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Alexander Zverev folgt der eigenen Wahrheit

Viel mehr Mühe als es im lieb war, hatte Alexander Zverev bei seinem 4:08 Stunden-Erstrundensieg am Dienstag gegen John Millman. Weitaus mehr Kontrolle strahlte der 22-Jährige anschließend im Frage-Antwort-Spiel aus.

Rafael Nadal baut seine Spielzüge auf Sand in der Regel kaltblütig und rational auf, bevor er seine Emotionen nach einem unnachahmlichen Vorhandschwinger entlädt. Novak Djokovic hat seine Rückhand und seinen Return über die Jahre peu à peu verfeinert. An den meisten Tagen erinnern diese Schläge von der Präzision an ein Schweizer Uhrwerk. Noch eleganter als Roger Federers Technik ist derweil nur seine Haarpracht, wenn sie nach einem dynamischen Schlag mitwippt- und schwingt.

Die drei langjährigen Topstars bringen jede Menge Verlässlichkeiten auf die Courts dieser Welt – vor allem zu den großen Turnieren. Bis auf wenige Ausnahmen wissen die Zuschauer, was sie erwartet: kontrollierte Siege, die aufgrund der eigenen Stärke zu erwarten waren und oft in eine Machtdemonstration mündeten.

Alexander Zverev geht diese Dominanz, die ihn über weite Teile 2018 gegen Gegner außerhalb der Top 20 ausgezeichnet hat, in diesem Jahr etwas ab. Denkt man zumindest rasch, wenn man über das bisherige Jahr von Alexander Zverev schreibt. Die nackten Zahlen entlasten die deutsche Nummer eins.

2018 hatte Zverev bis zum Start des Grand Slams in Paris 27 von 31 Matches gegen Gegner außerhalb der Top 20 der Weltrangliste siegreich gestaltet. 2019 ist das Verhältnis im gleichen Zeitraum: 17 von 21 Matches.

Zverev verteidigt sich selbst

Der elfmalige Turniersieger hat also nicht mehr Pleiten gegen Spieler außerhalb der absoluten Weltklasse hinnehmen müssen, sehr wohl aber hatte er weniger Möglichkeiten auf Siege, da er das ein ums andere Mal früh scheiterte. Und die Bilanz ist geschönt durch den Turniersieg in Genf vergangene Woche. Das weiß Zverev selbst, wenngleich er sich gegenüber den Medien als leidenschaftlicher Verteidiger seiner selbst präsentiert und den Schweizer Rückenwind gerne ausnutzt.

Nach seinem Fünfsatzsieg gegen John Millman sagte Zverev: „Eigentlich behaupten alle, dass ich eine schwierige, durchwachsene Saison habe. Weiß irgendjemand von Euch, welche Position ich zurzeit im „Race to London“ einnehme?“ Die Antwort gab er sich prompt selbst: „Richtig, zehn. Ziemlich gut für einen Spieler, der eine schwierige Saison hat, oder?“ Anschließend grinste er süffisant.

Auch diese Position hat er natürlich erst seit Genf inne. Aber irgendwie gehört es auch zur Herangehensweise von Profisportlern, sich in gewissen, holprigen Phasen eine eigene Wahrheit zu kreieren. Und in den meisten Fällen hilft die, zur alten oder gar neuen Stärke zurückzufinden.

Zverev: „Weiter einer der besten Spieler“

Nach den vier Stunden und acht Minuten und nachdem er den Kämpfer Millman fair verabschiedet hatte, sank Zverev zu Boden, mitten im T-Feld und hielt einen Moment inne. Was er während des Kniefalls gedacht habe? „Die vergangenen Monate waren nicht einfach für mich – nicht nur spielerisch auch privat. Ich wollte mir in diesem Moment noch mal selbst vor Augen führen, dass ich weiter einer der besten Spieler der Welt bin und, dass ich dieses Match überstanden habe.“

Zverev war verletzt und krank, er befindet sich noch immer im Rechtsstreit mit seinem nun alten Manager Patricio Apey, die Beziehung zu Freundin Olga Sharypova fand ein jähes, wohl auch nicht gänzlich freiwilliges Ende. Und auch teamintern gab es den ein oder anderen Zoff, der nun aber ausgeräumt ist.

Und auch mit Ivan Lendl, so bekannte Zverev am Dienstag, verlaufe alles harmonisch (HIER lesen Sie die News): „Wir arbeiten weiter zusammen. Wir hatten geplant, vor den French Open gemeinsame Trainingstage einzulegen. Dann habe ich spontan entschieden, in Genf zu spielen. Wir haben entschieden, dass es nichts bringt, ohne gemeinsame Vorbereitung hierher zu reisen.“

Zverev: Würde Lendls Präsenz helfen?

Dennoch fragten sich nicht wenige, ob die Präsenz Lendls in Paris in der Box nicht trotzdem hilfreich gewesen wäre. Auf tennis MAGAZIN-Anfrage äußerte sich der achtmalige Grand Slam-Sieger lediglich mit dem Hinweis, sein Schützling habe die korrekte Antwort in der Pressekonferenz gegeben. Offiziell leidet Lendl an einer starken Pollenallergie und meidet daher Europa.

Zverev, im Hier und Jetzt, führte später aus, sei sich bewusst, dass die meisten jetzt denken würden. „Warum braucht der jetzt fünf Sätze gegen Millman? Aber er hat vergangenes Jahr Roger Federer bei den US Open besiegt, hat irgendwann kaum mehr Fehler gemacht. Es war taff, aber ich bin froh, dass ich es überstanden habe.“

2018 bei den French Open drehte Zverev von Runde zwei bis zum Achtelfinale gleich dreimal einen 1:2-Satzrückstand. Nachdem er verletzt und entkräftet im Viertelfinale chancenlos gegen Dominic Thiem blieb, wurde Zverev kritisiert. Dafür, dass er zu viel Kraft vergeudet habe. Die Kampagne 2019 geht ähnlich los. Aber die Ausgangssituation war nach der vor Genf schwachen Sandplatzsaison eine andere. Zverev muss bei der fehlenden Kontanz, die er noch immer auf dem Platz zeigt, froh sein, Matches zu gewinnen.

Am Dienstag standen 17 Assen 14 Doppelfehler gegenüber. Diese hohe Anzahl an Aufschlagfehlern begleitet ihn das gesamte Jahr. Die Risikoeinschätzung gelang ihm vergangenes Jahr besser. Auch deswegen musste er gegen Millman siebenmal das eigene Service abgeben. Zverev unterliefen 73 unerzwungene Fehler. 57 Winner beschönigen da nur bedingt, wenn man Zverev als absoluten Weltklassespieler sieht (Millman 46 und 25).  Und diesen Ruf verbucht er ja für sich selbst.

Steigerungsbedarf ist also definitiv vorhanden. Gegen den ein Jahr jüngeren Schweden Mikael Ymer, der  den Sprung aus der Qualifikation in die zweite Runde geschafft hat, sollte eine Verbesserung zu sehen sein. Noch so ein langes Match und die Diskussionen gehen wieder von vorne los. In der Folge könnte erst Dusan Lajovic, Fabio Fognini und Novak Djokovic warten.

Zverev unterstützt Bruder Mischa

Abseits vom Sportlichen äußerte sich Zverev auch noch zu den Aussagen seines Bruders Mischa. Der hatte tags zuvor öffentlich gemacht, unter körperlichen, aber vor allem mentalen Problemen zu leiden. Mischa Zverev sprach von Burn-out.

Darauf von tennis MAGAZIN angesprochen, erklärte Alexander Zverev: „Ich weiß Bescheid. Wir reden natürlich viel, auch über seine Situation. In Genf hatten wir eine lange Diskussion darüber, dass ich seine Schläge momentan gut finde, er aber mental im Kopf gerade ziemlich „down“ ist. Er setzt sich auch selbst ein bisschen unter Druck, weil er nicht viel gewonnen hat und jetzt eine Familie hat. Ich denke aber, dass sich das bald wieder zum Positiven ändern wird.“

Schöne Worte des Bruders, denen man sich nur anschließen kann. Spielerisch und von der Konstanz her fehlt Alexander Zverev zurzeit noch einiges zu den Nadals, Djokovics und Federers dieser Welt. Das Spiel mit der Kommunikation beherrscht er derweil auf Augenhöhe mit den Großen.