2019 Australian Open – Day 1

Miomir Kecmanovic: Der nächste Djoker für Serbien

Vor dem Masters Turnier in Indian Wells hatte Miomir Kecmanovic erst ein Match auf der ATP-Tour gewonnen. Jetzt hat der 19-jährige realistische Chancen auf das Viertelfinale. Gänzlich überraschen darf das nicht. Zu gut war der Serbe als Junior.

Andy Roddick, John McEnroe, Björn Borg, Ivan Lendl, Jim Courier und ein gewisser Roger Federer.

Dies ist eine kleine, illustre Auswahl an Superstars, die die Orange Bowl (gilt als innoffizielle Junioren-WM) in Florida einmal gewonnen haben. Miomir Kecmanovic hat diese Namen bereits vor drei Jahren übertrumpft. 2016 verteidigte er als erst dritter Spieler in der Geschichte seinen Titel in der U-18-Konkurrenz. Für Geschichtsliebhaber: Nur den US-Amerikanern Harold Solomon (1969-70) und Billy Martin (1973-74) war das in der mehr als 70-jährigen Turnierhistorie ebenfalls gelungen.

Zurück zur Gegenwart: 2019, beim Großevent in Indian Wells, ist der Name Miomir Kecmanovic erstmals auf der großen Bühne der ATP-Tour präsent. Der Serbe schlug Maximilian Marterer und Laslo Djere, der zuletzt bei den südamerikanischen Sandplatzturnieren groß aufspielte. Für den 19-jährige Serben sind das erst seine ATP-Hauptfeldsiege zwei und drei, den ersten sammelte er zu Jahresbeginn in Brisbane ein.

Dass Kecmanovic in Indian Wells so in den Fokus rückt, war zunächst nicht absehbar. Denn: Sein Ranking (aktuell Platz 130 in der Weltrangliste) ist noch zu schlecht, um es direkt ins Hauptfeld eines ATP 1000er-Events zu schaffen. Er startete also in der Qualifikation, verlor dort im Finale gegen Marcos Giron und rutschte dann doch noch als Lucky Loser ins Main-Draw, weil der an fünf Kevin Anderson verletztungsbedingt ausfiel.

Dabei profitierte Kecmanovic zustätzlich noch von einem „geschenkten“ Freilos in der ersten Runde. Und nun hat er sogar realistische Chancen auf ein Masters-Viertelfinale, denn er trifft in der Runde der letzten 16 auf den Japaner Yoshito Nishioka. Indes: Zwar kommt diese kleine Erfolgssträhne etwas glücklich und plötzlich zu Stande, sie ist aber keineswegs komplett überraschend. Denn Kecmanovic gilt schon lange als das „next big thing“ im Herrentennis.

Kecmanovic war die eins der Junioren

Als Kecmanovic 2016 zum zweiten Mal den Orange Bowl gewann, war er bereits die Nummer eins der Junioren-Weltrangliste. Auch wenn es das US Open-Junioren-Finale gegen Felix Auger-Aliassime verlor, blieb er bis zum Jahresende der weltbeste Juniorenspieler. Sein erstes Future-Turnier gewann er später prompt aus der Qualifikation heraus.

https://twitter.com/IMGAcademy/status/808319136027840512

Zu diesem Zeitpunkt trainierte der aus Belgrad stammende Kecmanovic bereits mehrere Jahre an der IMG-Academy in Bradenton von Nick Bollettieri. Das Angebot für einen Aufenthalt an der berühmten Tennisschule in Florida erhielt er, als er mit 13 Jahren den Kremlin-Cup der Junioren in Moskau gewann.

Anders als einige seiner serbischen Vorgänger im Profi-Circuit stammt der Youngster aus einem wohlhabenderen Umfeld. Die Menschen vom Balkan lieben das ja eigentlich: Wenn sich Spieler wie Novak Djokovic von unten nach ganz oben kämpfen. Vom ehemaligen Top 10-Spieler Janko Tipsarevic und der früheren Nummer 1 bei den Damen, Ana Ivanovic, erzählt man sich noch heute die Geschichte, wie sie als Kinder in leergepumpten Schwimmbädern stundenlang Tennis gespielt haben sollen. Einfach, weil es während und kurz nach dem Balkankrieg nicht genügend Tennisplätze gab.

Kecmanovic: Großvater war ein jugoslawischer General

Kecmanovics Familie hat eine andere, nicht minder interessante Geschichte. Die Eltern sind Chirurgen, die Großmütter Volkswirtschaftlerinnen gewesen. Einer der Großväter war ein jugoslawischer General, der sich gegen den Konflikt aussprach – öffentlich im Staatsfernsehen. „So wurden wir zu Verfolgten und mussten mit Mishas Mutter vom damaligen Kroatien nach Belgrad flüchten“, berichtete Kecmanovics Tante, Tanja Pavlov 2017 in einem Potrait der New York Times. Das war noch vor der Geburt „Mishas“, wie Miomir Kecmanovic von allen gerufen wird.

Tennis sollte anfangs hilfreich sein, um etwas gegen die Hyperaktivität des Sohnes zu unternehmen. Doch bereits als 7-Jähriger gewann er ein nationales U-10-Turnier. Es war die Geburtsstunde eines Familienprojekts: die Mutter als frühe Trainerin, der Vater als Organisator und Fahrer, die Großmütter als Köchin und immer mit einem Auge auf die schulischen Leistungen. Kecmanovic konnte sich voll auf seine Leidenschaft fixieren.

Kecmanovic: Mit der Tante in Bradenton

„Ich wollte dann unbedingt nach Florida, um das Angebot wahrzunehmen. Für meine Eltern war es sicher keine einfache Entscheidung“, sagte Kecmanovic rückblickend auf 2013 in einem Akademie-Interview. Die Eltern ließen ihren einzigen Sohn ziehen, stellten ihm jedoch seine Tante zur Seite.

Die kümmerte sich fortan um ihren Neffen und um ein Flüchtlingsprogramm. Wobei: Kecmanovic entpuppte sich als pflegeleichter Teenager: „Ich musste ihn früher wie heute zwingen, auch mal an den Strand oder ins Kino zu gehen“, erklärte seine Tante. In einem ATP-Videoportrait fügte er vor Jahren an an: „Ich habe viele Privilegien in meiner Jugend als Tennisspieler genossen. Ich durfte viel Reisen und mein größtes Hobby auf der ganzen Welt ausüben. Mein Ziel ist es, dass das so bleibt.“

Kecmanovic: Trainingspartner Nishikori

Mit den Jahren avancierte der junge Mann vom Balkan zum regelmäßigen Trainingspartner von Max Mirny und Kei Nishikori. Als er sein erstes Future-Turnier gewann und es unter die ersten 700 der Weltrangliste geschafft hatte, prognostizierten die Academy-Trainer, es könnte bis Ende 2017 für die besten 300 reichen. Kecmanovic beendete das Jahr als Nummer 207.

Es folgten konsequente, wenn auch kleinere Schritte. Im Dezember 2018 war er die 131 der Tenniswelt mit zwei Challengertiteln in der Vita. Insgesamt erreichte er im Vorjahr zwei Challengerfinals und viermal das Halbfinale. In Miami bereitete er sich gar mit Fabio Fognini auf sein Hauptfeldebüt auf ATP-Ebene vor. Doch der 18-Jährige, ausgestattet mit einer Wildcard, verlor gegen Denis Istomin. In Houston qualifizierte er sich erstmals eigenständig für ein Hauptfeld und unterlag in der ersten Hauptrunde Ryan Harrisson.

Anfang 2019 erreichte er mit 119 sein bisheriges Karrierehoch. Seines ersten Einzelerfolgs im Hauptfeld von Brisbane sei Dank. Danach folgte eine erfolgreiche Qualifikation für die Australian Open. Beim Hauptfelddebüt eines Grand Slam-Turniers setzte es eine glatte Niederlage gegen Fernando Verdasco. Danach folgte ein kurzes Tief.

Nach kleinem Tief: Kecmanovic hat die Top 100 im Visier

Aus dem sich der 19-Jährige, der neben englisch auch ein bisschen deutsch spricht, in diesen Tagen von Indian Wells befreit. Ein neues Karrierehoch im Ranking ist ihm schon sicher (Platz 106). Und bei einem Einzug unter die letzten Acht könnte er erstmals die Top 100 erreichen.

Dass das auf seinem Lieblingsbelag Hardcourt passieren könnte, ist nur folgerichtig. Der Serbe hat durch seine Zeit in Bradenton die amerikanischen Tennisvorlieben adaptiert, vor allem seine Vorhand zu einer gefährlichen Waffe ausgebaut. In den Tagen von Indian Wells ist aber ebenfalls die körperliche Weiterentwicklung zu erkennen. Die nächsten Schritte in Richtung Weltklasse sind bei ihm nur noch eine Frage der Zeit.

Gut möglich, dass er mit den prominenten Gewinnern der Orange Bowl dann auch im Herrenbereich wirklich gleichziehen wird.

 



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