Justin Engel: „Ich esse zehn Eier zum Frühstück”
17 Jahr, blondes Haar – und bereits die neue deutsche Hoffnung. Justin Engel hat ein Topteam um sich geschart, um zu einem Top-Spieler zu werden. In tennis MAGAZIN verrät er, warum seine Oma, der tägliche Haferbrei, ein Navy-Seal-Elitesoldat und Trainer Philipp Kohlschreiber für ihn so wichtig sind. Und er gesteht, dass Alexander Zverev für ihn als Vorbild nicht in Frage kommt.
Text: Dietmar Gessner
Das Grand Elysee Hotel in Hamburg ist ein 5-Sterne-Haus. Gediegen, mit über 500 luxuriösen Zimmern und einem Spa-Bereich von 1.000 Quadratmetern. Immer wieder treten Menschen in Bademänteln aus diesem heraus ins repräsentative, geschwungene Treppenhaus. Gegenüber, unter einem Fenster, ist eine gemütliche Sitzecke. Ruhig, etwas abseits. Auf einem tiefen Ledersessel hat es sich Justin Engel (17) gemütlich gemacht. Er trägt ein cremefarbenes Outfit, Schuhe, Socken, Hose, Shirt – alles in einem Ton. Aber das Gegenteil von eintönig. Sondern stylish, ein Hingucker.
Das ist der in Nürnberg geborene Engel sowieso. Auf dem Tenniscourt. Als er im Vorjahr beim ATP-Turnier im Almaty (Kasachstan) gegen Coleman Wong (Hongkong) gewann, machte ihn das zum jüngsten Sieger eines Matches auf der ATP-Tour seit Carlos Alcaraz 2020. Der Spanier ist seitdem zu einem neuen globalen Superstar aufgestiegen. Wohin der Weg von Justin Engel führt, ist noch nicht klar. Aber die Tendenz stimmt: aufwärts.
Und das liegt unter anderem an: seiner Oma, täglich Haferbrei seit seinem dritten Lebensjahr, acht bis zehn Eiern zum Frühstück, seiner Ausbildung zum Kickboxer – und einem Elitesoldaten der legendären Navy Seals! Der ist als „härtester Mensch der Welt“ für Engel Antrieb und Inspiration gleichermaßen.
„Ohne meine Oma Jelena wäre ich nicht der, der ich bin”
Justin Engel, Rechtshänder mit offenen Blick und kräftigem Händedruck zur Begrüßung, hat es innerhalb eines Jahres von Weltranglistenplatz 800 auf 345 geschafft. Und er ist sich sicher: Dieser gute Trend liegt ganz stark an seiner Familie und an seinem Umfeld: „Ohne meine Oma Jelena wäre ich nicht der, der ich bin. Die hat mich großgezogen. Meine Oma und meine Mutter, das sind die Frauen, die ich immer am meisten lieben werde. Als Kind weiß man noch nicht, wo was hinführt. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er mich ans Tennis herangeführt hat.”
Alles Kopfsache: „Ich werde auch mental bereit sein“, sagt Engel. Er weiß, dass Coolness unter Druck von elementarer Bedeutung ist, wenn er noch erfolgreicher werden möchte.Bild: Oliver Hardt
Horst Engel hat das Talent seines Sohnes früh erkannt und konsequent gefördert. Er hatte auch schon Anca Barna (Karriereende 2005) bis auf Platz 46 der WTA-Weltrangliste gecoacht. Justin Engel ist ein multisportlich Hochbegabter. Er spielt sehr gut Basketball (im Verein beim Post SV Nürnberg) und hatte als Kickboxer sogar die Möglichkeit, an einer Europameisterschaft teilzunehmen: „Aber das habe ich natürlich nicht gemacht. Da wäre die Verletzungsgefahr zu groß gewesen. Meine Hauptsportart ist Tennis.”
Sieg in Hamburg gegen seinen Babysitter
Gleichwohl streut er immer noch Kickbox-Einheiten in seine Vorbereitungen ein, denn laut Engel ist „Kickboxen auch mentales Training. Die Bewegungen und die Koordination helfen auch im Tennis. Und es steigert das Selbstvertrauen, man läuft ganz anders herum”.
In der Tat haftet dem Aufreten von Justin Engel eine für sein Alter ungewöhnliche Ruhe und Souveränität an. Er ist nicht der Typ, der sich von Gefühlen übermannen und schlimmstenfalls ablenken lässt. Das war beispielhaft beim ATP-Turnier Mitte Mai in Hamburg zu beobachten. Da bekam er es in der ersten Runde ausgerechnet mit seinem deutschen Landsmann Jan-Lennard Struff zu tun.
Der war vor Jahren tatsächlich ab und an noch der Babysitter von Klein-Justin. Man kennt sich, man schätzt sich. Es ist eine Freundschaft. Engel siegte mit 7:6 und 7:6. Das Bemerkenswerteste daran war, dass er in einem extrem engen Match immer cool blieb und selbst das deutliche Plus an Routine Struff nicht retten konnte.
Mit Philipp Kohlschreiber zum gereiften Profi
Im Termin mit tennis MAGAZIN beschreibt Engel, dass das Ganze nicht nur seine eigene Leistung war: „Ich habe ein sehr gutes Team und profitierte total davon, dass direktes Coaching in Matches nun erlaubt ist. Gerade auch im Zusammenspiel mit Kohli.”
Kohli – das ist Philipp Kohlschreiber (41). Der Augsburger war über 20 Jahre auf der Profitour, bevor er 2022 seine Karriere beendete. Acht Titel hat er gewonnen, in allen vier Grand Slam-Turnieren schaffte er es mehrfach mindestens bis ins Achtelfinale, in Wimbledon 2012 sogar bis ins Viertelfinale.
Meister und Schüler: Engel beim Training mit Philipp Kohlschreiber (r.) in der Tennisbase Oberhaching. Engel wohnt dort auch die meiste Zeit zwischen den Turnieren.Bild: Imago
Wenn Engel so erfolgreich werden will, dann – davon ist er überzeugt – braucht er dazu „Coach Kohli“. Nicht nur, weil Kohlschreiber in seiner Laufbahn praktisch alles erlebt, durchlebt und gesehen hat. Sondern auch, weil Kohlschreiber ein völlig anderer Spielertyp war, als Engel es ist.
Justin Engel: „Ich war immer ein Hardhitter”
Etwas verkürzt griffig gemacht: Engel spielt mit Wucht, Kohlschreiber mit Raffinesse. Engel beschreibt das weitere Vorgehen deswegen so: „Ich möchte meinem Spiel noch mehr Variationen geben, deshalb ist es so gut, dass ich Kohli in meinem Team habe. Jeder weiß, wie variantenreich er spielen kann, er hat immer richtigen Spielwitz gehabt. Den habe ich bisher nicht so. Daran arbeiten wir nun. Ich war immer ein Hardhitter. Mein Spiel hat sich generell klar verbessert, ich sehe deutliche Fortschritte. Ich weiß, dass ich mit meiner harten Arbeit weit kommen kann. Mental muss und werde ich dafür bereit sein.”
Kohlschreiber ist auch mehr als zwei Jahre nach dem Ende seiner Laufbahn topfit. Es gibt in der Tat kaum Trainer von -Tennisprofis, die dieses Fitnesslevel aufweisen können. Engel sagt über seinen Coach: „Wenn Kohli einen guten Tag hat, dann kann er locker noch Spieler aus den Top 200, 150 schlagen.”
Zudem ist Kohlschreiber jung im Kopf, spricht die Sprache der nachrückenden Generation – und ist auch abseits des Courts für Engel ein angenehmer Zeitgenosse.
Justin Engel: Von Moldau nach Nürnberg
Gemanagt wird Engel von der Sportmarketing-Agentur Sportfive. Der ehemalige Davis Cup-Held Charly Steeb kümmert sich um ihn, organisiert Reisen, Wildcards, hat ein Auge auf mögliche Sponsorendeals. Auch Boris Becker gehört zum Sportfive-Kosmos. „Boris Becker und ich sind jetzt im gleichen Team, das freut mich sehr. Da wird es bestimmt mal einen Austausch geben”, sagt Engel. Becker liebte vor allem das Spiel auf Rasen, Engel hat noch keinen Lieblingsbelag: „Hauptsache, draußen.“
Ist Engel nicht weltweit auf Turnieren unterwegs, dann pendelt er zwischen seinem Elternhaus in Nürnberg und München, genauer – der Tennisbase Oberhaching. Dort hat er sein Zimmer und räumt ein: „Ich bin inzwischen fast lieber in der Base in München als zuhause in Nürnberg. Ich habe in München einfach alle Möglichkeiten, Freunde sind da, Mitspieler, der Kohli auch. Das ist perfekt. Ich bin da im Internat, einmal die Treppe hinunter, und ich bin direkt auf den Trainingsplätzen.”
Gestenreich: Justin Engel erklärt, warum er den Ehrgeiz und das Körperbewusstsein von Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo bewundert.Bild: Oliver Hardt
Sich zuhause fühlen, wo man sich wohlfühlt. Das hat Engel früh gelernt. Die Mutter ist eine in Sibirien geborenen Ukrainerin. Als Justin Kind war, da lebte Familie Engel in Moldau, der Heimat von Justins Großmutter. Von dort ging es dann nach Nürnberg. Engel spricht neben Deutsch und Englisch auch Rumänisch (wird viel in Moldau gesprochen) fließend. Russisch versteht er perfekt.
Justin Engel: Bis zum sechsten Lebensjahr kaum Deutsch
„Ich träume in Deutsch“, verrät Engel – dabei sprach er bis zu seinem sechsten Lebensjahr kaum Deutsch. Aber er lernte schnell. Auch in der Schule kam er gut zurecht. Den Abschluss zur Mittleren Reife hat er per Online-Unterricht geschafft: „Ich bin sehr froh, dass Schule endlich durch ist und ich mich nur auf Tennis konzentrieren kann.” Denn auf Tennis liegt nun sein kompletter Fokus.
Er will es als Profi nach oben schaffen. Und es freut ihn, dass der Deutsche Tennis Bund (DTB) auch auf ihn setzt: „Der DTB unterstützt mich wirklich sehr gut. Ich und auch Diego (Diego Dedura; Anm. d. Red.) können alle Stützpunkte nutzen, bekommen viele Wildcards. Das ist für uns eine total gute Sache und hilft uns sehr.”
Natürlich lässt er sich gerne helfen. Aber Justin Engel hilft sich auch selbst. Zum Beispiel im Bereich Ernährung: „Ich esse so wenig Brot wie möglich, möchte Weizen vermeiden. Vollkornnudeln sind mir wichtig. Und seit ich drei Jahre alt bin, esse ich jeden Tag Haferbrei, jeden Tag, einen Riesentopf, mit Hafermilch, ohne Zucker. Es schmeckt echt richtig schlecht, aber man gewöhnt sich daran. In Hotels esse ich immer Rühreier, acht, auch mal zehn. Ich esse echt extrem viel, aber ich brauche auch sehr viel Energie.”
Es ist bisher nicht überliefert, wie die Fußball-Ikone Cristiano Ronaldo zu diesen Engelschen Essens-Eigenarten steht. Aber Engel steht auf Ronaldo: „Ich mag die Arbeitseinstellung von Cristiano Ronaldo, die Art, wie er sich auf dem Platz präsentiert. Der spielt bestimmt noch drei, vier Jahre. Es ist schon extrem, wie er auf seinen Körper achtet.”
Ein Elitekämpfer als Vorbild
Aber Engel sucht sich seine Vorbilder nicht nur im Sport. Besonders beeindruckt ist er von David Goggins. Der ehemalige Elitekämpfer der Navy Seals hat mal über 4.000 Klimmzüge in 17 Stunden geschafft. Inzwischen ist er Bestseller-Autor und als Redner weltweit gefragt.
Wird Engel auch bald weltweit auf Top-Turnieren gefragt sein? Darauf arbeitet er hin, er will es genießen, aber er weiß auch um die Härten auf dem Weg: „Viele sagen, was für ein schönes Leben. Ist es ja auch, aber es ist auch stressig.”
Schlagfertig: Justin Engel ist 17 Jahre jung, wurde am 1. Oktober 2007 in Nürnberg geboren. Der Rechtshänder ist 1,85 Meter groß und wiegt 78 Kilogramm.Bild: Oliver Hardt
Im Flugzeug schläft Engel meist nach einer halben Stunde ein, er hört gerne Musik von The Weeknd und hofft, irgendwann mal Zeit für den Führerschein zu finden. Darauf muss man sich aber konzentrieren, dafür braucht man Zeit. Aber aktuell hat er nur Zeit für Tennis.
Justin Engel und seine Bestenliste
Um besser zu werden, kann natürlich auch der Blick auf andere Spieler hilfreich sein. Justin Engel hat schon in der Academy von Rafael Nadal trainiert, mit Nadal Smalltalk gehalten. Er ist sein Lieblingsspieler. Gleichwohl verrät Engel: „Im Tennis gibt es für mich nicht das eine Vorbild, ich schaue mir lieber an und ab, was Spieler jeweils besonders gut können.” Und da kommt Engel zu folgenden Bewertungen:
Beste Vorhand? „Die hat meiner Meinung nach ganz klar Jannik Sinner. Die Härte, die Haltung, die Körperstabilität, das ist herausragend.“
Beste Rückhand? „Eindeutig Novak Djokovic, er hat auch das beste taktische Spiel, da ist er ganz weit oben.”
Bester Aufschlag? „Den besten ersten Aufschlag hat im Moment Alexander Zverev. Aber von ihm werde ich mir nicht so viel abschauen. Denn er ist deutlich größer als ich, hat dadurch ein anderes Spiel.”
Schnelligkeit? „Da sind Alcaraz und Alex de Minaur an der Spitze.”
Kaum hat Engel die just benannte Auflistung erstellt, kommt sein Trainer Philipp Kohlschreiber vorbei, im Bademantel. Und Engel denkt lachend an die Disziplin Tiebreak, denn da muss er im Duell mit seinem Coach noch eine Menge lernen: „Gegen Kohli Tiebreak aus der Hand zu spielen, das ist ja der Tod!”