Andy Murray QUEENS

Andy Murray: Wimbledon ist nicht mehr alles

Andy Murray ist bei seinem Comeback im Londoner Queens-Club rührend empfangen worden. Der Charakter-Kopf fehlte der Herren-Tour. Doch nach seiner Niederlage gegen Nick Kyrgios bleiben viele Fragen offen – vor allem: Spielt er jetzt auch in Wimbledon?

Er zeigte keine Reaktion. Ob er nicht wollte oder nicht konnte, blieb sein Geheimnis. Aber alle um ihn herum jubelten, als hätte Andy Murray gerade zum dritten Mal Wimbledon gewonnen.

Es war ein Vintage-Murray-Moment beim Spielstand von 6:2 und 3:4 in der ersten Runde von Queens gegen den später knapp in drei Sätzen siegreichen Nick Kyrgios. Sir Andy wurde vom oft unbeständig auftretenden Australier im ersten Ballwechsel des achten Spiels auf dem Grün von links nach rechts gejagt. Doch der 31-Jährige bewegte sich so geschmeidig, als hätte er die Hüfte eines 20-Jährigen. Nur um dann in vollster Bedrängnis zu einem Passierball mit der Rückhand anzusetzen, zu dem sonst vielleicht nur Rafael Nadal im Stande ist.

Der altehrwürdige Centre Court des Londoner Queens Clubs stand Kopf.

Kyrgios schaute dem Ball fragend hinterher, es folgte Extase im Publikum. Die ebbte nur unwesentlich ab, als ihr Volksheld erst den zweiten Satz und dann das ganze Match verlor (HIER geht es zum Spielbericht). Das Ergebnis war für viele unwichtig. Es war für Beteiligte beinahe unwirklich, dass der dreifache Grand Slam-Champion wieder Wettkampf-Tennis bestreitet.

343 Tage: Die Odysee von Andy Murray

Wichtig schien einzig und allein, wie Murray reagiert. Wie sein Körper reagiert. Wie seine malade Hüfte reagiert. Und was dies alles für das – nicht nur aus britischer Sicht – wichtigste Turnier des Jahres in Wimbledon bedeutet. Schließlich hatte der zweifache Wimbledon-Champion vor nunmehr 343 Tagen dort auf dem Centre Court im Viertelfinale gegen Sam Querrey unter starken Hüftschmerzen sein bis dato letztes Profimatch bestritten. Es folgte eine Odysee.

Nach einer zunächst konservativen Behandlung der langwierigen Hüftverletzung und der Trennung von Ivan Lendl, bei der das Thema „Operation – Ja oder Nein“ eine große Rolle gespielt haben soll, missglückten erste Comebackversuche bei den US Open und später vor dem Start der diesjährigen Australian Open – bei Exhibitions in Abu Dhabi. Zwischenzeitlich wurde gar über ein Karriereende spekuliert. Murray betonte, einfach wieder schmerzfrei Tennis sspielen zu wollen und unterzog sich schließlich einer Operation.

Murrays Geduldsspiel: Djokovic als mahnendes Beispiel

Direkt nach der Operation am 8. Januar hatte Murray in einer Telefonkonferenz angekündigt, Ende Februar zurück auf dem Platz stehen zu wollen, zeitgleich aber betont, sich nicht all zu sehr unter Druck setzen zu wollen. Den Fehler habe er 2017 begangen. Ähnliche Vorgänge konnte die ehemalige Nummer eins bei Kollegen wie Novak Djokovic oder Milos Raonic beobachten.

Andy Murray streckte sich nach jedem Ball beim Comeback in Queens

Was viele bereits verdrängt hatten: Bei seinem letzten Profieinsatz war Murray die amtierende Nummer eins und dominierte damals das zweite Halbjahr 2016 auf der Herren-Tour fast nach Belieben.

Murray und Co: einstige Top 5 verschwindet aus Top 20

Doch in den vergangenen 343 Tagen hat sich die Tenniswelt gedreht. Murray und Co. mussten erkennen, dass die Belastungssteuerung unbedingt anzupassen ist. Ein Hauptgrund: Die Leistungen und Belastungen, die viele Weltklassespieler im vergangenem Jahrzehnt geleistet hatten. Beispiel? Die Top Five der Setzliste von den Australian Open 2017 – Murray, Novak Djokovic, Milos Raonic, Stan Wawrinka und Kei Nishikori – sind allesamt aus den Top 20 der Weltrangliste verschwunden.

„Ich hoffe, dass sich mein Körper wieder daran erinnert, wie er mit diesen Belastungen umzugehen hat“, sagte Murray  am Dienstag nach dem Match und präsentierte sich vorsichtig optimistisch.

Er gab zu, vor dem Match sehr nervös gewesen zu sein. „Ich wusste nach all der Zeit wirklich nicht, wie ich mich schlagen würde. Ich glaube, es war ganz ansehnlich“, resümmierte der Schotte, ohne die endgültige Sicherheit zu haben. Was an Gegner Kyrgios lag.

Murray: Ist das Kyrgios-Match wertlos?

Der wie so oft zwischen Exhibition-Modus, zweiten Aufschlägen mit mehr als 200 Stundenkilometern und Weltklasse-Passagen „gradwanderte“.  Nicht der willkommenste Spieler zum Auftakt, um das eigene Leistungsvermögen vernünftig einschätzen können.  Murrays ungewisser Gesundheitszustand schien Kyrgios zwischenzeitlich mehr zu verunsichern als den Briten selbst. Zwischenzeitlich wankte das Match zwischen unsicheren, langsamen Ballwechseln und höherklassigen Momenten.

„Es war komisch. Wenn ich Big Points gewonnen habe, habe ich mich fast schlecht gefühlt, wenn ich Emotionen zeigen wollte“, ließ Kyrgios wissen, ergänzte aber. „Mir sind viele Gedanken durch den Kopf gegangen, aber ich wusste: Wenn ich nach dem ersten Satz so weiterspiele, wirft das beim Comeback von Andy kein gutes Licht auf mich und wird seiner Rückkehr nicht gerecht.“

Kyrgios: „Hätte kein gutes Licht auf mich und Murray geworfen“

Spannende Worte vom so unbeständigen Australier, der in der Vergangenheit große Unterstützung von Murray erfahren hatte. Beide sind befreundet, die ersten vier Duelle hatte der Jüngere verloren. „Klar, dass er heute nervöser gewesen ist. Er hätte früher niemals einen Doppelfehler bei Matchball gegen sich serviert“, sagte Kyrgios, bevor Murray die Presserunde betrat. Tatsächlich hatte Murray das Match nach Abwehr mehrere Matchbälle mit jenem Doppelfehler beendet.

Volles Haus für Andy Murray beim Comeback in Queens

Auch der gefragteste Mann des Tages tat sich mit einer endgültigen Einordnung schwer. „Die Schlagauswahl von Nick ist immer ein bisschen unbeständig, da verliert man schnell den Rhythmus“, erklärte der fünffache Queens-Champion. Für Aufschlag und Rückschlag habe er bereits eine gute Rückmeldung erhalten. Weitere Aspekte müsse er sich eben anders holen.

Murrays Turnierplanung: Wimbledon steht auf der Kippe

Was die Frage unweigerlich zur näheren Zukunft lenkte. Er gab an, dass sehr viel von den kommenden Tagen abhängt: Wie sein Körper, speziell die Hüfte, auf die Belastung reagiere. Davon hänge auch die Turnierplanung ab. Eine Teilnahme in Wimbledon sei keineswegs sicher, erklärte Murray, der das in Ruhe mit seinem Team besprechen will.

Ein möglicher Weg, wäre die Teilnahme am Turnier in Eastbourne und darauffolgend eine Entscheidung bezüglich Wimbledon. Dass er eine Wild Card erhalten würde, ist selbstredend. Murray war sich am Dienstag aber nicht zu schade, auch einen Verzicht in Erwägung zu ziehen hinsichtlich der Best-of-five-Belastung. Die käme eventuell noch zu früh.

Murrays Suche nach dem Timing

Sein Körper sei eine intensive Belastung beim Tennis gewöhnt. „Das habe ich ihm beigebracht, als ich klein war. Ich hoffe, er wird sich daran schnell erinnern.“ Die Aussagen lassen durchblicken, dass der einstige Weltklasseakteur durchaus hin und hergerissen ist. Es erinnert an das Frühjahr von Novak Djokovic und seine ständige Suche nach dem richtigen Timing.

Klar ist, dass vieles einfacher wäre, wenn Wimbledon nicht nahen würde. Und, dass der Charakter-Kopf Murray, der am Dienstag schon wieder so herrlich fluchte, dem dritten Grand Slam des Jahres mehr als gut zu Gesicht stehen würde.

Es ist Andy Murray das beste aller möglichen Händchen zu wünschen. Nicht nur, um kurzfristig zu solchen Passierschlägen anzusetzen, wie eben am Dienstag gegen Kyrgios. Sondern um langfristig ein wieder wichtiges Fundament der Tour zu werden. Was gäbe es schöneres, als ein harter Kampf zwischen den Arrivierten Murray, Djokovic und Co, die mit den Next Gen-Spielern um die Positionierung hinter Federer und Nadal kämpfen.

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