Juan Martin del Potro

Juan Martin del Potro: Der Erleuchtete

Der Argentinier Juan Martin del Potro sollte nach dem Sieg bei den US Open 2009 zum ebenbürtigen Herausforderer von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic werden. Nach vier Operationen am Handgelenk musste er allerdings beinahe seine Karriere beenden. Nun ist er der zufriedenste Mensch im Herrentennis – und erneut Herausforderer. 



Es gibt bei Tennisturnieren eine Regel, an die sich erstaunlicherweise alle Sportler und Journalisten brav halten: Auf den Pressekonferenzen nach den Partien wird zuerst auf Englisch gefragt und geantwortet, danach in der Muttersprache des Akteurs. Es lohnt bisweilen, einfach mal sitzenzubleiben, selbst wenn man kaum etwas versteht. Die Akteure geben keine Autopilot-Antworten mehr, wie sie das auf Englisch bisweilen tun, Roger Federer wird zum flapsigen Lausbuben, Novak Djokovic gibt den sarkastischen Philosophen und Karolina Pliskova offenbart einen unfassbar trockenen Humor.

Der Argentinier Juan Martin del Potro wechselt, wenn er Spanisch spricht, von Fließband-Floskeln ins Sentimentale und in Superlative. Über den Erfolg bei den US Open 2009 im Finale gegen Federer sagt er etwa: „Ein Wunder!” Über sein Comeback nach zahlreichen Operationen: „Das Verdienst der argentinischen Fans. Sie haben die größten Herzen der Welt und nicht zugelassen, dass ich aufhöre.” Über seine Energieleistung gegen Dominic Thiem bei den US Open 2017: „Ich bin von den Toten auferstanden. Eine legendäre Partie.”

Legendäre Siege bekommt man nicht geschenkt. Eine Rivalität wird nicht unvergesslich, wenn der eine den anderen vom Platz prügelt. Ein Duell wird dann faszinierend, wenn der eine den anderen an eine Grenze treibt, die der ansonsten nicht erreicht hätte. Der Verlierer muss derart groß sein, dass der Sieger an ihm wachsen kann. Mohammad Ali und Joe Frazier etwa vermöbelten sich bei ihrem letzten Kampf gegenseitig bis in die Besinnungslosigkeit, vor der letzten Runde saßen die beiden auf dem Hocker in der Ecke, unfähig aufzustehen. Im Männertennis gab es Borg und McEnroe, Becker und Edberg, Sampras und Agassi.

Volksheld del Potro

Roger Federer hat einige dieser Rivalitäten der vergangenen Jahre erlebt: gegen Nadal, 2008 in Wimbledon. Gegen Roddick, 2009 in Wimbledon. Gegen Djokovic, 2011 in New York. Und ja, auch gegen del Potro, zuletzt im wahnwitzigen Finale von Indian Wells. Es war eine Partie zum Genießen, es war aber auch eine für einen traurigen Seufzer, weil sie eine Erinnerung daran war, was hätte sein können, aber nicht gewesen ist.

Del Potro ist aufgrund seiner baumähnlichen Statur nicht zu übersehen auf einer Tennisanlage, er erinnert einen ja manchmal an Groot, diesen sprechenden und schreitenden Baum aus der Superhelden-Filmreihe „Guardians of the Galaxy“. Er ist aber auch deshalb leicht zu finden, weil es bei seinen Partien – und manchmal auch schon beim Training – unglaublich laut zugeht. Da stehen Leute in hellblau-weißen Klamotten, viele haben überhaupt keine Ahnung von Tennis. Sie wissen nur, dass da ein Argentinier auf dem Platz steht, also brüllen sie derart innbrünstig, als würde der Akteur mit den lautesten Fans eine Tennispartie gewinnen.

Auch die argentinischen Fans beherrschen das Sentimentale und die Superlative, die nur südamerikanische Seifenopern und Sport-Heldensagen so hinbekommen, dass es nicht lächerlich klingt. Sie singen diese Geschichte auch gerne mal auf der Tribüne, und dann blicken kleine Jungs in hellblau-weißen Trikots beinahe andächtig hinab auf diesen riesigen Kerl, der von den Älteren als Landesheiliger besungen wird.

Mit Glasknochen im Handgelenk

Die Geschichte des Tennishelden Juan Martin del Potro beginnt bei den US Open 2009. Er prügelte erst Rafael Nadal vom Platz und gewann im Finale gegen Federer, der davor in New York 41 Spiele nacheinander nicht verloren hatte. Es war eine unvergessliche Partie, weil Federer sie hätte gewinnen müssen, er verlor jedoch gegen einen 20 Jahre alten Lulatsch, der sich nach dem Sieg gegen Nadal noch dafür entschuldigt hatte, dass es wegen ihm kein Traumfinale Nadal/Federer geben würde: “I am so sorry!”

Nach dem US Open-Sieg galt del Potro als legitimer Herausforderer der großen Vier (Federer, Nadal, Djokovic, Murray), die seit den French Open 2005 sämtliche Grand Slam-Titel gewannen – und nach der de Potro-Ausnahme 2009 bis zu den US Open 2013 wieder überall siegten. Das Schicksal, dieser miese Verräter, hatte del Potro allerdings mit Glasknochen im Handgelenk ausgestattet. Er musste operiert werden, immer wieder, er wollte seine Karriere beenden, weil die Schmerzen einfach nicht weniger wurden. „Ich habe mich daran erinnert, welch schöne Momente ich beim Tennis erlebt habe“, sagt del Potro über diese Zeit: „Sehen Sie doch, was danach passiert ist: noch schönere Momente, die schönsten meines Lebens.“

Del Potro kam zurück, immer wieder, er stellte dabei seine Spielweise komplett um: Er hatte zuvor die Bälle flach und hart übers Netz geprügelt, manchmal in unglaublicher Geschwindigkeit und mit wahnwitzigen Winkeln, nun arbeitete er vor allem auf der Rückhandseite oft mit dem eher defensiven Slice – was zunächst überhaupt nicht funktionierte. Die Gegner hauten ihm die Bälle um die Ohren und prügelten ihn sehr häufig vom Platz. Legendäre Duelle waren das gewiss nicht mehr, sondern schlimme Niederlagen.

„Ich habe so etwas noch nie erlebt”

Was stellt das mit einem Menschen an, wenn er weiß, dass er mit den besten Spielern mithalten könnte, wenn er doch stabilere Knochen hätte? Es gibt Sportler, die verbittern wegen dieser Ungerechtigkeit und geben auf, andere ziehen aus Rückschlägen und Verletzungen ihre Kraft – und es gibt del Potro, der im buddhistischen Sinne als erleuchtet gelten darf und allen Prüfungen des Lebens mit gleichmütigem Lächeln begegnet: „Ich habe von meinen Eltern viel über das Leben gelernt. Es ist kein gerader Weg, sondern es gibt Hügel, die man unter größter Anstrengung besteigen muss.“

Del Potro arbeitete weiter, er tüftelte an Variationen für seinen Rückhand-Slice und auch an taktischen Varianten. Er wurde beweglicher, konstanter, geduldiger – und dann passierte diese zweite Jahreshälfte 2016: Bei den Olympischen Spielen in Rio besiegte del Potro erst Djokovic und später Nadal, das Endspiel gegen Murray war so eine legendäre und unvergessliche Partie. Das Stadion war ein hellblau-weißer Tempel, die Fans sangen und brüllten und pfiffen, del Potro wankte bisweilen vor Erschöpfung, doch er gab nicht auf. „Ich habe so etwas noch nie erlebt”, sagte del Potro danach. Es war völlig egal, dass er dieses Finale verlor. Nach einem legendären Tennismatch wirkt der Verlierer manchmal größer als der Gewinner.

„Diese Silbermedaille bedeutet mir mehr als alles andere”, sagt del Potro. „Die Erstrunden-Partie gegen Djokovic hat mein Leben verändert, das ist mehr wert als Gold.” Dieses Turnier, diese packenden Partien gegen drei der großen Vier, die Begeisterung seiner Landsleute, all das zeigte ihm: Er kann wieder mithalten mit den Besten der Welt – ach was, den Besten der Geschichte.

Del Potro führt Argentinien zum ersten Davis Cup-Titel

Bei den folgenden US Open verlor er erst im Viertelfinale gegen Stan Wawrinka – und was danach passierte, davon erzählen die Argentinier mittlerweile so, wie sie sonst nur den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 und das wahnwitzige Tor von Diego Maradona im Viertelfinale gegen England beschreiben. Im Halbfinale des Davis Cup lieferte sich del Potro eine Fünf-Satz-Schlacht gegen Murray, er gewann am Ende mit 6:4, 5:7, 6:7 (5), 6:3, 6:4 – und wahrscheinlich reichen die Ergebnisse im Finale gegen Kroatien, um anzudeuten, was in Zagreb passierte: Del Potro besiegte Ivo Karlovic mit 6:4, 6:7 (6), 6:3, 7:5 und dann Marin Cilic mit 6:7 (4), 2:6, 7:5, 6:4, 6:3.

Es half bei der Legendenbildung freilich, dass sich del Potro während der Partie gegen Cilic beim Aufschlag seines Gegners den kleinen Finger brach und dass er danach erklärte, einzig wegen der Zuschauer weitergemacht zu haben. Es sei das größte Wunder seines Lebens gewesen, versicherte er danach, und natürlich war Maradona als Maskottchen im Stadion, er bekam den Siegerschläger von del Potro und sang gemeinsam mit den anderen Argentiniern anlässlich des ersten Davis Cup-Sieges in der Geschichte des Landes: „Esta hinchada se merece ser campeón.“ Übersetzt heißt das: Diese Fans verdienen es, Champion zu sein.

Natürlich verdienen es diese Fans und es hilft einem Einzelsportler bei der Legendenbildung, wenn er einen Titel nicht für sich gewinnt, sondern für Land und Leute. „Ich habe alles erreicht, was ich wollte: Ich habe ein Grand Slam-Turnier und den Davis Cup gewonnen, dazu olympische Medaillen”, sagt er: “Jetzt sehen wir mal, was ich noch erreichen kann, wenn ich mich weiter verbessere.“ Das führt freilich zur entscheidenden Frage: Was kann er noch erreichen, im Alter von 29 Jahren? Er hat zuletzt in Indian Wells gewonnen und in Miami das Halbfinale erreicht. In der Weltrangliste liegt er vor dem Wechsel auf die europäischen Sandplätze auf Platz sechs.

Sentimental und gelassen

Tennis braucht Rivalitäten, weil die bedeutsamen Turniere aufgrund ihrer Struktur darauf ausgelegt sind, dass sich die prägenden Akteure in der ersten Woche einspielen, im Spielergarten wie Tiger umschleichen und sich gegenseitig beim Training beobachten. Dann wird es leer auf der Anlage, die Dramaturgie arbeitet darauf hin, dass sich die Duellanten am zweiten Wochenende zu möglichst unvergesslichen Partien auf dem Platz begegnen und der Schlusspunkt gleichzeitig der Höhepunkt ist.

Die Rivalitäten, die legendären Duelle sind im Herrentennis seltener geworden in dieser Saison. Nadal hört nun häufiger auf seinen Körper und plant – wie Federer auch – seine Auftritte sorgsamer. Der andere Rivale Novak Djokovic: auf der Suche nach Form und Gesundheit und irgendwie auch sich selbst. Andy Murray, Stan Wawrinka: noch immer verletzt. Die jungen Alexander Zverev, Dominic Thiem und Grigor Dimitrov: noch nicht so weit und womöglich doch nicht so schrecklich talentiert, wie viele Beobachter und auch sie selbst immer denken.

Bleibt del Potro. Wer ihm begegnet, der lernt einen Menschen kennen, der beneidenswert gelassen und gleichmütig ist. Der erreicht hat, was er erreichen wollte – und der nun ausprobieren möchte, was er noch erreichen kann. Es gibt genügend talentierte Gegner, die ihn an diese neuen Grenze treiben dürften. Und sicher ist: Was immer dieser Juan Martin del Potro noch erleben wird – er wird darüber sentimental und mit zahlreichen Superlativen berichten.

Text: Jürgen Schmieder

Spiel, Satz, Sieg – großes Tennis hier bei uns im Livescore! Verpasst kein Match! Klickt Euch rein: http://www.tennismagazin.de/livescore/