Richard Krajicek

Richard Krajicek über den Aufschlag: „Der Ballwurf ist das Entscheidende”

Worauf kommt es beim Aufschlag an? Am besten man fragt jemanden, der es wissen muss: Richard Krajicek, den Wimbledonsieger von 1996. Der Holländer über das Service von Freizeitspielern, wer für ihn die besten Aufschläger der Historie sind und was ein guter Ballwurf mit Curling zu tun hat.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 7/2020

Richard Krajicek gewann in seiner Karriere 17 ATP-Turniere im Einzel und drei im Doppel. Er sorgte für eine der größten Sensationen in der Geschichte von Wimbledon, als er dort 1996 als ungesetzter Spieler triumphierte. Das gelang ihm vor allem, weil das Niveau und die Effektivität seines Aufschlagspiels seiner Zeit voraus war. Der Niederländer bezwang damals im Finale MaliVai Washington (USA). Auf dem Weg ins Endspiel hatte er auch Pete Sampras (USA) ausgeschaltet. Der galt damals als bester Spieler der Welt. Aber Krajicek hat mit 6:4-Siegen dennoch eine positive Bilanz gegen Sampras. Die größte Waffe von Krajicek (beste Weltranglistenplatzierung Rang vier in 1999) war immer sein Aufschlag. 2003 beendete er seine Karriere, seit 2004 ist er Turnierdirektor des ATP-Turniers in Rotterdam. Von allen Elementen des Tennis interessiert ihn bis heute der Aufschlag am meisten.

Herr Krajicek, 1975 begannen Sie als Vierjähriger mit dem Tennisspielen, 1989 wurden Sie Profi. Wie hat sich seitdem der Aufschlag entwickelt?

Ein Top-Aufschlag war früher eine willkommene Waffe, aber er war nicht zwingend erforderlich. Zu meiner Zeit als Profi konnte man ein Spitzenspieler sein, ohne unbedingt einen guten Aufschlag zu haben. Das ist heute nicht mehr möglich. Wenn ich mir die heutige Generation von Spitzenspielern so anschaue: Vorhand gut, Rückhand gut, Aufschlag gut – ich bin sehr froh, dass ich damals gespielt habe und nun nicht mehr gegen diese Jungs ran muss.

Warum hat der Aufschlag diese herausragende Bedeutung?

Der Aufschlag ist der einzige Ball, den du selbst komplett kontrollieren kannst. Über einen guten Aufschlag kannst du dir also selbst das nötige Selbstvertrauen holen – und du kommst in den Kopf deines Gegners. Auch das ist ganz wichtig. Die Bälle und einige Beläge sind zudem langsamer geworden. Das heißt: Der schnelle Punkt durch einen starken Aufschlag ist auch wertvoll, um Kraft zu sparen und die Partien kürzer zu halten.

Was ist die Basis für einen guten Aufschlag?

Der Ballwurf. Der ist von ganz zentraler Bedeutung. Als ich mit dem Tennisspielen begann, da wurde ich angehalten, das Werfen des Balles zu üben. Teilweise sogar ohne Schläger. Es ging darum, so zu werfen, dass der Ball verlässlich auf den Schnürsenkeln meines Schuhes landete. Mehrfach hintereinander. Es ist entscheidend, den Bewegungsablauf beim Aufschlag zu automatisieren. Eines ist ganz wichtig dabei.

Was?

Werfen ist nicht Wegwerfen. Denn nur wenn ich die Flugbahn des Balles kontrolliere, kontrolliere ich den Schlag. Wichtig ist dabei auch, den Ball beim Abwurf locker zu halten, ihn nicht zu pressen. Es ist bestenfalls ein wenig wie beim Curling. Man führt mit der Bewegung nach, nachdem das Objekt die Hand verlassen hat. 

Und wenn das alles klappt, ist man automatisch ein guter Aufschläger?

Nein. Aber dieser kontrollierte Ballwurf ist die elementare Voraussetzung dafür, überhaupt ein guter Aufschläger zu werden. Wenn der Ball wild durch die Gegend geworfen wird, dann kann ich nicht an meinem Aufschlag arbeiten. Ist der Ballwurf verlässlich gut, aber der Aufschlag noch nicht, dann hat man die Basis, von der man die anderen Fehler – wie zum Beispiel Schlägerhaltung und Schlägergriff – angehen kann. Ein großer Unterschied zwischen Profis und Freizeitspielern ist: Bei Profis ist der Aufschlag als Waffe, als Gewinnerschlag vorgesehen – bei vielen Hobbyspielern ist er ein Unsicherheitsfaktor. 

Sind die Aufschläge der Profis heute auch dominanter und besser, weil die Spieler oft größer sind als früher und somit andere Winkel- und Hebelmöglichkeiten haben?

Ja, auch. Generell hat man mir schon in der Jugend gesagt: Dein Aufschlagspiel ist nur so gut wie dein zweiter Aufschlag. Das habe ich immer beherzigt. Ich habe so gespielt, dass der Aufschlag schnell zum Punkt führt, auch der zweite Aufschlag. Da war es mir auch egal, wenn ich manchmal einen Doppelfehler riskiert habe.

Richard Krajicek

TOP-AUFSCHLÄGER: Richard Krajicek, 1,96 Meter groß, servierte in seiner aktiven Zeit 7.648 Asse in 630 Matches.

Sie sind 1,96 Meter groß. Diese Größe war damals die Ausnahme und mithin ein Trumpf. Sascha Zverev ist sogar 1,98 Meter groß. Wir bewerten Sie seinen Aufschlag?

Sein erster Aufschlag ist okay, sein zweiter ist nicht so gut. Ich würde an seiner Stelle einen Trainingsschwerpunkt auf die Verbesserung des zweiten Aufschlages setzen. Das wird er vermutlich auch machen. Denn wenn der auch zum Gewinnerschlag wird, dann ist das auch enorm wichtig zur Steigerung seines Selbstvertrauens. Bei den Gegnern hat das Wissen um einen zweiten starken Aufschlag des Widersachers erhebliche Wirkung. Der Aufschlag ist viel stärker als früher der Schlüssel im Spiel. Für den Aufschläger und den Returnierer. Über den Aufschlag definiert sich heute fast alles im Tennis. Nie in der Geschichte des Tennis hatte das Aufschlagspiel eine größere Bedeutung als heute.

Wer sind für Sie die besten Aufschläger, bekommen Sie eine Top 5 zusammen?

Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich  lieber sechs Spieler nennen.

Gerne.

Milos Raonic serviert beeindruckend. Ivo Karlovic hat ebenfalls unglaubliche Aufschläge. John Isner, und früher natürlich Goran Ivanisevic. Der arbeitet nun als Trainer mit Novak Djokovic zusammen, davon profitiert Novak sichtbar. Sein zweiter Aufschlag ist im Schnitt um 10 km/h schneller geworden. Das macht sehr viel aus. Davon hat er zum Beispiel bei seinem Triumph bei den Australian Open sichtbar profitiert. Speziell verhält es sich mit Roger Federer.

Warum?

Ich habe früher noch selbst gegen ihn zweimal gespielt. Da war er noch nicht so gut, hat aber trotzdem beide Male gewonnen! Roger hat nicht den härtesten Aufschlag. Aber seine Präzision macht seine Aufschläge zu den besten der Welt. Er schlägt viele Asse. Ganz besonders bei ihm ist auch, dass sein Aufschlag fast nicht zu lesen ist. Diese ‘Tarnung’ durch seine Bewegung ist unglaublich. Seine gesamte Bewegung und sein Ballwurf geben keinen Aufschluss darüber, wie er den Ball trifft und wo er landet. Er hat dabei seinen Aufschlag auch weiterentwickelt. Wenn er vor zwei, drei Jahren einen Breakball gegen sich hatte oder es stand 15:30, dann kam sein Aufschlag fast immer zentral. Darauf kann man sich nun nicht mehr verlassen. Inzwischen spielt er auch dann risikobereiter, mischt die Varianten mehr durch.

Das waren fünf Spieler, Sie wollten sechs nennen.

Genau, ich finde auch den Aufschlag von Nick Kyrgios sehr gut. Er platziert die Bälle überragend. Achten Sie einmal darauf, wie nah er  ans T serviert.

Bei wem sehen Sie als Aufschläger noch viel nicht genutztes Potenzial?

Richtig gut finde ich Dominic Thiem. Sein Kick-Aufschlag ist besonders stark. Von den nicht ganz so groß gewachsenen Spielern hat er meiner Meinung nach den besten Aufschlag. Mehr aus seinen Möglichkeiten – aus seiner Größe – müsste Kevin Anderson machen. Sein Aufschlag ist okay. Aber da fehlt das Spezielle.

Das Interview führte Dietmar Gessner. 

Vita Richard Krajicek
Der Holländer (Jahrgang 1971) begann seine Karriere 1989. 2003 spielte er in ’s-Hertogenbosch sein letztes Match. Krajicek war die Nummer vier der Welt. Sein Meisterstück lieferte er 1996 ab, als er in Wimbledon siegte und auf dem Weg ins Finale die favorisierten Michael Stich und Pete Sampras bezwang. Rund zehn Millionen Dollar kassierte er an Preisgeld. Als Turnierdirektor gelang es ihm, das ATP-Event in Rotterdam zu einer Topadresse im Turnierkalender zu machen.