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Berdych und Tsonga: Comeback der verlorenen Generation

Tomas Berdych und Jo-Wilfried Tsonga: Die Karrieren der ehemaligen Top 10-Spieler gelten trotz vieler Erfolge als unvollendet. Für ganz große Titel standen die großen Fünf im Weg – und manchmal auch der eigene Kopf. Zuletzt streikte der Körper. Bei ihren Comebacks Anfang 2019 wirken sie aber frisch und inspiriert wie lange nicht mehr.

Nationale Tennishelden. Das sind Tomas Berdych und Jo-Wilfried Tsonga in ihrer tschechischen und französischen Heimat beide. Haben sie doch als Spitzenspieler den Davis Cup geholt. Tsonga hatte im Halb- und Finale 2017 mit insgesamt drei von vier möglichen Einzelsiegen maßgeblichen Anteil am Titel der Grande Nation. Berdych gewann mit seiner Nation den Titel sogar zweimal in Serie (2012, 2013). Unvergessen sind seine drei Siege beim ersten Triumph gegen Spanien.

Die ganz großen Einzeltriumphe blieben dem Duo jedoch verwehrt. Angekommen im Herbst ihrer Karriere, streikte 2018 der Körper. Berdych spielte nach seinem Australian Open-Viertelfinale mit anhaltenden Rückenproblemen und nur mit Schmerzmitteln. Nach der Erstrundenpleite von Queen’s zog er sich zurück.

Tsonga legte von Februar bis September eine Zwangspause ein – das Knie streikte. Längst noch nicht wieder bei voller Kraft stellte sich Tsonga in den Dienst seiner Nationalmannschaft beim Davis Cup-Finale gegen Kroatien vergangenen November. Trotz der Niederlage gegen Marin Cilic brachte der Einsatz ihm viel Anerkennung in der Heimat.

Mit langfristigen Prognosen ist es am Ende der ersten Turnierwoche natürlich nicht weit her: Dennoch sind Tsongas drei Siege gegen Thanasi Kokkinakis, Taro Daniel und Alex de Minaur beim ATP-Turnier in Brisbane und Tomas Berdychs Halbfinallauf in Doha (Siege gegen Philipp Kohlschreiber, Fernando Verdasco und Pierre-Hugues Herbert) ein kleiner Fingerzeig, dass Körper und Geist nach der langen Pause im Einklang erscheinen und in der Off-Season nicht all zu viel falsch gemacht wurde.

Berdych und Tsonga: Körper und Geist wieder im Einklang

„Damals nach meinem Aus in Queen’s habe ich gesagt: ,So geht es einfach nicht mehr weiter'“, reflektierte Berdych am Rande dest ATP-Turniers in Doha. Er habe lange vor der Rasenaison 2018 Schmerzen gehabt. Eine Operation konnte Berdych umgehen. Er pflegte und hegte seinen Körper. „Es war ein langer Weg zurück. Zwei Wochen im Herbst schlug ich nur sehr langsam auf. Die Schulter und der Rücken waren sehr steif. Dann wurde es besser.“ Seitdem habe er sich peu à peu besser gefühlt und eine gute Off-Season hingelegt.

Tsonga ging es ähnlich. „Daher lautet mein Ziel für 2019 lediglich: gesund bleiben und mehrere Matches in Serie spielen“, erklärte er in Brisbane. Das klappt bereits in Kalenderwoche eins hervorragend. Im Halbfinale wartet am Samstag Daniil Medvedev. Berdych trifft in Doha, ebenfalls in der Vorschlussrunde, auf Marco Cecchinato.

Karrierestats: Berdych und Tsonga haftet ein Verlierer-Image an

Anhänger der beiden prägenden Figuren der vergangenen zwölf, dreizehn Jahre fragen sich nun wegen des guten Jahresstarts nicht zu Unrecht: Was können die 33-Jährigen im Herbst ihrer Karriere noch leisten? Hat die Zwangspause sogar dazu geführt, dass Ehrgeiz und mentale Fitness nochmal neu ausgerichtet worden sind? Unterschwellig haftet dem Duo durchaus das Image der ewigen Zweiten an.
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Zwar ist Berdych nicht erst seit beschriebenem Davis Cup-Novembertag vor sechs Jahren ein Superstar in Tschechien. Dem hochaufgeschossenen Rechtshänder mit der Bilderbuchtechnik wurde wegen seiner hervorragenden Anlagen nicht weniger als die ganz großen Erfolge zugetraut. Bis heute stehen „nur“ die beiden Titel im renommierten und nun umgekrempelten Länderkampf zu Buche.

Berdych: Katastrophen-Bilanz gegen Top 10-Spieler

Hinzu kommen 13 Einzel-Titel auf der ATP-Tour – darunter nur ein Masters-1000-Erfolg (2005 Paris-Bercy) als Youngster auf seinem präferierten Teppichboden. Kein Geheimnis: Der Tscheche fühlt sich wohl auf Hardcourts und schnellen Teppichbelägen mit flachem Absprung. Als Hardhitter konnte und kann er das Tempo definieren. An guten Tagen sieht dann jeder Gegner schlecht aus. Der letzte Titel datiert aber aus dem Jahr 2016.

 

Tsonga haftet, anders als Berdych, nicht das Image des Schönspielers an. In Frankreich lieben ihn die Leute wegen seines Ehrgeizes und wegen seiner Emotionen, die er auf dem Platz lässt. Damit erreichte er immerhin 16 ATP-Titel (zwei Masters-1000).

Die mentale Stärke auf dem allerhöchsten Niveau aber fehlte. Den 13 Finaltriumphen Berdychs stehen 18 Finalniederlagen gegenüber (Tsonga 12). Seine 53 zu 123 Bilanz gegen Top 10-Spieler (Tsonga 43 zu 82) ist, als langjähriges Mitglied der Top 10, unterdurchschnittlich.

Immerhin: Bei allen vier Grand Slams erreichte Berdych das Halbfinale. 2010 gelang ihm in Wimbledon sogar der Finaleinzug. Es folgte eine glatte Dreisatz-Niederlage gegen Rafael Nadal. Tsongas größter Major-Erfolg ist der Finaleinzug bei den Australian Open 2008. In Paris und Wimbledon erreichte er das Halbfinale.

Die Australian Open, das erste Major des Jahres, werden die Richtung vorgeben. Berdych hat dort ein Viertelfinale zu verteidigen. „Ich sehe das ganze aber als Chance“, sagte er diese Woche. Tsonga verlor in Runde drei nach 2:1-Satzführung gegen Denis Shapovalov. Der Kampf gegen die jüngere Generation auf der einen und die Superstars der Szene auf der anderen wird das Jahr von Tomas Berdych und Jo-Wilfried Tsonga bestimmen. Es liegt an ihnen und an ihrem Körper, ob sie sich nochmal dagegen stemmen können.