Sieg gegen Sinner: Amateur gewinnt „One-Point-Slam“ in Melbourne
Der „One-Point-Slam“ bei den Australian Open 2026 war ein voller Erfolg – auch weil sich am Ende ein Amateur gegen 24 Profis durchsetzte.
Die Rod Laver Arena war voll besetzt, der australische TV-Sender Channel 9 sendete live und auf YouTube wurde alles gestreamt, als Jordan Smith und Joanna Garland den Court betraten, um das Finale des „One-Point-Slam“ der Australian Open 2026 auszutragen. Es ging um eine Million australische Dollar (rund 575.000 Euro). Und es wurde lediglich ein Punkt ausgespielt. Wenn man so will, hatten Smith und Garland beide einen „One-Million-Dollar-Shot“ auf dem Schläger.
Australian Open 2026: Alle Infos zum ersten Grand Slam der Saison
Australian Open 2026: Preisgeld durchbricht erstmals magische Marke
Aber wer waren die beiden überhaupt, die nun plötzlich im Tennis-Rampenlicht standen? Joanna Garland könnten große Tennisfans kennen. Sie ist die Nummer 117 im WTA-Ranking und spielt für Taiwan. Garland verlor in der ersten Runde der Quali und meldete sich dann spontan für den „One-Point-Slam“ an. Auch dafür musste sie eine Quali spielen, dieses Mal aber mit Erfolg. Jordan Smith hingegen dürfte den meisten komplett unbekannt sein. Er ist der amtierende Herren-Tennismeister des australischen Bundesstaates New South Wales und spielt in Amateurligen.
One-Point-Slam: alles ist möglich
Genau das war das Kalkül der Veranstalter der Australian Open, als sie den „One-Point-Slam“ nach einem Testlauf im letzten Jahr nun auf die große Bühne hievten: Profis gegen Amateure spielen zu lassen, die „Big Names“ gegen die Nobodies. Von den insgesamt 48 Startern waren 24 Profis (u.a. Sinner, Alcaraz, Zverev, Swiatek, Gauff, Anisimova); die andere Hälfte bestand aus Amateuren. Jedes Match wurde nur mit einem Punkt entschieden. Die Profis hatten lediglich einen Aufschlag, die Amateure dagegen zwei. Vor jedem Match gab es eine Runde „Stein, Schere, Papier“, um zu klären, wer aufschlägt.
„Das ist eine der einfachsten Möglichkeiten, eine Million Dollar zu gewinnen“, hatte Turnierdirektor Craig Tiley über den „One Point Slam“ vorab gesagt. Das Niveau der Profis sinke „ziemlich schnell, weil der Druck sehr groß ist“. Er habe in diesem Format bereits Profis gesehen, die so nervös waren, dass sie einen Aufschlag von unten spielten.
Er sollte mit seiner Analyse Recht behalten. Das beste Beispiel: Als Jannik Sinner gegen den späteren Finalisten Jordan Smith antrat und servierte, landete sein Aufschlag im Netz. Er war damit nicht allein. Auch Coco Gauff und Frances Tiafoe schlampten bei ihrem Service und flogen ruckzuck raus, was ihnen sichtlich peinlich war.
i feel better about missing my serve now that Jannick and Foe did 😭 #NotAlone
— Coco Gauff (@CocoGauff) January 14, 2026
Besser machte es der spanische Profi Pedro Martinez, als er gegen Alexander Bublik tatsächlich von unten aufschlug und der Kasache den Return ins Netz drosch. „Ich habe ihn mit seiner eigenen Medizin bezwungen“, sagte Martinez danach spitzbübisch im On-Court-Interview. Bublik ist für seine Aufschläge von unten auf der Tour bekannt.
One-Point-Slam: bitte nicht aufschlagen
Was grundsätzlich in diesem höchst kurzweiligen und schnellen Format auffiel: Sobald ein Profi gegen einen anderen Profi antreten musste, ging es den meisten darum, nach Möglichkeit nicht aufschlagen zu müssen. Wer also das „Stein, Schere, Papier“-Vorspiel gewann, entschied sich in der Regel für den Return – und gegen den Aufschlag. Nachdem Sinner die erste Runde überstanden hatte, in der er nicht servieren musste, sagte er auch: „Das Problem wird sein, wenn ich in diesem Wettbewerb mal irgendwann aufschlagen muss.“ Er ahnte also schon, dass er mit nur einem Aufschlag nicht klarkommen würde.
Die spätere Finalistin Joanna Garland griff als eine der Wenigen auf eine andere Strategie zurück und wählte immer – wenn sie denn konnte – Aufschlag. Damit war sie gleich zu Beginn der Veranstaltung gegen Alexander Zverev erfolgreich. Vor dem einzigen Ballwechsel, den die deutsche Nummer eins zu absolvieren hatte, gab er sich locker und gelöst. Das Format fände er lustig und unterhaltsam: „Es ist wirklich eine gute Idee!“ Als ihn der Interviewer fragte, ob er nervös sei, antwortete Zverev offenherzig: „Hast du meine Grand Slam-Finals gesehen? Du weißt also, wie schnell ich nervös werde.“
WTA world No.117 Joanna Garland takes out Alexander Zverev in the 1 Point Slam!
Zverev played too passive – some things never change 🤷♂️ pic.twitter.com/Gk4D8B3V3A
— Bastien Fachan (@BastienFachan) January 14, 2026
Nun sollte man den „One-Point-Slam“ nicht mit einem echten Grand Slam-Turnier auf eine Stufe stellen, aber Zverev spielte gegen Garland ähnlich passiv wie in vielen seiner Major-Matches. Garland war diejenige, die schnell in dem Ballwechsel die Initiative übernahm und Zverev mit einer langen Rückhand an die Linie zum Fehler zwang.
One-Point-Slam: Giantkiller Garland
Nun ja, die 24-Jährige erarbeitete sich im Turnierverlauf den Spitznamen „Giantkiller“, weil sie auch Nick Kyrgios aus dem Turnier kegelte. Der Australier trashtalkte wie immer, machte seine Faxen auf dem Court und versemmelte den Return gegen Garland – good bye, Nick!
Erstaunlich viele Matches boten keine langen Ballwechsel, weil entweder der Aufschlag nicht kam (s.o.) oder weil die Returns verzogen wurden. Da hätte man insbesondere von den Profis bessere Quoten erwartet. Den besten Ballwechsel boten Daniil Medvedev und der Amateur Petar Jovic. Der Australier schlug gut auf, Medvedev zitterte den Return so gerade über das Netz, dann folgten ein toller Tweener von Jovic und ein großartiger Rückhand-Cross-Volley auf die Linie von Medvedev. Wenn sonst ein Ballwechsel mal länger dauerte, ging es in erster Linie um Fehlervermeidung.
Den Reiz der Veranstaltung minderte das aber nicht. Wenn es nur um einen Punkt geht, können Amateure die grundlegende Frage „Wie gut bin ich im Vergleich zu einem Profi?“ tatsächlich so beantworten: Die Chance beim „One-Point-Slam“ auf einen Sieg ist größer als in jedem anderen Format. Denn klar ist: Je länger ein Match dauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der bessere Spieler gewinnt – vor allem wenn er, wie üblich, zwei Aufschläge hat.
One-Point-Slam: bejubelte Upsets
So aber schlug etwa der argentinische Tennis-Coach Andres Schneitner die Nummer 34 Welt, Corentin Moutet. Und der Herrenmeister von Queensland, Alec Reverente, setzte sich sogar gegen Top Ten-Spieler Felix Auger-Aliassime durch. Insbesondere diese Upsets wurden von den restlichen Profis, die vom Platzrand aus das Geschehen in der Rod Laver-Arena verfolgten, lautstark bejubelt.
Legendär ist in dem Zusammenhang eine Umfrage unter US-Hobbyspielern, ob sie gegen einen Profi in einem regulären Match zumindest ein Spiel holen würden. 82 Prozent der 18- bis 24-Jährigen glaubten tatsächlich, dass sie das schaffen könnten. Viele Profis konnten diese Selbsteinschätzung der Amateure nicht glauben. Ex-Profi Andy Roddick kommentierte die Ergebnisse der Studie in seinem Podcast „Served“ mit den Worten: „Wenn ich so viel Vertrauen in meine Tennisfähigkeiten gehabt hätte, hätte ich 17-mal Wimbledon gewonnen.“
THE AMATEUR IS VICTORIOUS 😲
Jordan Smith from Sydney is the first-ever winner of the 1 Point Slam and takes home $1 million 🤯💰 pic.twitter.com/EbSPkNIixP
— TNT Sports (@tntsports) January 14, 2026
Jordan Smith dürften diese Umfragewerte nicht weiter interessieren. Er machte gegen Laura Pigossi, Jannik Sinner, Amanda Anisimova, Pedro Martinez und im Finale auch gegen Joanna Garland jeweils einen Punkt, um sich eine Million australischer Dollar zu sichern. Der Final-Ballwechsel war eher unspektakulär: Sicherheitsaufschlag von Garland, Return von Smith, dann segelt eine Rückhand ins Aus – das war’s!
„One-Point-Slam“-Sieger Smith, ein entspannter Aussie, der als Junior einige nationale Titel in Australien gewann, sagte nach seinem Triumph: „Vor dem heutigen Abend wäre ich schon mit einem Punkt zufrieden gewesen. Ich war sehr nervös, habe es aber genossen, hier zu sein. Es war eine großartige Erfahrung.“ Von seinem Preisgeld wolle er sich nun ein Haus zusammen mit seiner Freundin in Sydney kaufen: „Ich hoffe, dass die Kohle dafür reicht!“
Jordan Smith
— Carlos Alcaraz (@carlosalcaraz) January 14, 2026
