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Mail aus London: ATP Cup – die schöne neue Tenniswelt

Bei den ATP-Finals in London wurde der ATP Cup vorgestellt. Die neue Mannschafts-WM startet 2020 in Australien. Ist er als Kampfansage gegen das neue Davis Cup-Format der ITF zu verstehen? Und wie passt das mit Federers Laver Cup zusammen? Eine erste Bestandsaufnahme.

Der Rahmen konnte sich sehen lassen – das Kino in der O2-Arena. Per Rolltreppe fährt man hoch und es sieht hier aus, wie Multiplex-Kinos auch in Hamburg, München oder Köln aussehen. Kino 10 war für die ATP reserviert, um ihren neuen ATP Cup vorzustellen. Oder wie das immer so verquer auf neudeutsch heißt, wenn in der Businesswelt Neuigkeiten vorgestellt werden: Die ATP bat zum Launch!

Rappelvoll ist das Kino, in dem die Ränge steil nach oben gehen, bevor es am Donnerstagmittag losgeht – Kamerateams, Reporter, Funktionäre. Es fehlen nur Popcorn und Getränke. Und wie das nun einmal so ist im Kino, kommt ein Film. Es sind toll geschnittene Sequenzen von Tennisprofis. Es ist pure Werbung für den Sport. Wunderbar anzuschauen Die Botschaft ist klar: Gerade wird eine neue Tenniswelt geboren. Anders formuliert: Die Katze ist aus dem Sack. Denn über die angekündigte ATP-Mannschaftsweltmeisterschaft wird schon seit Langem spekuliert und diskutiert.

ATP Cup: 10 Tage, 24 Teams, 750 Punkte

Um kurz nach zwölf Uhr mittags London-Zeit war es dann so weit. Die Protagonisten auf der Bühne: ATP-Boss Chris Kermode und der CEO von Tennis Australia, Craig Tiley. Das Duo präsentierte das neue Konzept smart, führte durch die rund 20-minütige Präsentation und beantwortete anschließend Fragen aus dem Publikum. Zudem wurden Novak Djokovic und John Isner auf die Bühne geholt. Die Nummer eins und der beste amerikanische Profi im Kino in London – klar, der Anlass war staatstragend.

 „Es ist ein frisches neues Team-Event“, schwärmte Kermode, womit er wohl recht haben dürfte. Die wesentlichen Fakten auf einen Blick: 24 Teams spielen zwischen dem 3. und 12. Januar 2020 in zehn Tagen in drei australischen Städten ein Teamturnier der Superlative. Es gibt sechs Gruppen mit je vier Teams. Sie spielen je zwei Einzel und ein Doppel über zwei Gewinnsätze. Verteilt werden bis zu 750 Ranglistenpunkte, 15 Millionen Dollar werden ausgeschüttet. Nach der Gruppenphase folgen Viertel-, Halb-, und Finale. Das Turnier ist „not mandatory“, heißt also: Man muss dort nicht spielen.

ATP Cup als Fortsetzung der Strategie

Für Kermode und seinen Partner Tiley ist es ein weiterer Schritt, um Tennis attraktiver zu machen und für neue Fangruppen, vor allem für Kids und Jugendliche, zu öffnen. „Die ATP-Finale sind jetzt zehn Jahre alt. Es hat Maßstäbe gesetzt und ist Vorbild für andere Hallenturniere geworden. Danach haben wir die Next Gen-Finals in Mailand entwickelt. Der ATP Cup ist die Fortsetzung unserer Strategie“, sagt Kermode.

Und noch eine Botschaft des ATP-Chefs: Mit dem ATP Cup am Anfang der Saison und den ATP-Finals am Ende entsteht ein neuer Spannungsbogen. In dieser Zeit werden die Geschichten der Spieler erzählt, der älteren um Federer & Co. und die der „Young guns“ um Alexander Zverev, Karen Khachanov und Stefanos Tsitsipas.

Klar wurde auch ein Film eingespielt, in dem die Profis verrieten, was sie vom neuen Format halten. Zu Wort kamen: Djokovic, Isner, Alex de Minaur, Kei Nishikori, Khachanov, Roger Federer, Jamie Murray, Kyle Edmund, Taylor Fritz, Zverev, Kevin Anderson, Dominic Thiem und Tsitsipas. Der Tenor: ein fantastisches Event. Man spiele so oft alleine. Im Team und für sein Land anzutreten, gebe nochmal den Extra-Kick.

Davis Cup: Federer lässt Piqué abblitzen

Im Team? Für sein Land? Hätte man die Augen geschlossen und nicht die Slogans der ATP gesehen, wäre das alles auch gut als Davis Cup-Präsentation durchgegangen. Und genau das ist eines der Probleme, was die Tour lösen muss. Die Frage, die sich stellt: Welche Rolle spielt eigentlich noch der neue Davis Cup? Zur Erinnerung: Er findet erstmals im November 2019 mit 18 Teams in Madrid statt. 20 Millionen Dollar werden ausgeschüttet. Wobei Insider höhnen: eher nicht. Bisher hat nur die Stadt Madrid zehn Millionen garantiert. Gerard Piqué und seine Agentur Kosmos wollen offenbar kein eigenes Geld ausschütten.

Der neue ATP Cup startet 2020 nur sechs Wochen nach der neuen Davis Cup-Finalwoche. Und: Die Spieler sind schon in London beim Saisonfinale todmüde. Dass sie freudestrahlend nach Madrid reisen – ausgeschlossen. Das Malheur ahnte auch schon Piquè und reiste vor Kurzem nach Shanghai, um mit Roger Federer zu reden. Aber der Maestro ließ ihn abblitzen. Es ist kein Geheimnis, dass Piquè scharf auf einen anderen Termin ist. Nur: Es gibt ihn nicht im Kalender. Das letzte Filetstück, was das Datum angeht, ging an den Laver Cup – im September.

Für kein Geld der Welt würde Federer, der mit seiner Agentur Team8 das Event organisiert, mit seiner Veranstaltung in den November gehen. Dass Piqué seinen Laver Cup-Termin haben wollte, grenzte an Majestätsbeleidigung.

Die ATP hat alle Karten in der Hand

Die ATP sagt zwar, es gebe Platz für mehrere Team-Events und man sei in guten Gesprächen mit der ITF – am Dienstag gab es eine Konferenz in London, auf der auch ITF-Chef David Haggerty weilte. Die Wahrheit aber ist: Die ATP hat alle Karten in der Hand. Mit Federer und dem Laver Cup – anfangs ungeliebt bei der ATP – hat man sich arrangiert. Zumal Tiley und Tennis Australia Teil des Laver Cups sind.

Der Davis Cup ist aktuell keine Konkurrenz. Die meisten Spieler mögen das neue Format ohnehin nicht besonders. Stand jetzt müsste die Veranstaltung Mitte November 2019 in Madrid um Local Hero Rafael Nadal aufgebaut werden. Was an dem Plan komplett schief gehen könnte? Kein Topspieler ist am Ende der Saison häufiger verletzt als der Mallorquiner. Und: Im November 2019 ist Nadal 33 Jahre alt.

Ein anderes Problem glaubt man in den Griff zu bekommen – Doha. Das Turnier am arabischen Golf, ebenfalls Anfang Januar im Kalender, könnte als Verlierer dastehen. Ein Mitglied aus dem ATP-Board, dem höchsten Gremium der Tour, ist sich aber sicher, dass es genug Topspieler geben wird, die als One-Man-Team kein Interesse an einem Mannschaftswettbewerb haben könnten, Spieler wie Anderson oder Tstisipas.

Wird Doha neue Heimat der ATP-Finals?

Vielleicht einigt man sich auch anders: Doha dürfte zu dem heißen Kandidatenkreis der Nachfolge für die ATP-Finals in London gehören. Zurzeit entstehen in Katar Infrastrukturen der Superlative. Die anderen Bewerber der sogenannten Short-List, die im Dezember publik gemacht werden soll: zwei Städte aus Asien und zwei aus Europa. Eine Art Wildcard besitzt London, der sechste Kandidat der Short List. Die ATP-Finals könnten auch dort bleiben. Offiziell sind noch 40 Kandidaten für die London-Nachfolge (ab 2021) am Start, darunter eine deutsche Stadt. Ihr werden aber keine Chancen eingeräumt.

Was am Donnerstag in London mit großem Brimborium präsentiert wurde, war Insidern schon seit Wimbledon bekannt. Seit viereinhalb Jahren bastelte man an dem Format. Da war von den Plänen der ITF mit dem neuen Davis Cup noch keine Rede. Ursprünglich verhandelte auch die ATP mit Kosmos. Etwa vor zwei Jahren liefen Gespräche. Aber Kosmos wollte alle Rechte und die ATP ihre Veranstaltung nicht aus den Händen geben.

Und jetzt? Die ITF, die an der Basis gut gearbeitet hat und ihre sogenannte Transition-Tour gerade vorgestellt hat (Übergang vom Junior zum Profi auf Futureebene), hat Kosmos den Davis Cup geradezu auf dem Silbertablett serviert und alles aus der Hand gegeben. Doch es nützt nichts. Stand jetzt ist das neue Davis Cup-Format schon jetzt ein Ladenhüter. Die komplette Macht hat die ATP. Ach ja: ITF-Chef Haggerty könnte fahnenflüchtig werden. Er liebäugelt mit einem Posten im IOC.