Andrey Rublev

Der Zauberlehrling: Andrey Rublev im Porträt

Andrey Rublev ist neben Daniil Medvedev und Karen Khachanov der dritte Spieler aus der neuen goldenen Generation im russischen Herrentennis. Wir haben mit dem Aufsteiger des letzten halben Jahres gesprochen.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 4/2020

August 2018 in der John McEnroe Academy in New York. Andrey Rublev prügelt Vorhände im Expresstempo über den Hartplatz. Sein Trainer Fernando Vicente kommt kaum damit hinterher, dem Russen die Bälle zuzuspielen. Einige Minuten geht das so, ehe Vicente die Übung abbricht, um seinem Schützling eine wohlverdiente Pause zu geben. Rublev lebt Tennis. Sein Arbeitsethos ist herausragend. Das spürt man, wenn man ihm beim Training beobachtet. Ein weiteres Beispiel: Zwei Tage nach dem Davis Cup-Finalturnier in Madrid im November 2019, in dem Rublev acht Matches, je vier Einzel und Doppel, innerhalb von fünf Tagen spielte, steht er bereits wieder auf dem Platz. Die Saisonvorbereitung beginnt. 

Andrey Rublev: Fulminanter Start in 2020

Die Sorgen waren da, dass sich der 22-Jährige mit seinem hohen Arbeitspensum übernehmen könnte. Doch mit seinem furiosen Saisonstart wischte Rublev alle Zweifel beiseite. Turniersieg in Doha, Turniersieg in Adelaide. Achtelfinaleinzug bei den Australian Open. Elf Einzel in Folge, inklusive den vier Siegen beim Davis Cup-Finale, konnte Rublev gewinnen, ehe Alexander Zverev, sein guter Freund aus Juniorenzeiten, in Melbourne die Siegesserie beendete. 

Als tennis MAGAZIN Rublev bei den Australian Open trifft, merkt man schnell, dass die Medienarbeit nicht seine Sache ist. Den Blickkontakt mit seinem Gesprächspartner sucht der Russe nicht, auch nicht in Pressekonferenzen. Er lässt lieber Taten auf dem Platz sprechen. „Vielleicht habe ich etwas Glück gehabt, aber ich bin sehr zufrieden mit meinen Ergebnissen“, sagt Rublev bescheiden über seine Erfolgsserie zu Beginn des Jahres. „Ich habe noch viel Potential für Verbesserungen. Und dieses möchte ich voll und ganz ausschöpfen“, erzählt er weiter.

Die nächste goldene Generation aus Russland

Yevgeny Kafelnikov, Marat Safin, Nikolay Davydenko und Mikhail Youzhny gehörten zur goldenen Generation in Russland. Rublev will mit seinen Landsleuten und guten Freunden Daniil Medvedev und Karen Khachanov die nächste goldene Generation bilden. „Tennis war damals riesengroß in Russland. Jeder wusste, wer Kafelnikov und Safin sind. Die damalige Zeit war unglaublich. Ich wünsche mir, dass wir das russische Tennis eines Tages zurück auf dieses Level heben können“, sagt Rublev. 

Federführend beim Aufbau seiner Karriere war seine Mutter Marina Marenko, die als Tennistrainerin arbeitete und zwischenzeitlich auch Anna Kournikova betreute. „Meine Mutter und mein Vater haben alles für mich gemacht. Sie mussten auf viele Dinge verzichten in Bezug auf meine Karriere. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Tennis ist ein sehr teurer Sport. Ich weiß, dass es für sie auch nicht leicht war, weil sie keine Sicherheit hatten, dass dieser ganze Plan aufgeht“, sagt Rublev über seine Eltern. Sein Vater, der ebenfalls Andrey heißt, war ein Profiboxer. Als Junior hat Rublev Boxen in sein Training einfließen lassen. „Das gab mir die nötige Ausdauer. Es ist nicht leicht, über zwölf Runden zu kämpfen. Nach einer Runde fühlt man sich, als sei man komplett tot“, erzählt der Russe, der für Mike Tyson schwärmte.

Andrey Rublev: Mit 17 Jahren ins Rampenlicht

Rublevs Einstieg bei den Profis verlief verheißungsvoll. Mit 17 Jahren besiegte er bereits zahlreiche gestandene Top 100-Spieler. Mit vollmundigen Sprüchen und seinem Verhalten auf dem Platz zog sich der Teenager damals den Zorn einiger Spielerkollegen zu. So sagte Fernando Verdasco im Jahr 2015 über ihn: „Es geht nicht um den Kampfgeist, den er besitzt, sondern darum, wie unhöflich er ist. Er ist erst 17 und er ist so schlecht erzogen. Er zeigt seinen Gegnern wenig Respekt.“

Der Argentinier Renzo Olivo wandte sich nach einer Niederlage gegen Rublev mit einem Brief an die Öffentlichkeit: „Mein Kontrahent missachtete die Regeln mehrmals und bedrohte mich. Die Partie hätte abgebrochen werden müssen.“ Für Rublev war die damalige Kritik an seinem Verhalten überhaupt nicht nachvollziehbar. „Nur weil ich einige meiner Punkte emotional feiere, heißt das noch lange nicht, dass ich schlecht erzogen bin. Wenn Cristiano Ronaldo es tut, ist er es doch auch nicht, oder? Das ist einfach die Art, wie ich bin“, konterte Rublev die Kritik. Von schlechter Erziehung kann beim Russen wahrlich nicht die Rede sein. Höflich, eloquent, aber auch schüchtern geht er mit dem gestiegenen Interesse an seiner Person um. Seine Wohlfühloase liegt auf dem Platz, auf dem er immer öfter sein Potential abruft.  

Federer schwärmt von Andrey Rublev

„Ich kann jetzt noch nicht davon sprechen, ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen. Aber ich kann mit den Topspielern mithalten“, sieht sich Rublev noch als Zauberlehrling. 2017 erreichte er bei den US Open als 19-Jähriger das Viertelfinale und war gegen sein einstiges Idol Rafael Nadal chancenlos. „Damals hatte ich Glück, das Viertelfinale zu erreichen. 2019 bei den US Open hatte ich das Gefühl, dass ich es auch wirklich verdient habe, weil das auch mein Spielniveau darstellt. Dort habe ich es ins Achtelfinale geschafft.“

Als es darum ging, welcher junger Spieler im Jahr 2020 für Furore sorgen würde, fielen meist die Namen Stefanos Tsitsipas, Matteo Berrettini, Denis Shapovalov oder Felix Auger-Aliassime. Der Name Andrey Rublev wurde selten genannt. Dennoch hatte der 22-jährige Russe den wohl prominentesten Fürsprecher. Federer sagte über ihn: „Ich glaube, Rublev wird etwas Besonderes tun.“ Der Schweizer war beeindruckt, in welcher Weise er bei einem seiner Lieblingsturniere, in Cincinnati, von Rublev besiegt wurde.

Hamburg wird zum Wendepunkt

Mit 19 Jahren kratzte Rublev bereits am Einzug in die Top 30. Dass es nicht immer im Eiltempo nach oben geht, musste er in der Folgezeit lernen. Eine Rückenverletzung warf ihn 2018 völlig aus der Spur. Er wurde zum Zuschauen verdammt. „Ich war völlig niedergeschlagen. Ich habe kein Tennis geschaut, weil ich dadurch noch depressiver wurde, wenn ich es getan habe. Meine Kollegen waren auf der Tour und ich lag auf dem Sofa und habe gar nichts getan“, sagt Rublev über seine Leidenszeit.

2019 blieben zunächst die Ergebnisse aus, ehe mit dem Finaleinzug in Hamburg der Wendepunkt kam. Der Russe lernte, alles zu akzeptieren, was ihm in den Weg gestellt wurde. „Im ersten halben Jahr 2019 sah alles danach aus, dass es meine schlimmste Saison werden würde. Letztendlich wurde es meine beste“, blickt er zurück. Wenn er in die Zukunft schaut, ist ihm eine Sache wichtig. „Ich würde gerne lesen, dass die Leute über mich sagen, dass ich, auch wenn ich einen schlechten Tag habe, nur schwer zu schlagen bin.“

Andrey Rublev

Grand Slam-Talk: tM-Redakteur Christian Albrecht Barschel traf Andrey Rublev bei den Australian Open in Melbourne.

Vita Andrey Rublev

Geboren 1997 in Moskau, gab Rublev bereits im Alter von 16 Jahren sein Davis Cup-Debüt für Russland. Im Juli 2017 gewann er in Umag als Lucky Loser seinen ersten ATP-Titel. Wenige Wochen später spielte er sich bei den US Open ins Viertelfinale vor. Rublev gewann bislang vier ATP-Turniere. Sein bestes Ranking: Platz 14 (März 2019).