Day One: The Championships – Wimbledon 2018

Wimbledon 2018: Die besten aktiven Spieler auf Rasen

Welche Spieler sind auf Rasen am besten? Und welchen sind große Überraschungen in Wimbledon 2018 zuzutrauen? Unser Autor Peter Wetz, Daten-Analyst aus Österreich, nähert sich diesen Fragen mit statistischen Methoden an.



Wie jedes Jahr kulminiert die nur wenige Wochen dauernde Rasensaison mit dem Klassiker in London – Wimbledon beginnt heute. Es heißt, dass das erfolgreiche Spiel auf Rasen ein besonders gutes Ballgefühl und eine überdurchschnittlich gute Schlag- und Lauftechnik erfordert. Der Ballabsprung ist flach und schnell, das Gras ist rutschig. Das Schwierige für die Profis: Die Rasensaison dauert nur fünf Wochen – und zwei davon nimmt Wimbledon ein. So bleibt nur wenig Zeit, um sein Spiel auf Rasen optimal anzupassen.

Ein anderer Nachteil der kurzen Rasensaison: Sie hat nur einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das offizielle Ranking. Wie aber würde eine Rangliste aussehen, das Rasenspezialisten aufwertet? Genau diese Frage habe ich mir gestellt. Das Ergebnis ist nun ein spezielles Super-Rasen-Ranking für Herren und Damen.

Die Super-Rankings funktionieren wie folgt: Ausgangspunkt sind die Top 50-Spieler des offiziellen Rankings vom 25. Juni 2018.   Als erster Parameter kommt das Rasen-spezifische Elo Rating zum Tragen. Elo ist ein Ratingsystem, das die Spielstärke des Gegners für die Berechnung der Punkte heranzieht – und nicht das Vorankommen in einer Turnierwoche. Es ermöglicht bessere Vorhersagen als die offiziellen Rankings von WTA oder ATP. Das mittlerweile optimierte Elo Rating berücksichtigt nun auch längere Turnierpausen von Spielern, indem deren Rating je nach Dauer der Pause abgewertet wird. Von Spielern, die beispielsweise verletzt sind, wird nämlich nicht erwartet, dass sie bei ihrem Comeback gleich gut sind wie vor der Pause. Prominentes und aktuelles Beispiel ist Novak Djokovic.


Gut zu wissen: Was ist das Elo-Rating?

Das Elo-Rating-System wurde in den 1960er-Jahren von Arpad Elo, einem amerikanischen Physiker, für den Schachsport entwickelt. Ziel war es, ein objektives Punktesystem zu kreieren, das die relativen Spielstärken unter den Spielern in ein Verhältnis setzt. Seitdem wurde Elo für verschiedene Sportarten umgesetzt, unter anderem inoffiziell auch für Tennis. Und so funktioniert das Elo-Rating: Jeder Spieler bekommt anfangs ein Start-Rating. Für jeden Sieg werden Punkte zum Rating addiert, für jede Niederlage Punkte abgezogen. Je besser der Gegner ist, gegen den man gewinnt, desto mehr Punkte werden addiert. Umgekehrt verliert ein Spieler auch mehr Punkte, wenn er gegen einen schwächeren Spieler verliert. Gleichzeitig lassen sich vom Elo-Rating zweier Spieler auch Gewinnwahrscheinlichkeiten ableiten.

Ein Unterschied von 100 Punkten bedeutet beispielsweise, dass der Favorit eine Siegwahrscheinlichkeit von 64% hat. Im Tennis haben sich schon verschiedene Analysten mit Elo-Ratings beschäftigt. Im Gegensatz zum offiziellen ATP-Ranking berücksichtigt der Elo-Wert die Spielstärke des Gegners und nicht die Runde oder Turnierkategorie, in der man gegen ihn spielt. Dass dies ein Vorteil von Elo ist, wird klar, wenn man sich die Prognosegenauigkeit beider Systeme ansieht: Die mittels Elo errechnete Siegwahrscheinlichkeit eines Tennisspielers ist öfters korrekter als die durch das ATP-Ranking ermittelte. Eine Rangliste, die auf Elo-Ratings basiert, spiegelt somit die Stärke der Spieler besser wider als das ATP-Ranking.


Wimbledon 2018: Super-Rasen-Ranking der Herren

Als zweite Bewertung der Spieler wird die Anzahl der Titel auf Rasen und als dritte Bewertung die Sieg-Niederlagen-Bilanz auf Rasen verwendet. Diese drei Rankings werden jeweils zu einem Drittel gewichtet und ergeben dann in ein Gesamtranking ein. Für präzise Vorhersagen ist dieses Ranking natürlich nicht gedacht. Es soll vielmehr einen neuen Blickwinkel auf die Spieler und Spielerinnen mit speziellem Fokus auf deren Rasenqualitäten ermöglichen.

Wimbledon 2018

Bei den Herren (s.o.) sieht man, dass wie erwartet Roger Federer auf dem ersten Platz thront. Andy Murray und Novak Djokovic stehen im Gegensatz zu ihren derzeitigen ATP Ratings auch weit oben auf der Liste. Dafür sind vor allem ihre Titel auf Rasen und die besonders gute Sieg-Niederlagen Statistik verantwortlich. Ein etwas unbekannteres Gesicht, das sich in dem Ranking nach vorne katapultiert hat, ist Feliciano Lopez auf Platz 5. Der Spanier hat auf Rasen starke Ergebnisse und erreichte schon drei Mal das Viertelfinale von Wimbledon.

Wimbledon 2018

DER KÖNIG KOMMT! Rasengott Roger Federer beim Betreten des Centre Courts von Wimbledon 2018 – in einem Outfit seines neuen Ausrüsters Uniqlo, wohlgemerkt.

Elo-Ratings gibt es für jeden einzelnen Belag. Sie ermöglichen es, Spieler zu finden, die sich auf einem Belag sehr wohl fühlen. Ist das Verhältnis zwischen Rasen-Elo und dem Gesamt-Elo eines Spieler hoch, so kann man aus mathematischer Sicht die Aussage treffen, dass dieser Spieler auf Rasen besonders gut ist. Genau diese Methode wurde verwendet, um „Dark Horses“ zu finden. Das sind Spieler, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht auf dem Radar hat, da sie im Ranking nicht weit vorne auftauchen, die aber mit dem Spiel auf Rasen dennoch umzugehen wissen. Für diese Analyse haben wir nur Spieler herangezogen, die außerhalb der Top 40 der ATP-Weltrangliste rangieren.

Wimbledon 2018: Drei „Dark Horses“ bei den Herren

Die drei Dark Horses sind Florian Mayer, Yuichi Sugita und Mikhail Youzhny. Florian Mayer hat schon zwei Wimbledon-Viertelfinals zu Buche stehen und gewann 2016 in Halle. Er hat ein gutes Gespür für Gras. Sein Verhältnis aus Gesamt-Elo zu Rasen-Elo verrät, dass er im Spätherbst seiner Karriere am ehesten noch auf dem Rasen von Wimbledon den einen oder anderen Achtungserfolg feiern kann.

Yuichi Sugita hat letztes Jahr beim Vorbereitungsturnier in Antalya für Furore gesorgt, als er sich überraschend den Titel holte. In Wimbledon hat er bislang noch keine Wundertaten vollbracht, aber der Algorithmus meint, dass man ihn im Auge behalten sollte. Zumal er jüngst in Halle gegen Dominic Thiem gewann. Allerdings konnte er seinen Titel in Antalya nicht verteidigen.

Mikhail Youzhny ist ein alter Hase auf der Tour. Auch wenn er derzeit außerhalb der Top 100 steht, hat mit über 100 absolvierten Rasenmatches und insgesamt acht Achtelfinalteilnahmen in Wimbledon die nötige Erfahrung, um vielleicht für eine Überraschung zu sorgen.

Wimbledon 2018

RASEN-QUEEN: Serena Williams beim Training vor ihrem ersten Match in Wimbledon 2018.

Wimbledon 2018: Super-Rasen-Ranking der Damen

Das Super-Rasen-Ranking der Damen (s.u.) führt Serena Williams an. Mit ihren acht Rasen-Titeln und unglaublichen 90 Prozent gewonnener Matches auf Rasen verweist sie ihre Schwester Venus auf Platz zwei. Venus hat fünf Rasen-Titel und gewann 83 Prozent ihrer Matches auf Gras. Auf Platz 3 folgt mit Petra Kvitova eine zweifache Wimbledon-Siegerin mit einem sehr hohen Rasen-Elo-Wert. Noch höher ist allerdings jener Wert bei Angelique Kerber, die auf Rang 4 im Super-Ranking steht und sich im Vergleich zum WTA-Ranking vom 25. Juni um sieben Plätze verbessert hat.

Wimbledon 2018Als Dark Horses bei den Damen wurden Heather Watson, Donna Vekic und Vera Zvonareva. Heather liegt im Moment zwar nur auf WTA Rang 88, hat aber letztes Jahr in Eastbourne für Aufsehen gesorgt, als sie mit ihrer Wildcard erst im Halbfinale von Caroline Wozniacki in drei Sätzen gestoppt werden konnte. Ähnlich war es eine Woche später in Wimbledon, wo sie — mit einer Wildcard ausgestattet — bis in die dritte Runde kam und dort erst in drei Sätzen von Victoria Azarenka gestoppt werden konnte. Ob sie diese Leistungen bestätigen oder vielleicht sogar übertreffen kann? Allerdings: 2018 lief ihre Rasensaison bislang eher bescheiden.

Donna Vekic ist unser zweites Dark Horse im Stall. Sie startete ihre Rasenkarriere zwar mit sechs Niederlagen in Serie, gewann aber 2017 in Nottingham 2017 und scheiterte später in Wimbledon in der zweiten Runde nach einem epischen Kampf über 3:10 Stunden gegen die spätere Halbfinalistin Johanna Konta. Auch wenn ihre Leistungen stark schwanken, ist sie durchaus für einen Erfolgslauf auf Rasen zu haben. Sie hat in der ersten Runde von Wimbledon 2018 allerdings ein Hammerlos erwischt und muss gegen die an vier gesetzte Sloane Stephens antreten.

Als Dritte im Bunde ist Vera Zvonareva zu nennen, die nach einer Babypause an ihrem Comeback arbeitet. Die Russin stand 2010 im Wimbledon-Finale und hat schon sehr viel Erfahrung auf Gras gesammelt. Zudem spielte sie sich durch die Quali, hat also Matchpraxis nach drei Siegen in Roehampton. Zvonareva trifft auf eine andere ehemalige Finalistin: auf Angelique Kerber (2016). Beide verloren ihre Endspiele gegen Serena Williams.

Alle Daten für diesen Artikel wurden freundlicherweise bereitgestellt von der Website tennisabstract.com!

Über den Autor: Peter Wetz ist Informatiker und Datenanalyst aus Wien. Wurde als österreichischer Tennisfan nicht mit grandiosen Erfolgen auf dem heiligen Rasen überhäuft. Unrühmliche Tatsache: Thomas Muster ist die einzige Nummer 1, die nie ein Match in Wimbledon gewonnen hat. Hat als Tourist schon die Aura des Center Courts des All England Clubs gespürt und freut sich wie jedes Jahr aufs Mitfiebern. Bei Twitter ist er hier zu erreichen: https://twitter.com/sPETEcore

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