Roger Federer

Die Körpersprache der Tennisprofis: Der Körper lügt nicht

Ob eine stolz geschwellte Brust, hängende Schultern oder ein gesenkter Blick: Der Körper sendet jederzeit unbewusste Signale, die Einfluss auf die Leistung haben. Experte Stefan Verra über die Körpersprache der Stars.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 6/2020

Zwei Schläger wie Wurfgeschosse, Mann gegen Mann. Tennis hat, wie viele Sportarten, seinen Ursprung im Kampf Mensch gegen Mensch oder Mensch gegen Tier. Und dabei spielt die Körpersprache eine enorm große Rolle. Wer sie gewinnbringend einsetzt, hat klare Vorteile – seit jeher in der Evolution. Dabei sollte man die NN-Regel beherrschen: Nase und Nabel sind auf einer Linie und auf das Gegenüber ausgerichtet.

Auf den ersten Blick war immer derjenige Sieger, der im Kampf die bessere Technik besitzt. Dabei ist das zu kurz gedacht. Denn wer vor dem Kampf den anderen in seine Schranken weist, hat deutlich bessere Siegchancen. In der Tierwelt versucht jeder Kontrahent, vor und während des Kampfes Eindruck zu schinden. Sie plustern sich auf, stellen sich auf die Hinterbeine, bieten die Stirn. Alles um den Gegner noch vor dem ersten Kampfkontakt einzuschüchtern. Wir Menschen agieren seit Urzeiten gleich. Wir machen uns größer, richten uns auf, spannen die Muskeln an, neigen den Kopf aggressiv nach vorn, halten die Ellbogen ab vom Rumpf und stellen uns breitbeinig hin. Das lässt uns größer und kräftiger wirken. Jede einzelne dieser Bewegungen kostet aber enorm viel Energie. Schließlich verbrennt alles, was aus der Falllinie gehalten wird und jede unnötige Muskelspannung, Kalorien, die wiederum im Kampf fehlen. Wenn das also keinen Vorteil gebracht hätte, wäre die „Kampftechnik“ des Eindruckschindens im Laufe der Evolution verschwunden. 

Das Buhlen um Aufmerksamkeit

Aber das Gegenteil ist der Fall, die Körpersprache lieferte seit jeher oft die entscheidenden Punkte im Kampf in der Tierwelt und zwischen Menschen. Das gilt auch heute noch. Besonders im Sportwettkampf. Sowohl auf dem Dorftennisplatz als auch auf dem Centre Court.

Wenn Tennisspieler A irgendwo auftritt, dann sind alle anderen erst mal zu Straßenbahnschaffnern degradiert. Mit 1,90 Metern Körperlänge ist seine Körpersprache irgendwo zwischen Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic angesiedelt. Er präsentiert sich mit enorm breiter Brust, seine Ellbogen hält er ein wenig ab vom Rumpf, was ihn gleich noch mal größer erscheinen lässt. Tritt er irgendwo auf, können die Anwesenden nicht anders, als ihm die Aufmerksamkeit zu schenken. Spieler A genießt das. Sein Lächeln ist sympathisch, aber wandelt hart an der Überheblichkeit. Den Kopf hält er hoch, ein wenig über alle anderen. Und wenn er den Platz betritt, gehört ihm die Arena. Er blickt Schiedsrichter, Balljungen und Publikum mit dermaßen offenem, interessiertem Blick an, dass die gar nicht anders können, als ihn zu fokussieren. Nicht jedem ist Tennisspieler A sympathisch, aber beeindruckend finden ihn alle. Das prägt seine Erwartungshaltung. Er hat gelernt, dass er im Fokus steht und daraus zieht er Kraft. 

Die Unterschiede zwischen aktiver und passiver Körpersprache

Beim ersten Aufeinandertreffen im Kabinentrakt kommt sein Gegner, Tennisspieler B, auf ihn zu. Er will A grüßen. Der aber steht mitten in einer Traube von Menschen, voll im Zentrum. Er unterhält sie prächtig mit seinem lauten Lachen. Spieler B gesellt sich dazu, ein klein wenig im Hintergrund. Alle begrüßen den neu hinzugekommenen, um sich recht schnell wieder A zuzuwenden. B schaut bewundernd und ein wenig neidisch auf das Geschehen. Er kann das alles nicht so gut. Seine Stärke liegt woanders. Sein sauberes, variantenreiches Spiel hat ihn bis auf den Centre Court gebracht. Davon soll ihn nichts ablenken. Deswegen hält er seinen Blick Richtung Boden, so kann er jeder Interviewfrage ausweichen, Selfiewünsche von Fans abblocken und kein Balljunge würde so mit ihm reden wollen. Dem Schiedsrichter schüttelt er nur kurz die Hand, um dann den Blick gleich wieder zu seinem Stuhl zu richten. 

Und so sitzen die zwei dann nebeneinander. Der eine mit breiter Brust, zurückgelehnt, lächelt dem Publikum zu. Er nimmt entspannt einen Schläger in die Hand, wirft ihn lässig in die Luft und wirkt, als würde er gerade seinen doppelten Jahresurlaub antreten. B hingegen hat seine Ellbogen auf den Knien abgestützt. Der Blick geht nach unten, sein Blick fokussiert die Bespannung ganz aus der Nähe. In dieser Kauerstellung, mit dem Blick direkt vor die Füße, hat er gelernt sich zu konzentrieren. Spätestens da weiß das Unterbewusstsein von Spieler B: Das ist nicht mein Territorium. Ich bin hier der Außen­seiter. 

Körpersprache: Das Zauberwort heißt Vielfalt

Spieler A hat seit seiner Jugend diesen körpersprachlichen Auftritt gepflegt. Er ist es seither gewohnt, schnell im Mittelpunkt zu stehen. Für B gilt das auch. Er hat seine Art auch nicht erst gestern gelernt. Damit setzt sich in beiden Gehirnen auch eine Kampfstrategie fest. Wer es gewohnt ist, die Meute hinter sich zu wissen, gewinnt eher. Umgekehrt gewinnt der David schon mal gegen den Goliath. Aber das passiert so selten, dass sogar das Alte Testament dem ein Kapitel gewidmet hat. Ich höre Sie, lieber Leser, fragen: „Ja, aber was soll man machen, wenn das Temperament eben ein anderes ist?“ Sie haben Recht, niemand darf etwas tun, was in einem nicht angelegt ist. Das wäre immer unglaubwürdig und entwickelt auch keine Kraft. Das Zauberwort in der Körpersprache heißt Vielfalt.

Spieler B müsste gar nicht viel ändern, um A aus der Ruhe zu bringen. Wenn er die Welt nicht nur von der Seite, sondern frontal anschauen würde, hätte er schon enorm gewonnen. Die Regel hierzu heißt: NN. Wer seinem Gegenüber und der Welt nicht nur von der Seite und gebeugt begegnet, zeigt gleich viel mehr Selbstbewusstsein. Hat ein Mensch wenig Interesse am anderen, blickt er sein Gegenüber nur aus dem Augenwinkeln an. Besteht mehr Interesse, wendet er das erste N zu, die Nase. Ist wirklich Selbstbewusstsein und Interesse am anderen vorhanden, wendet er ihm auch das zweite N, den Nabel, zu.

Wer nämlich mit einer leicht abgewandten Körpersprache Gegner, Publikum und Mitstreiter nur von der Seite ansieht, zeigt an: Eigentlich will ich da nur schnell wieder raus. Wer aber seinen Körper direkt und ohne Zögern mit Hilfe der NN-Regel ausrichtet, zeigt Kraft, Selbstbewusstsein und Dominanz. Das alleine hätte B schon enorm viel geholfen. Und das ohne, dass er dafür seine Persönlichkeit in der Umkleidekabine hätte abgeben müssen.

Jeder kann Körpersprache

Sie sagen sich jetzt: „Das ist Körpersprache, das kann ich“! Recht haben Sie! Das können Sie! Schließlich ist es die älteste Kommunikationsform. Aber wir sprechen hier nicht über dieses Kopfhoch-Brustraus-Ding, das Sie in der Schule vom Lehrer gelernt haben, der seine Körpersprachebildung aus den Boulevardmedien hatte. Die Wissenschaft ist da schon ein wenig weiter. Kenngrößen wie Bewegungsfrequenz und Amplitude der Gesten, Blickrichtung und Handhaltungen sind da schon weit entscheidender. Die entscheidenden Kenngrößen der Körpersprache sind Frequenz und Amplitude. Das Tempo und der Umfang der Bewegungen (ROM, range of motion) ist entscheidender als die Bewegung an sich.  

Übrigens, wer weiß, wie er umzugehen hat mit seiner Mimik, Gestik und Haltung, dessen Kasse klingelt lauter. Denn auch die Wirtschaft hält nach denen Ausschau, die auf die Kunden gut wirken. Und diese Kombination aus Körpersprache der Sieger und Körpersprache der Sympathie können nur ganz wenige. Der Grund? Die wenigsten haben sich damit beschäftigt. Sie vergessen, dass die Augen alleine mehr Daten ans Gehirn schicken, als alle anderen Sinnesorgane zusammen.

Die Körpersprache einiger Tennisspieler in der Analyse

Novak Djokovic 

Novak Djokovic

Das Shirt zerreißen und es dann vom Leib reißen. Das ist ein sehr archaisches Signal. Es scheint, als würde er über sich selbst hinauswachsen. Immer wieder sieht man dieses Signal bei (männlichen) Sportlern. Ob Ringer, Fußballer (Ronaldo), Leichtathleten (Robert Harting) oder hier eben bei Djokovic. Das Präsentieren der Muskeln ist ein deutliches Signal, seine Dominanz zu beanspruchen. Im übrigen unterscheidet sich dieser Anblick nicht von unseren Primatenkollegen. Auch sie präsentieren sich mit extrem breiter Brust und weit aufgerissenem Maul. Das lässt Gegner gleich mal kleiner erscheinen – ob im Urwald oder auf dem Tennisplatz.

Novak Djokovic

Sehr aufrechte Haltung. Sein Körper ist beim Gehen fast zurückgeneigt. Sein Blick geht oft nach oben. Damit wirkt er sehr selbstbewusst und generiert Weitblick.

Rafael Nadal

Rafael Nadal

Seine Siegergesten zeigen Kraft. Er macht eine enorm breite Brust. Er signalisiert mit dem Vor- und Zurückreißen der Fäuste, wie er mit seinem Gegner umgehen würde. Sein Stirnband und die früher ärmellosen Shirts unterstreichen seine Bewegungen, die auf Kraftwirkung zielen.

Rafael Nadal

Nadal hat viele kleine Bewegungsroutinen. Immer der gleiche Weg zum Sitzplatz, keine Linien betreten, die Handhabung seiner Trinkflaschen. Die körpersprachlichen Routinen geben ihm Stabilität. In einem Leben, wo jeder Tag anders abläuft und jede Nacht in einem anderen Hotel verbracht wird, fehlt das, was wir alle suchen: Wiederholung. Er schafft sie sich mit solchen kleinen Ritualen.

Roger Federer

Roger Federer

Er ist mehr in sich gekehrt als Nadal. Seine Bewegungen gehen oft nach unten, so als würde er sie nur für sich machen. Das macht ihn zugänglich für viele Fans, denn seine Körpersprache zielt nicht auf Übertrumpfen des Gegners. Federer ist körpersprachlich sehr zurückhaltend.

Roger Federer

Federers Blick geht fast schüchtern nach unten. Wenn er dann noch ein wenig von der Seite in die Menge schaut und dabei lächelt, fällt es einem leicht, ihn sympathisch zu finden. Es ist wenig Aggression und wenig Dominanz zu sehen. Jeder Theoretiker würde sagen: Erfolgsmenschen müssen nach oben schauen. Das zeigt wiederum, dass Körpersprache nicht so simpel einordbar ist.

Alexander Zverev

Alexander Zverev

Wenn er beim Jubel die Faust macht und dabei brüllt, erinnert er an Rafael Nadal. Aber eben nur fast. Nadal macht diesen starken Ausdruck konsequenter. Zverev bleibt irgendwo zwischen dem starken Ausdruck von Nadal und der Zurückhaltung von Federer hängen. Das gleiche ist, wenn er auf „Rampensau“ macht. Wenn er das Publikum auffordert, ihm zuzujubeln, macht er das mit erhobenen Armen und Blick in das Publikum. Dabei hält er die Hände an die Ohren, so als wolle er sagen: „Ich will euch hören.“ Aber er macht alles zu niederfrequent, das heißt zu langsam. Diese Signale funktionieren besser, wenn sie beinahe explosionsartig gemacht werden. Cristiano Ronaldo lässt grüßen.

Dominic Thiem 

Dominic Thiem

Thiem wird wohl kein John McEnroe werden, der den Schiedsrichter anbrüllt und Schläger über den Platz schleudert. Er ist ein Profi, der auch abseits des Platzes eine gute Figur abgibt. Wenn auch ein wenig brav.

Nick Kyrgios

Nick Kyrgios

Seine nach vorne gebeugte Haltung zeigt Kraft. Wenn die Brustmuskeln gut trainiert sind, werden die Schultern nach vorne gezogen. Allerdings fehlt dieser Haltung die Leichtigkeit.

Serena Williams

Serena Williams

Sehr unbeteiligte Körpersprache. Sie blickt nicht ins Publikum, reagiert nicht auf die Menschen, die rund um sie sind. Lächeln ist bei ihr auch eher die Ausnahme. Damit erzeugt sie wenig Bindung. Allerdings ist es ein enorm starkes Alphasignal. Denn Alphatiere bemühen sich nicht um andere. Alphatiere lassen andere um ihre Gunst buhlen.

Angelique Kerber

Angelique Kerber

Sie zeigt viele Gesichtsausdrücke, dazu lächelt sie beständig leicht. Das wirkt souverän, denn es sind Signale der Lockerheit. Interessant ist ihre Faust. Selbst bei voller Anspannung hat sie ihr Handgelenk ein klein wenig nach außen geklappt. Das sieht man eher bei Frauen als Männern.

Julia Görges

Julia Görges

Sie zeigt zwischen den Ballwechseln viele kleine schwingende Bewegungen. Das setzt Lockerheit voraus. Sie setzt das bewusst ein, zum Beispiel vor dem Aufschlag. Diese Routine gibt ihr Stabilität und vermittelt der Gegnerin Souveränität. Denn nur der Überlegene bleibt locker. Der Unterlegene verkrampft.

Körpersprache-Experte Stefan Verra im Interview: „Enormen Einfluss auf das Spiel”

Stefan Verra

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Er ist Gastdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache-Analysen auf stefanverra.com. Sein aktuelles Buch: „Leithammel sind auch nur Menschen – Die Körpersprache der Mächtigen“.

Herr, Verra, welchen Einfluss hat die Körpersprache auf Sieg oder Niederlage im Tennis? 

Mehr als man meint. Eine Goliath-Körpersprache bietet deutlich höhere Gewinnchancen. Das belegen Untersuchungen.

Kann man Sieger und Verlierer, ohne
das Ergebnis zu kennen, anhand der Körpersprache auf den ersten Blick erkennen? 

Eine Studie der Universität Köln belegt, dass Menschen ziemlich genau erkennen, welcher Sportler in Führung ist. Feine Details an der Körperhaltung geben darüber Aufschluss. Interessant ist, dass die Körperhaltung entscheidender ist als die Mimik. 

Was sind Zeichen einer negativen Körpersprache?

Da ist vor allem die Frequenz zu nennen. Wer niedergeschlagen ist, verliert minimal an Bewegungstempo. Man sagt oft: Dem Spieler fehlt die „Spritzigkeit“. Nicht zu verwechseln mit Hektik. Die entsteht oft aus zu hoher Muskelspannung-Verkrampfung. 

Was sind Zeichen einer positiven Körpersprache? 

Wenn die Bewegungsrichtung tendenziell nach oben geht, zeigen wir Dominanz an.
Die Arme, Hände und auch Kopfhaltung geht öfter aufwärts. Anders als bei Nieder­-
geschlagenheit.

Welcher Sportler ist ein leuchtendes Vorbild in Sachen Körpersprache? 

Da gibt es mehrere. Natürlich denkt man an Zlatan Ibrahimovic, Cristiano Ronaldo oder Fabio Cannavaro. Aber es ist zu kurz gegriffen zu glauben, es müsse eine Körpersprache sein, die knapp an der Überheblichkeit liegt. 

Kann man eine positive Körpersprache vortäuschen? 

Oberflächlich ja. Aber nachhaltig gelingt das nur, wenn man selbst dran glaubt. 

Wie kann man seine Körpersprache trainieren und auch verbessern? 

Entscheidend sind drei Schritte: 1. Bewusst machen der eigenen Signale. 2. Lernen der entscheidenden Techniken. 3. Üben. Ich arbeite immer wieder mit Sportlern und kann nur jedem, der es ernst meint, empfehlen, das auch zu tun. Auch wenn man zu 90 Prozent das Spiel trainiert, darf die Wirkung nach außen niemals dem Zufall überlassen werden. Die Art, wie ein Sportler den Platz betritt, wie er den Schläger anfasst, mit welchem Blick er den Gegner fokussiert, hat enormen Einfluss auf das Spiel. Und nicht zu vergessen, wer weiß, wie man attraktiv kommuniziert, ist auch für Sponsoren interessanter. 

Roger Federer gibt sich nach wichtigen Punkten meist die Faust mit dem Rücken zum Gegner. Ein Fehler? 

Offensichtlich nicht. Schließlich gibt es in der gesamten Tennisgeschichte nahezu niemanden mit ähnlicher Erfolgsgstory. Aber es ist eine völlig falsche Sichtweise, auf Körpersprache mit zeichenhaften Signalen zu hantieren. Es geht also nicht um die Faust an sich, sondern mit welcher Bewegung er sie macht. 

Was ist besser für den Körper: seinen Frust unterdrücken oder die Wut rauslassen? 

Das ist individuell unterschiedlich. Es ist wie im Privatleben. Manche Menschen brüllen ihren Ärger raus, manche äußeren ihn subtiler. Beides hat eine Auswirkung auf den Gegner. Manche werden eher durch Ruhe verunsichert, manche durch Lautstärke.