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Rudi Molleker im Portrait: Berliner Schnauze mit Biss

Der Weg nach oben war und ist für Rudi Molleker ein steiniger. Mit seiner extrovertierten Art landet er nicht überall sofort Volltreffer. Dabei beherrscht das Toptalent auch die ruhigen Töne. 2019 kämpft er sich erstmals durch die Qualifikation der Australian Open.

In der ersten Runde gewann Molleker knapp. Alle Infos zur Qualifikation finden Sie HIER. Dieses Potrait ist im aktuellen tennis MAGAZIN (19/1-2) erschienen. Das gesamte Heft mit vielen weiteren Storys können Sie HIER bestellen.

Erst schüttelt er bestimmt den Kopf. Den Überredungskünsten des Fotografen entgegnet er zunächst mit einem kessen Lächeln. Dann folgt das deutliche Lippebekenntnis: „Die Cap bleibt nachher auf.“ Der Lichtbildner merkt, dass er chancenlos ist. Er gibt auf und setzt sich an das hintere Bankende in einer der wenigen Sitzecken der kleinen, urigen Bäckerei.

Es ist später Vormittag an diesem Novembertag in Oranienburg, einer Kleinstadt in Brandenburg – fünfundzwanzig Bahnminuten entfernt vom Berliner Hauptbahnhof. Die Kleinstadt präsentiert sich bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein von ihrer besten Seite. Die Temperaturen erinnern allerdings eindringlich daran, dass die Winterzeit längst angebrochen ist.

Dennoch trägt Rudolf „Rudi“ Molleker, Deutschlands momentan vielversprechendstes Talent, in seiner Heimatstadt lediglich ein T-Shirt und keine sonderlich dicke Jacke. Jetzt, in der Bäckerei, hat er diese abgestreift. Später, während der Fotosession draußen, wird er sie anhaben – der Reißverschluss bleibt jedoch offen. So ist in beiden Situationen seine schwarzgehaltene „Shoulderbag“ gut sichtbar als zweites Accessoire neben der Cap. Eine lässige graue Jeans und blaue Sneakers runden den Hiphop-Look ab.

Hätte lediglich die etwas unwirsche Reaktion gegenüber dem Fotografen gepaart mit Rudi Mollekers Erscheinungsbild als Referenz herhalten müssen, der gerade 18 Jahre alt gewordene nächste deutsche Hoffnungsträger hätte nicht den allerbesten Eindruck hinterlassen.  Doch es bedarf gar nicht eines all zu tiefen Blicks hinter diese Fassade, um die eigentliche Person richtig kennenzulernen. Denn Molleker nimmt sich in Steinwurfnähe seines Elternhaus in Lehnitz (ein Stadtteil von Oranienburg) fast zwei Stunden Zeit, taut im Gespräch mit tennis MAGAZIN nach nur wenigen Minuten auf, ist ein für sein Alter eloquenter Gesprächspartner mit präzisen Aussagen – und vor allem: Er wirkt ausbalanciert. Quasi als Kontrastprogramm zum extrovertierten Rechtshänder, der die Faust bei seinen größten Siegen 2018 über Jan-Lennard Struff beim Mercedes Cup in Stuttgart und David Ferrer am Rothenbaum in schöner Regelmäßigkeit ballte und die Freude über die Punktgewinne hinausbrüllte.

Rudi Molleker: „Manchmal vergesse ich alles um mich herum“

„Dieses Extrovertierte“, sagt Molleker in Anwesenheit seines ersten Trainers und jetzigen Managers Benjamin Thiele „gehört auf dem Court für mich dazu. Manchmal vergesse ich während eines Matches alles um mich herum. Dann zählt nur Tennis.“ Ganz besonders gut funktionierte dieses Credo im Frühjahr beim Challenger in Heilbronn. Somit wurde er zum jüngsten deutschen Sieger eines Challengers seit einem gewissen Alexander Zverev 2014 in Braunschweig. „Dort haben mich viele Zuschauer sehr unterstützt“, sagt Molleker, der im Herbst noch zwei Halbfinals auf gleicher Ebene erreichte und momentan auf Weltranglistenplatz 193. liegt. Der Youngster wirkt zufrieden, wenn er über seine Saison 2018 spricht, obwohl die letzten drei Matches verloren gingen – und obwohl er die Jugendolympiade in Buenos Aires absagen musste wegen einer Schulterblessur, die mittlerweile wieder verheilt ist.

Molleker

2015 überzeugte Molleker bereits beim Orange Bowl. © Olli HARDT

Es wäre der Schlusspunkt einer überaus erfolgreichen Junioren-Karriere gewesen. 2011 wurde er deutscher Meister bei den U12 und qualifizierte sich für das renommierte Nike International Masters in Florida. Dort triumphierte er ebenfalls. Zwei Jahre später wurde er im tschechischen Pilsen Einzel-Europameister bei den U14-Junioren. Mit dem Nationalteam der Junioren U14 gewann er im gleichen Jahr die Titel bei den Europa- und Weltmeisterschaften.

Rudi Molleker: Große Erfolge in der Jugend

„Als Meilensteine“, bezeichnet Molleker diese Turniere rückblickend, ohne zu vergessen, dass es auch schwere Momente gab. „Warum betreibe ich den ganzen Aufwand? Warum kann ich kein normaler Jugendlicher sein, der mit seinen Freunden abhängt? Ich glaube, das sind Fragen, die sich jeder junge Leistungssportler stellt. Mit diesen Momenten musst du zurecht kommen.“ Letztlich habe er die einmalige Chance erkannt, sein Hobby zum Beruf zu machen. „Ich sehe sehr viel von der Welt. Meine Familie ist gesund und es geht uns gut. Das ist ein Privileg.“

Geboren in der Ukraine kam er als Sohn von Spätaussiedlern im Alter von drei Jahren nach Deutschland. Mit Mama, Papa und dem sechs Jahre älteren Bruder German lebte er anfangs auf engstem Raum. Doch bis nicht vor all zu langer Zeit noch wohnte die Familie in einfachen Verhältnissen. Nach dem Fotoshooting fahren wir gemeinsam zurück zum Bahnhof vorbei an einem alten, klassischen Plattenbau. Molleker zeigt emotionslos mit dem Finger auf das Gebäude, erwähnt beiläufig. „Da haben wir gewohnt.“ Die Mutter ist gelernte Zahnärztin, anerkannt wurde ihre Ausbildung zunächst nicht. „Sie musste hier in Deutschland alle Zulassungen neu erwerben.“ Sie half der Familie finanziell, als der Papa erst die Tenniskarriere des Bruders und dann die von Rudi forcierte.

In Stuttgart beim Mercedes Cup gewann Molleker 2018 gegen Jan Lennard Struff.

Rudi Molleker: besondere Bindung zum Bruder

Der große Bruder, seinetwegen begann Rudi bereits mit drei Jahren überhaupt mit dem Tennis, war talentiert, drang aber nicht in die deutsche Spitze vor. Er hatte vielfältige Interessen, hörte auf. Thiele, der recht schnell erkannte, dass „Rudi in Sachen Verbissenheit, Ehrgeiz und Talent nicht normal war“, schwärmt vom Verhältnis des Brüderpaars, ohne Neid oder Missgunst. „Ich bin stolz auf meinen Bruder. Er ist Polizist und wohnt mit seiner Freundin in Berlin. Wir haben ein inniges Verhältnis“, sagt Molleker. Jetzt, am Ende der Juniorenlaufbahn und nach ersten Erfolgen im Herrenbereich in der Saison 2018, sind Molleker und seine Familie dank einiger Sponsorenverträge und ersten größeren Preisgeldern gut aufgestellt, kürzlich bezog die Familie einen Neubau.

In vertrauterer Gesprächsatmosphäre philosophiert Molleker an diesem Tag darüber, ob er nicht sogar zu viele Emotionen zeige. Er und sein Manager sind sich aber einig: „Die Emotionen auf dem Platz sind meine Basis.“ Nachsatz des Teenagers: „Aber natürlich mache ich nicht immer alles richtig.“ Woher rührt diese Selbstreflexion? Molleker will seinen eigenen Weg in die erweiterte Weltspitze finden. Die Top 100 sind für 2019 das erklärte Ziel. Doch bis hierher hat Molleker schon einige Erfahrungen gesammelt – nicht ausschließlich positive. So ausgeglichen und besonnen wie an diesem Novembertag ist er nicht immer.  Während das Talent ganz lässig für unsere Porträtfotos posiert, deutet Manager Thiele erfrischend ehrlich an, was auch andere Weggefährten erwähnen. Thiele war auf Jugendturnieren des öfteren als Streitschlichter gefragt. Mollekers Art polarisiert, kam und kommt nicht überall nur positiv an. Thiele plädiert aber leidenschaftlich für seinen Schützling: „Wir lechzen hierzulande nach echten Typen, die mitreißen und auch mal polarisieren.Wenn es dann mal jemanden gibt, regen sich viele Beobachter schnell auf und es wird einem das Negative vorgehalten. Für ihn selbst ist das nicht immer vorteilhaft. Aber viele Zuschauer können zu ihm eine Bindung aufbauen und fiebern und fühlen mit.“

Rudi Molleker: nicht immer nur besonnen

Thiele und Mollekers Vater, dem der Filius nach eigenen Angaben immens viel zu verdanken hat, lassen bewusst eine lange Leine in Sachen Persönlichkeitsentwicklung.  Trotz schwedischer Beratungsagentur gibt es bisher noch keine professionell geführten Social-Media-Kanäle. Wer es möchte, kann auf Instagram ungefiltert Mollekers Liebe für deutschen Hiphop und die Hauptstadt nachempfinden. Berlin ist eine willkommene Abwechslung zur heimischen Ruhe. Großstadflair tankt er regelmäßig mit seinen Freunden – die Musik immer dabei: „Die Musik ist mir eine große Stütze. Ich höre eigentlich immer irgendwas, meistens deutschen Rap.“

Rudi Molleker posiert für unser Portrait. Foto: Claudio Gärtnerä

Momentan verfolge er den Künstler „Capital Bra“, ein Berliner Rapper mit ukrainischen Wurzeln, wie Molleker. Eine ähnliche Gelassenheit mit der persönlichen Entwicklung des Schützlings kennt man vom Zverev-Clan. Nicht die einzige zulässigen Parameter zwischen dem Emporkömmling Molleker und dem deutschen Vorzeigeathleten. Da ist auch: die russische Sprache, osteuropäische Wurzeln, engagierter Tennis-Papa, ein früher Challengererfolg, eine extrovertierte Aura auf dem Platz, leichte Anpassungsschwierigkeiten abseits der Courts. Mit Vergleichen hat Molleker seit seinen frühen Erfolgen leben müssen. „Mal war ich der kommende Boris Becker. Jetzt sehen die Leute mich in den Fußstapfen eines Sascha Zverevs. Ich nehme das wahr, aber ich kann ja nichts dagegen machen. Ich will ein sehr erfolgreicher Rudi Molleker werden.“

Rudi Molleker: Vergleiche mit Zverev

Wie Zverev es war, ist Molleker lange Teil des geförderten DTB Talent Teams. Bis Anfang des Sommers 2018 trainierte ihn der erfahrene Niederländer Jan Velthuis. Der tat ihm, das ist aus mehreren Quellen zu hören, spielerisch und menschlich gut. Dennoch folgte die Trennung. Den Rest des Jahres reiste der Teenager alleine oder mit dem Vater. „Eine gute Erfahrung, mal eigenverantwortlich alles organisieren zu müssen“, nennt das Molleker. Langfristig da sind sich Schützling, Vater und Manager einig, muss ein neuer Trainer her. In der Vorbereitung auf die Saison 2019, die er wie viele seiner Trainingsblöcke an der Mouratoglou-Akademie in Nizza verbrachte, begleitete ihn probeweise der ehemalige Trainer des Esten Jürgen Zopp,  Kim Tiilikainen aus Finnland.

Anfang Januar 2019 gab Manager Thiele an, dass die Zusammenarbeit gefruchtet habe und das Duo gemeinsam in die Saison starten werde. In diesen Tagen startet Molleker in der Qualifikation für die Australian Open. Dort hat er die Auftakthürde genommen. Je nach Erfolg oder Misserfolg wird der Youngster anschließend nach Deutschland zurückreisen und das Challenger in Koblenz bestreiten.

Molleker indes ist wichtig zu betonen, dass er sich damals nicht im Bösen von Velthuis getrennt habe. „Wir schreiben uns noch ab und zu. Ich bin ihm dankbar.“ Velthuis selbst möchte nichts zur Trennung sagen, hält Molleker für einen guten Jungen. In einem Videoporträt nannte ihn der Niederländer mal „Firecracker“ – also jemand, der auf dem Platz emotionsgeladen auch mal übertreibt. Übertrieben hat es bekanntermaßen auch Roger Federer in jungen Jahren, Mollekers großes Vorbild. Dass es gedauert hat, bis er alles im Griff hatte, haben viele vergessen. Mollekers Augen werden klischeehaft groß, wenn er von dem Maestro schwärmt. Vergleichbare Formen nehmen diese nur an, wenn er über seine Schuh-Sammlung spricht. Molleker hat bereits dutzende Sneakerpaare gesammelt, einige sind noch original verpackt. Das passt zum Flair der NBA, die der Teenager gerne verfolgt.
Als die Fotos – mit aufgezogener Cap – im Kasten sind, fährt man gemeinsam in Richtung Bahnhof. Autofahren darf Molleker selbst noch nicht. Die praktische Führerscheinprüfung steht kurz bevor. Chauffeur hätte an diesem Tag auch nicht zu seinem Erscheinungsbild gepasst. Wobei: Danach sollte man auch nicht urteilen.