgruppe, gegenüber der Zverev laut Becker „auch nicht gerade freundlich“ ist.