Germany v Hungary – Davis Cup Day 2

DTB nach dem Davis Cup: Gefangen zwischen zwei Welten

Noch mehr als mit der problemlosen Erfüllung der sportlichen Pflichtaufgabe gegen Ungarn in der neuen Davis Cup-Qualifikationsrunde überzeugte der DTB als Ganzes mit einem blitzsauberen Auftritt in der Frankfurter Fraport-Arena. Mit Hinblick auf die umstrittene Endrunde in Madrid ist das Team um Kapitän Michael Kohlmann mehr denn je als Vermittler zwischen zwei Welten gefragt.

Samstag später Nachmittag, rund eine Stunde nach dem Sieg der deutschen Mannschaft in Frankfurt. Michael Kohlmann, die Physiotherapeuten und Betreuer Basti Arnold und Carlo Thränhardt sowie Sportdirektor Klaus Eberhard stehen nach vorne gebeugt auf der Grundlinie des Centre Courts – die Gesichter zur Tribüne gedreht. Auf der anderen Netzseite bereiten sich Jan-Lennard Struff und Tim Pütz auf zehn möglichst harte Aufschläge vor: „Arschbolzen im Tennis als Bestrafung“, erklärt Philipp Kohlschreiber und grinst verschmitzt.

Und während fast die Hälfte der voll durchgezogenen Serviceversuche unter anderem Kohlmann schmerzhaft am Oberschenkel treffen, berichtet „Kohli“ von einem Basketballmatch am Montagabend zwischen den Betreuern und den Spielern und dem obengenannten Wetteinsatz. Die Spieler hatten den Rest des Teams mit dem viel größeren Ball vermöbelt. Mit der Filzkugel wäre es ihnen logischerweise erst recht gelungen. Bereits am Donnerstag hatte Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev die Wette verraten und strahlend geprahlt: „Wir haben gewonnen“ – beim Basketball.

Die Bestrafung fand lange nach den Matches vier und fünf statt. Auch ein Novum, dass die Topspieler Alexander Zverev und Philipp Kohlschreiber vor ausverkauftem Haus in der Frankfurter Fraport Arena am Samstag ihre Matches noch bestritten, als die Entscheidung gegen drittklassige Ungarn längst gefallen war (nach dem Doppel hatte es 3:0 gestanden). Die Zuschauer waren zu diesem Zeitpunkt, vor allem weil sie ihre besten Spieler trotz der Vorentscheidung (am Ende gewann Deutschland 5:0) ausgiebig beobachten durften, längst zu ihren Autos gepilgert, die Abbauarbeiten rund um den Court hatten bereits begonnen. Die Stimmung im DTB ließ sich am besten mit ausgelassen beschreiben. Was jedem der Beobachter bei der Szene im Bauch der Arena klar wurde: Hier ließ ein mittlerweile eingeschworener Haufen die letzten Minuten einer gelungenen Davis Cup-Woche ausklingen. Kleinere Spannungen, Meinungsverschiedenheiten und Problemfelder dringen, anders als früher, nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Davis Cup: Baustellen gibt es genug

Dabei gibt es genug Baustellen, bei denen sich Spieler, Trainer und Betreuer auseinander dividieren lassen könnten. Allen voran die durch die Davis Cup-Reform  geschaffene umstrittene Endrunde Ende November in Madrid. Alexander Zverev, nicht nur spielerischer, sondern ebenfalls kommunikativer Anführer im Team, spielt nicht – unter keinen Umständen. „Kein Mensch der Welt kann mich umstimmen“, sagt der 21-Jährige. Auch Gerard Pique nicht, der mit der Agentur Kosmos der entscheidende Antreiber war, dass die radikale Reform des Weltverbandes ITF im Sommer 2018 die Mehrheit erreichte.

Zverevs Hauptargument, das die Teammitglieder, Betreuer und die meisten Fans nachvollziehen können: der Termin der Endrunde in der Woche nach den ATP-Finals. Es geht um Urlaub, Ruhephasen und ausreichend Zeit für eine ausgewogene Saisonvorbereitung eines Top 10-Spielers. Damit habe er bereits 2018 Probleme gehabt nach dem Gewinn der ATP-Finals.

Zverev nach Davis Cup: „Hoffe, die anderen kommunizieren das auch“

Vielen Top 20-Spieler geht es genauso, behauptet Zverev. „90 Prozent sind gegen den Termin. Und ich hoffe, sie kommunizieren das auch so deutlich wie ich.“ Ein weiterer Tiefschlag für die ITF: Österreich verlor in der Qualifikation ohne den kranken Dominic Thiem gegen Chile. Der Österreicher war einer der wenigen, die ihre Zusage in Aussicht gestellt hatten. Bislang wird wohl nur Rafael Nadal, vorausgesetzt er ist gesund, in seiner spanischen Heimat antreten.

„Damit ist das Hauptargument der Reform, mehr Topspieler für den Davis Cup zu begeistern, gescheitert“, resümiert Kohlmann. Der 45-Jährige ist sich sicher, dass die klare Positionierung gegen die Reform durch den DTB, durch Zverev, durch Persönlichkeiten wie Lleyton Hewitt durchaus Druck auf den Weltverband ausübt.

Davis Cup: Es geht um sehr viel Geld

Ob das wirklich genügt? Kosmos hat für die Etablierung des Formats in den kommenden Jahren drei Milliarden Euro für 25 Jahre in Aussicht gestellt. Geld, das dem Weltverband mehr als recht ist und auch bei den Hauptakteuren, den Spielern ankommt. Das Preisgeld bei der Endrunde soll sich auf Grand Slam-Niveau bewegen. Spieler wie Tim Pütz könnten ihr Jahreseinkommen mit diesem Turnier sehr deutlich anheben. Und auch für Top 60-Akteure wie Jan Lennard Struff macht es finanziell durchaus Sinn, in Madrid anzutreten – sechsstellige Summen lassen sich locker verdienen.

Daraus machen die Beiden kein Geheimnis, wie sie auf Nachfrage bestätigen. Das Ambivalente: Beide Spieler wünschen sich dennoch das alte System zurück und würden dafür auf das hohe Preisgeld verzichten. „Wir spielen in erster Linie gerne für unser Land und stehen auf die Atmosphäre der Heim- und Auswärtsspiele.“

Pütz nach Davis Cup: „Sascha kann man nicht mit Geld locken“

Pütz war es auch, der im Namen des Teams seiner Nummer eins öffentlich beisteht. „Sascha backt andere Brötchen als wir. Ihn kann man nicht mit Geld locken.“ Diese Aussage trifft bei den außergewöhnlichen Jahresprämien durch Preis- und Sponsorengelder quasi auf jeden Top 10-Spieler zu.

tennis MAGAZIN hat in Frankfurt viele Hintergrundgespräche geführt, die Ihnen, liebe Leser, in unserem Heft einen tieferen Einblick zu den Hintergründen des neuen Formats geben werden. 2019 und 2020 ist die Endrunde in Madrid verankert. Danach soll das Event nach Indian Wells wandern. Allerdings gibt es dafür keine offizielle Bestätigung. Das Datum – Ende November – ist nicht nur den Spielern ein Dorn im Auge.

Davis Cup: Terminringen rund um den Laver Cup

Einzig: Es gibt in der momentanen Konstellation keine Alternative. Der Septembertermin wird vom Laver Cup blockiert. Das Absurde am Showturnier von Roger Federer: Hier kassieren alle Spieler Antrittsprämien von 300- bis 400.000 Euro. Ob Zverev, Djokovic, Kygrios und Co. ohne das Geld so mitfiebern würden? Und ob die Fans ohne Federer und Nadal kommen würden? Fakt ist: Der Laver Cup hat bei seiner Premiere 2017 in Prag rote Zahlen geschrieben – die Antrittsprämien der Superstars sind schlicht zu hoch.

Zverev jedenfalls betonte, Davis Cup und generell Tennis nicht wegen des Geldes zu spielen. „Es geht um Trophäen und Emotionen. Und ich hoffe eines Tages den Davis Cup nach dem alten Format für Deutschland zu gewinnen.“ Zverev kassierte vom Frankfurter Publikum dafür Standing Ovations. Die Nummer drei der Welt wird in den kommenden Tagen vornehmlich an der Form feilen. Wie tennis MAGAZIN erfuhr, tritt er beim Turnier in Rotterdam nicht an.

Der DTB hat mit der Entscheidung, alle Einzel mit ihren besten Spielern auszutragen, viel für sein Image getan. Die Schmach von 2014 dürfte damit endgültig vergessen sein (damals wollte keiner der Topspieler am Sonntag antreten). Und auch die Meinung einiger deutscher Fans über Zverev dürfte sich nach diesem Wochenende verbessert haben. Der 21-Jährige weiß sich – bewusst oder unbewusst – mittlerweile sehr, sehr gut zu verkaufen. Seine Art kam an in Frankfurt.

Umso bescheidener ist, dass die Situation so ist wie sie ist. Kohlmann bekräftigte, dennoch ein starkes Team für Madrid beisammen zu haben. Und öffnete die Tür für Emporkömmlinge. „Die Doppelspezialisten wie Kevin Kravietz, der in Australien die dritte Runde erreichte und Andreas Mies, der unter den ersten 100 steht, haben genauso Chancen wie Rudi Molleker, Mats Moraing, Oscar Otte oder Matthias Bachinger. Wenn sie ein sehr gutes halbes Jahr spielen und die anderen, was ich nicht hoffe, schwächeln würden.“

Dennoch ist das Fehlen weiterer Länderspiele in einer Einzelsportart keine optimale Voraussetzung für einen so großen Verband wie den DTB. Man ist quasi gefangen zwischen zwei Welten. Länderspiele waren und bleiben etwas Besonderes. Schade, dass die Tenniswelt in Zukunft auf diese Wochenenden zu meist verzichten muss. Andererseits: Auch wenn der DTB zu den größten Kritikern der Reform gehört: Durch den Einzug in die Hauptrunde ist dem Verband schon jetzt eine Zahlung von einer halben Million Dollar durch die ITF sicher – viel mehr Geld als im „alten System“. Und: Kohlmann & Co. sind froh, dass sie die Schmerzen nach einer verlorenen Wette frühestens erst wieder im November ertragen müssten.Air Zoom Pegasus 33