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Struff in Saudi-Arabien: „Ich bin hier, um mich auf 2020 vorzubereiten“

Jan-Lennard Struff spielt beim Diriyah Tennis Cup in Saudi-Arabien mit. Das Show-Turnier ist umstritten – und die deutsche Nummer 2 ist sich der Kritik bewusst. Warum er dennoch in der Wüste antritt, hat er tennismagazin.de erzählt.

Es sind 20 Grad, ein laues Lüftchen weht. Perfekte Bedingungen also, um draußen Tennis zu spielen. Genau das hat Jan-Lennard Struff während der nächsten Tage vor – und zwar in Saudi-Arabien.

Struff zählt zu einem durchaus illustren Feld, das beim erstmals ausgetragenen Diriyah Tennis Cup vom 12. bis 14. Dezember (live bei Eurosport) am Start ist. Neben ihm sind Stan Wawrinka, Daniil Medvedev, Fabio Fognini, David Goffin, Lucas Pouille, Gael Monfils und John Isner dabei. „Das ist schon eine ziemlich starke Besetzung“, sagt Struff via WhatsApp-Videoanruf. Er steht in seinem Hotelzimmer des Intercontis von Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Von hier aus sind es 20 Autominuten zur Diriyah-Arena am Stadtrand, wo das Turnier stattfindet.

Struff: „Will die Zeit hier intensiv nutzen“

Seit Mittwoch ist er bereits vor Ort – als Erster der acht eingeladenen Profis. Nach dem Davis Cup in Madrid gönnte er sich mit Freundin und Kind einen Urlaub in Südafrika. Von dort ging es für ihn weiter nach Saudi-Arabien – allerdings ohne die Familie. Coach Carsten Arriens und Physio Uwe Liedtke begleiten ihn nun.

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Das alles ist Struff wichtig. Denn er ist sich der Brisanz seines Auftritts in Saudi-Arabien bewusst. Zum einen ist der Diriyah Tennis Cup eine Exhibition, also ein Einladungsturnier, mitten in der Off-Season. Zum anderen findet er in Saudi-Arabien statt – einem Land, in dem nach westlichen Maßstäben viele kritikwürdige Zustände herrschen.

Er blickt nun ernst in die Handykamera. Seine Base-Cap, auf der „Never Quit“ („Gib niemals auf“) steht, hat er sich tief ins Gesicht gezogen. Man merkt es ihm an, dass ihn das Thema umtreibt. Er hätte mit allen aus seinem Team lange über den Diriyah Tennis Cup diskutiert, erzählt er. Am Ende aber „überwiegen die Vorteile“, weil „ich mich hier optimal auf 2020 vorbereiten kann – und das ist mir das Wichtigste“, beteuert Struff. Deswegen sind Arriens und Liedtke dabei, nicht die Familie. Deswegen ist er schon seit Mittwoch in der Hauptstadt Riad. „Das ist kein Urlaub hier. Ich will die Zeit intensiv nutzen“, erklärt Struff.

2018 war er in der Off-Season mit Dominic Thiem auf Teneriffa, um sich aufs neue Tennisjahr einzustellen. Wie man an seinen starken Auftritten 2019 ablesen kann, hat ihm das sehr gut getan. Struff schlug zwischen Januar und November fünf Spieler aus den Top 10, darunter Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas und Karen Khachanov. Er kletterte in der Weltrangliste bis auf Position 33 – sein „Allzeithoch“. Thiem ist in diesem Winter aber in Miami, das kam aufgrund der Zeitverschiebung für Struff nicht in Frage. Er suchte nach einer Alternative. Die Einladung nach Saudi-Arabien passte ihm dabei gut in die Planung.

Struff: „Habe ihr erstklassige Trainingspartner“

Ab Sonntag wird der Aufsteiger der Saison, Daniil Medvedev, in Riad sein. Ab Dienstag werden auch alle anderen Spieler vor Ort sein. „Ich werde hier erstklassige Trainingspartner haben – das bekomme ich sonst nirgendwo“, sagt Struff. Und auch wenn es später, während des Turniers, nicht um Weltranglistenpunkte gehen wird, ist er sich sicher, dass er „Matches auf Toplevel“ bekommen wird. „Je besser die Gegner, desto besser ist es für mich“, ergänzt er noch.

Der Diriyah Tennis Cup ist eingebettet in ein vierwöchiges Sport- und Konzertfestival, das mitten in der traditionellen Lehmbauten-Siedlung, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ausgerichtet wird. Die Formel E war schon dort und am Samstag wird der „Clash on the Dunes“ steigen, ein riesiges Box-Spektakel. Weltmeister Andy Ruiz und Ex-Champion Anthony Joshua sind bereit für eine „historische Boxnacht“, wie beide seit Wochen betonen. Zuvor werden noch die US-Rapper Usher, Chris Brown and Akon auftreten. Nach dem Boxkampf kommen die Tennisspieler und zum Abschluss noch die Reiter.

Struff

WÜSTENTENNIS: Stan Wawrinka wird ebenso wie Jan-Lennard Struff beim Diriyah Tennis Cup in Saudi-Arabien antreten.

Saudi-Arabien inszeniert sich damit als weltoffene, liberale Sportnation. Amnesty International nutzt dafür den Begriff „Sportwashing“. Heißt: Durch die vielen Events will Saudi-Arabien von der Diskriminierung der Frauen, der Nichteinhaltung der Menschenrechte oder der schlagzeilenträchtigen Khashoggi-Affäre nur ablenken. Systematisch setzen die saudischen Machthaber auf den Sport: Im Januar 2020 wird erstmals die Rallye Paris-Dakar im Land sein. Und die spanische LaLiga wird ihren Super-Cup in Jeddah ausspielen – mit den Top-Teams von Barcelona, Real Madrid, Atletico Madrid und Valencia. Machen sich Profisportler in so einem Umfeld nicht zu Marionetten eines ultrakonservativen Königreichs?

Struff: „Sehe mich nicht als Marionette“

„Ich sehe mich nicht als Marionette“, widerspricht Struff. „Ich denke, dass der Sport eine positive Botschaft sendet und dass er damit eine Entwicklung in die richtige Richtung anstoßen kann.“ Struff spricht die leicht verbesserten Rechte der Frauen an oder die Erleichterung der Einreise ins Land durch das E-Visa. Am Ende aber gibt es für ihn als Profisportler vor allem einen Hauptgrund, um in Saudi-Arabien anzutreten: „Ich will 2020 nicht nur an meine Leistungen aus dem Vorjahr anknüpfen. Ich will noch besser werden. Und dabei wird mir diese Art der Vorbereitung sicherlich helfen.“

Einen weiteren Aspekt spricht er schließlich selbst an – das Geld. „Es lohnt sich für mich auch finanziell“, räumt Struff ein. Die acht Profis werden nach den drei Turniertagen insgesamt drei Millionen US-Dollar unter sich aufteilen. Gespielt wird im K.o.-System mit Trostrunde, die Auslosung ist am Mittwoch. Wer in der ersten Runde verliert, bekommt noch 125.000 Dollar. Für den Einzug ins Halbfinale mit nur einem Sieg gibt es 350.000 Dollar. Der Finalist erhält schließlich 500.000 Dollar, der Champion eine Million. Der Finalist der Trostrunde darf sich noch über 100.000 Dollar freuen, der Sieger sogar über 200.000 Dollar.

Wenn man sich anschaut, was Struff, zum Jahresende die Nummer 35 im Ranking, 2019 auf der ATP-Tour verdient hat, dann sind diese Summen für ihn äußerst lukrativ. Insgesamt kommt er auf ein Preisgeld von 1,4 Millionen Dollar – so viel wie noch nie in einer Saison. Für sein bestes Ergebnis 2019 – das Achtelfinale in Roland Garros – strich er 243.000 Euro ein. Das heißt: Mit einem Sieg in der Hauptrunde beim Diriyah Tennis Cup könnte er mehr einnehmen als in Paris nach drei Siegen im „Best of Five“-Modus.

Nach dem Wüsten-Spektakel wird Struff nach Hause fliegen. Familie und Weihnachten stehen dann auf dem Programm. Ende des Jahres geht es nach Australien, um sich frühzeitig auf den neuen ATP-Cup vorzubereiten. „Es ist schon merkwürdig, dass man wenige Wochen nach dem Davis Cup wieder so einen Team-Wettbewerb spielt. Aber ich mag solche Events. Man sollte nur für den Davis Cup nach Möglichkeit einen besseren Termin finden“, sagt Struff.

Dann ist das Gespräch beendet. Struff will noch trainieren. Direkt beim Interconti gibt es Trainingsplätze. Den Centre Court der 15.000 Fans fassenden Diriyah-Arena wird er erst am Dienstag oder Mittwoch kennenlernen. So lange werden noch die Umbauarbeiten nach dem Boxkampf am Samstag dauern.