Aöexander Zverev vor Rogers Cup

Zverev vor Rogers Cup: Warnsignale in alle Richtungen

Mit seinem neunten ATP-Titel hat Alexander Zverev einen blendenden Start in die US Open Series hingelegt. Der 21-Jährige bewies erneut, dass er aus Rückschlägen rasch lernt. Die Titelverteidigung bei den CitiOpen in Washington ist vor dem Rogers Cup eine Warnung an seine Konkurrenten, aber auch ein bisschen eine Warnung an ihn selbst.

Tiefenentspannt saß er auf der Bank. Sein Blick wanderte hoch in Richtung der Videoleinwand, auf der wohl oder übel eine amüsante Pausenüberbrückung eingeblendet worden sein muss. Denn prompt hatte er das Video erblickt, formten sich die Gesichtszüge zu einem Lächeln. Ein Lächeln, das er erst ungläubig, dann bewusst mit seiner Box auf der Tribüne teilte.

Alexander Zverev hatte so eben Satz eins des ATP-Finals auf dem Centre Court der CitiOpen in Washington gegen Alex de Minaur mit 6:2 entschieden. So konsequent er den mit 19 Jahren zwei Jahre jüngeren Australier so eben mit nahezu fehlerfreiem Powertennis keine Chance gelassen hatte, so locker wirkte er nun in der Satzpause. Die deutsche Nummer eins – momentan Nummer drei der Welt – war in diesem Moment nahe am spielerischen und mentalen Optimum. Dieses Gefühl ließ den 21-Jährigen dieses Finale sogar etwas genießen, so wirkte es zumindest. Bevor diese Woche mit dem Rogers Cup in Toronto die nächstgrößere Herausforderung im schnelllebigen ATP-Zirkus auf dem Weg zu den US Open wartet.

Zverev bestritt sein mittlerweile 14. Finale auf der Profitour, gewann es glatt in zwei Sätzen und rundete eine beeindruckende Hardcourt-Woche mit nur einem Satzverlust und der Titelverteidigung ab. Es war Titel Nummer neun für den immer noch blutjungen Deutschen. Zum Vergleich: Ein Roger Federer, der am heutigen Mittwoch 37 Jahre alt wird, hatte ein halbes Jahr nach seinem 21. Geburtstag „erst“ vier Titel errungen. Kurz vor seinem 22. Geburtstag gewann er erstmals Wimbledon – der erste Majorsieg war Titel Nummer neun.

Zverev vor Rogers Cup: Altersvergleich zu Federer und Co.

Andy Murray stand bei acht Titeln in Zverevs Alter. Novak Djokovic hatte die Titelanzahl von Zverev bereits vor dem 21. Geburtstag inklusive dem ersten Australian Open-Titel geknackt. Noch extremer war von den großen Vier nur Rafael Nadal, der in Zverevs Alter bereits 22 Turniersiege in der Vita stehen hatte – inklusive dreier French Open-Titel.

Die Auflistung der Erfolge der Topstars der Szene in jungen Jahren, die seit 2003 53 von 63 ausgespielten Grand Slams unter sich ausgespielt haben, helfen immer wieder zur Einordnung dessen, was Alexander Zverev bereits für sich, aber ebenfalls fürs deutsche Tennis leistet. Ein Tommy Haas etwa hatte mit 21 Lenzen erst ein ATP-Turnier gewonnen. Und Zverev reiht sich inmitten der Top Vier ein.

Zverev vor Rogers Cup: Erfolg birgt Risiken

Die frühen Erfolge sind Fluch und Segen für den Deutschen zugleich. Das gilt sowohl für die Wahrnehmungen und Reaktionen der Öffentlichkeit. Gleichwohl ebenfalls für seine eigenen, stets steigenden Ansprüche und den Umgang mit dem selbst auferlegten Druck. Beides klappte nachweislich mal mehr, mal weniger gut. Die prominentesten Negativbeispiele sind zum einen die immer wieder aufploppenden Negativkommentare und Reaktionen aus den sozialen Medien, aber auch aus dem echten Leben, wenn der polarisierende Jungstar entweder früh scheitert oder einen emotionalen Ausbruch hat. Zuletzt geschehen beim Drittrundenaus in Wimbledon.

Dort legte sich Zverev, gebeutelt von einer Magendarm-Infektion, in den Unlängen des Fünfsatzmatches gegen Ernests Gulbis erst mehr als grenzwertig mit einem Linienrichter an. Und gab wenig später in den Augen einiger eine arrogante Pressekonferenz, auf die ein medial vernichtendes Urteil folgte. (Lesen Sie HIER „Zverevs Selbstverständnis macht ihn angreifbar“).

Zum anderen sind aus dem Kampf mit seinem eigenen Anspruch die US Open 2017 in Erinnerung geblieben. Damals positionierte sich Zverev aufgrund der Vorergebnisse nicht zu Unrecht als Mitfavorit, erlegte sich damit noch mehr eigenen und externen Druck auf und scheiterte überraschend bereits in Runde zwei an Borna Coric.

Zverev vor Rogers Cup: Die richtigen Schlüsse gezogen

Doch Zverev wäre nicht Zverev, wenn er und sein Team nicht aus beiden Szenarien die richtigen Schlüsse gezogen hätten. Nach den US Open etwa änderte Zverev seine Kommunikation vor den Majors, die deutlich defensiver wurde. Darüber hinaus war er offen für externe Einflüsse wie den Rat von Federer nach der bitteren Fünfsatzniederlage in Australieen gegen Hyeon Chung (Lesen Sie HIER mehr über die Worte des Maestros).

In letzter Konsequenz erreichte Zverev auch deswegen in 2018 sein erstes Viertelfinale auf Grand Slam-Niveau. Das auf mehreren Ebenen unnötige Wimbledonaus hat der Youngster ebenfalls bestmöglich umgekehrt. Zverev sagte zwar, dass er eine möglichst lange Pause auf dem Boot einlegen wollte. Nach nur wenigen Tagen war er aber wieder dort anzutreffen, wo er Niederlagen jeglicher Art am liebsten verarbeitet – im Gym.

„Ich fühle mich physisch sehr, sehr gut. Dafür arbeite ich, dafür gehe ich ins Gym, um für diese Spiele bei heißem Wetter vorbereitet zu sein“, sagte der Washington-Sieger nach einer physisch anstrengenden Woche folgerichtig. Ein weiterer Baustein: sicherlich der Zwischenstopp in Kalifornien bei Ivan Lendl, zu dem Zverev über seinen langjährigen Fitnessguru Jez Green ein inniges Verhältnis pflegt. Mit dem ehemaligen Weltklassespieler und Murray-Coach legte er eine viertägige Trainingssession ein bei noch heißeren Temperaturen. Gegenüber dem Tennis Channel sagte Zverev während der Turnierwoche in Washington.

Zverev vor Rogers Cup: Welchen Enfluss hat Ivan Lendl?

„Im Vergleich dazu ist die Hitze hier fast angenehm. Aber ernsthaft: Die Trainingstage bei Ivan Lendl waren wunderbar. Es waren tolle drei, vier Tage. Seine Trainingsarbeit ähnelt der meines Vaters: hohe Intensität, wenig Pausen, ähnliche Übungen.“ Zverev ergänzte einen spannenden Satz: „Ich hoffe, dass es irgendwann in der Zukunft mit Ivan klappt. Zurzeit bin ich aber mit meinem Team zufrieden. Aber mein Dad und Ivan verstehen sich und sind voller Respekt füreinander und er ist immer offen für neue Einflüsse.“

Ohnehin präsentierte sich der Sieger in der amerikanischen Hauptstadt auf und abseits des Platzes bestens päpariert und gelaunt. Die längeren Intervieweinheiten nach seinen Matchs mit dem Tennis Channel waren authentisch und gaben auch inhaltlich einiges wieder von dem, was Zverev auf dem Platz ausstrahlte.

Offensichtlich war, dass Zverev viel näher an der Grundlinie lauerte, als noch zuletzt in Wimbledon. Die im Vergleich zur absoluten Weltklasse-Rückhand in der Vergangenheit immer mal wieder schwächelnde Vorhand rief er konstant, kraftvoll und mit einer guten Länge ab. Was auch die immer wieder bewusst eingestreuten Netzangriffe erleichterte. Es ist unschwer erkennbar, dass er sich auch im T-Feld verbessert hat und das weiter fördert.

Wie groß der kurzfristige Einfluss von Lendl gewesen ist, darüber wird jetzt gerne spekuliert. Vergleicht man die jüngsten Auftritte mit denen in Wimbledon, kann aber festgehalten werden: Es kann auf keinen Fall geschadet haben. Zverev war im Nachgang bemüht, die aufkommenden Fragen nach der Jagd auf Federer und Nadal einzudämmen.

Zverev vor Rogers Cup: „Federer und Nadal die Besten“

„Die Beiden sind nach wie vor die Besten. Sie gewinnen weiter Grand Slams und generell die großen Titel. Zu sagen, dass ich auf ihrem Niveau bin, würde ihnen nicht gerecht werden.“ Dennoch war auch er selbst sehr zufrieden mit der Titelverteidigung, dem Vergleich mit Bruder Mischa und dem gedrehten Match gegen Kei Nishikori – dem vorgezogenen Finale. Es war seit dem Davis Cup-Match in Brisbane gegen de Minaur bereits das neunte Einzel, das er nach Satzrückstand oder 1:2 noch drehen konnte.

Während sich Roger Federer in der Nähe von New York auf Cincinnati vorbereitet und den Rogers Cup sausen lässt, ist Zverev neben Nadal, Novak Djokovic und Juan Martin del Potro der Topfavorit in Kanada. Was nicht vergessen werden darf: Auch hier ist er Titelverteidiger und hat 1000 Punkte zu verteidigen. Im Hinblick auf die US Open erscheint es nun wichtig, effizient(er) zu spielen. John McEnroe kritisierte Zverev zuletzt am Rande des Rothenbaumturniers dafür, dass er in den frühen Runden der Majors zu viel Kraft verschwende. „Die schwersten Matches starten ab dem Viertelfinale.“

Was Zverev zuletzt im Bestof-3-Modus bis auf das Match auf Augenhöhe gegen Kei Nishikori gut gelang (Stefanos Tsitsipas und Alex de Minuaur erspielten sich keinen Breakball), soll nun nach Möglichkeit so weitergehen. Zunächst geht es gegen Bradley Klahn. Der Amerikaner absolvierte die Qualifikation unter anderem gegen Bernard Tomic erfolgreich und eliminierte in Runde eins David Ferrer.

Auf dem weiteren Weg könnten Dominic Thiem oder Novak Djokovic warten, anschließend Kevin Anderson oder Grigor Dimitrov. Weitere Matchhärte auf dem Weg zu den US Open sind garantiert. Alexander Zverev, der anschließend ebenfalls in Cincinnati aufschlagen will, ist spielerisch und mental ein kompletterer Spieler als noch vor einem Jahr. Das kann mit Blick auf das letzte Major des Jahres ein Vorteil sein, muss es aber nicht. Konsequent und folgerichtig wäre der Einzug in das erste Halbfinale bei einem Grand Slam. Peu à peu an die Spitze. Noch ist das Zukunftsmusik.