2019 Australian Open – Day 8

Nach Zverevs Aus: Warten auf den großen Knall oder Godot

Nach dem Achtelfinalaus von Alexander Zverev geht Andrej Antic der omnipräsenten Frage nach: Wie gut kann Deutschlands Nummer eins bei Grand Slams wirklich spielen? Die Konkurrenz jedenfalls wird nicht kleiner.

Gewinnt Alexander Zverev ein Grand Slam-Turnier? Meine Antwort lautet immer noch ja. Ich glaube auch, dass er mehrere gewinnen wird. So viele wie Roger Federer, nämlich 20? Nein. So viele wie Boris Becker, nämlich sechs? Vielleicht. Als ich im Dezember bei den Deutschen Meisterschaften in Biberach mit Davis Cup-Kapitän Michael Kohlmann im Gym stand, in dem sich gerade die zweite, dritte deutsche Garde für die Matches warm machte, und wir über die Frage aller Fragen im nationalen Tennis diskutierten, sagte Kohlmann: „Sascha wird ein Grand Slam-Turnier gewinnen, aber noch nicht in diesem Jahr.“

Wir werden sehen, wie das Abenteuer des Superstars in spe weitergeht. Fakt ist: Nach Melbourne 2019 sind alle ernüchtert – die Fans, die Experten und der Zverev-Clan. Der Höhenflug von London, wo Zverev Weltmeister wurde, wo er hintereinander Roger Federer und Novak Djokovic im Halbfinale und Finale besiegte, ist gestoppt. Zwar stellte der „Spargel“ – Zverev selbst sprach von sich selbstironisch als „Asparagus“ beim On-Court-Interview mit Ex-Champ und Conférencier Jim Courier nach der starken Vorstellung gegen Alex Bolt – zwar stellte er einen persönlichen Melbourne-Rekord auf: Erstmals stand er im Achtelfinale. Andererseits: Gemessen an den Ansprüchen ist die Runde der letzten 16 zu wenig.

Zverev: Parallele zu Roger Federer

Als Roger Federer vor Turnierbeginn gefragt wurde, wer denn die Favoriten seien, nannte der Schweizer drei Namen: Djokovic, Nadal und Zverev. Richtig daran ist allenfalls, dass Zverev nach diesen Australian Open auf Platz drei im Ranking vorrückt. Es liegt daran, dass der Vorjahressieger Federer ebenfalls im Achtelfinale strauchelte und jede Menge Punkte verliert.

Federer – eine Parallele zu ihm gibt es für Zverev nach wie vor. Auch der Maestro brauchte diverse Anläufe, bis er 2003 – mit 21 Jahren – erstmals ein Grand Slam-Turnier gewann. Auch Federer wurde eingetrichtert, er werde schnell das Welttennis dominieren. Spätestens nachdem er 2001 Pete Sampras aus dessen Wohnzimmer in Wimbledon vertrieben hatte und als 19-Jähriger ins Viertelfinale eingezogen war. Aber schon ein Jahr später folgte eine Erstrunden-Niederlage an gleicher Stelle (gegen Mario Ancic) und das Warten ging weiter.

Zverev: Vergleich mit Theaterstück

Zverev muss auch weiter warten. Melbourne 2019 war der 15. Start in einem Grand Slam-Hauptfeld. In Wimbledon 2015 begann die Reise. Das beste Resultat ist bis dato bekanntlich das Viertelfinale von Paris 2018. Weiter warten – manche befürchten schon, es sei ein Warten auf Godot. Bei dem Theaterstück von Samuel Beckett warteten zwei Landstreicher auf eben jenen Godot. Er erschien nie. Erscheint für Zverev nie der heilige Gral in Form einer Major-Trophäe?

Vor noch nicht langer Zeit schien die Rechnung einfach. Wenn Federer, Nadal und Djokovic aus rein biologischen Gründen dereinst verschwinden, ist das Feld für Zverev bereitet. Kein anderer aus seiner Generation ist nur annähernd so gut, hieß es, das Gewinnen von Grand Slam-Titeln reine Logik. Inzwischen gilt: Die Konkurrenz für Zverev in den nächsten Jahren ist gewaltig mit Tsitsipas, Khachanov, de Minaur, Tiafoe, Medvedev, Coric und Spielern, die bislang noch unter dem Radar laufen.

Zverev hat jede Menge Konkurrenz

Eine Frage lautet auch: Was kann man von den als verlorene Generation bezeichneten Kei Nishikori, Grigor Dimitrov und Milos Raonic noch erwarten? Die Antwort: wahrscheinlich eine ganze Menge. Nishikori und Raonic stehen im Viertelfinale. Bei Dimitrov wird man sehen, ob Supercoach Andre Agassi den trainingsfaulen, aber an manchen Tagen grandiosen Bulgaren in den Griff bekommt.

Kurios, dass Zverev ausgerechnet an einem scheiterte, den man schon abgeschrieben hatte. Eineinhalb Jahre laborierte Raonic an einer Handgelenksverletzung. Vor zwei Jahren in Wimbledon, als Zverev dem Kanadier in fünf Sätzen unterlag, war der Deutsche der bessere Spieler. Raonic, von Goran Ivanisevic trainiert, galt auch nach seiner Rückkehr als Auslaufmodell. Viel zu unbeweglich für seine Größe, hieß es. Ohne Varianten sein Spiel. In der Nacht von Sonntag auf Montag (deutsche Zeit) strafte Raonic alle Kritiker Lügen. Von wegen nur Haudrauf! Mit einem Rückhand-Slice trieb er den Deutschen in den Wahnsinn (der darin gipfelte, dass er seinen Schläger mit neun Hieben Social Network-wirksam zertrümmerte).

Zverev verzweifelt an Slice

Zverev wusste auf diesen Defensivschlag keine Antwort. Er bewegte sich schlecht. Die ersten beiden Sätze (1:6, 1:6) waren eines Turnierfavoriten unwürdig. Auch Stunden nach der Partie hatte Zverev, der erstmal zwei Tage nur schlafen und kein Tennis gucken, geschweige denn spielen, wolle, keine Erklärung für seine Leistung. Fand er seinen Rhythmus nicht, weil er im Gegensatz zu den anderen Tagen mittags antreten musste? Hatte er beispielsweise in der Zweitrundenpartie gegen Jeremy Chardy mehr Energie gelassen, als er wollte? War die Vorbereitung auf die Saison zu kurz? War er taktisch auf das Spiel von Raonic nicht eingestellt? War es einfach nicht sein Tag? Wahrscheinlich eine Kombination von all dem.

Bei den French Open hat Zverev die nächste Chance. Er ist dann 22. Älter als Federer bei seiner Grand Slam-Premiere und älter als Nadal und Djokovic, die als Teenager ihre ersten Majorsiege holten, sowieso.

Es scheint ratsam, für Paris eine andere Parole auszugeben. Auch in der öffentlichen Meinung. Es geht dort nicht um den Titel. Ein Halbfinale wäre ein Riesenerfolg.


  1. Antje

    Vor allem die öffentliche Wahrnehmung und die medialen Stürme sind die Krux. Aber es zählt ja (egal in welchem Sport) nur : größer, schneller, weiter ….. Und das möglichst in ständiger Wiederholung. Häufig tritt der Inhalt in den Hintergrund, der Mensch sowieso. Der normalste Grundgedanke ist eigentlich, alle haben dasselbe Ziel den Sieg. Die meisten Wettkämpfer arbeiten/trainieren hart dafür. Warum ist der Gedanke des gemütlich sitzenden Zuschauers nicht auf den Wunsch beschränkt, eine gute Show zu genießen und in der Folge mal den einen und mal den anderen gewinnen zu sehen (es kann ja immer nur einer sein). Eine handvoll Überflieger hebt die Spannung ja eigentlich nicht unbedingt. Warum wird nicht einfach der Sieger belobigt, sondern der Verlierer in den Boden gestampft (selbst wenn er sein Bestes versucht hat)? Selbst schwarze Blackout-Tage sollte man eigentlich als Lebenswellen betrachten (wer erlebt sie nicht?). Sind es die Millionen, mit denen man manche Sportler bewirft, die den Anspruch auf Vereinnahmung generieren? Warum wird ein Erfolg ( in diesem Fall Zverevs am Jahresende ) wieder abgewertet, wenn nicht sofort was neues Tolles folgt? Meine Güte, es ist doch nur eine schöne Nebensache der Welt und alle Sportler auf der Weltbühne können was.


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