Zverev in der Favoritenrolle: Das Feld in Roland Garros ist offen wie nie

French Tennis Open – Fourth round Bild: IMAGO

Viertelfinale erreicht: Alexander Zverev gilt nach einem Favoritensterben in Roland Garros als heißester Anwärter auf den Titel.

Sinner raus, Djokovic raus – plötzlich ist Alexander Zverev der Topfavorit in Roland Garros. Das Herrenfeld erlebt einen historischen Umbruch und ist offen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wissen Sie, was Juan Manuel Cerundolo, Matteo Berrettini, Frances Tiafoe, Mateo Arnaldi, Felix Auger-Aliassime, Alejandro Tabilo, Flavio Cobolli und Zachary Svajda gemeinsam haben? Sie alle haben in der oberen Hälfte des Herren-Tableaus von Roland Garros 2026 noch die Chance ins Endspiel am kommenden Sonntag einzuziehen. Bis auf den erfahrenen Berrettini, der 2021 im Wimbledon-Finale stand, würden diese Herren Neuland betreten. Allein das sagt schon eine Menge über den Zustand der Herrenkonkurrenz in Paris aus.

Es war eine verrückte erste Woche in Roland Garros: So viele enge Matches, so viele neue Namen und natürlich die unglaublichen Favoritenstürze im Herrenfeld. Schon vor Turnierbeginn war dieses durch die Absagen von Carlos Alcaraz, Lorenzo Musetti und Arthur Fils offener als gewöhnlich. An einen anderen Sieger als Jannik Sinner glaubte dennoch niemand.

Der Südtiroler hatte nach Berechnungen des US-Portals Sportico vor Turnierbeginn mit 73,3 Prozent die zweithöchste Siegwahrscheinlichkeit bei einem der über 100 Grand Slam-Turniere dieses Jahrhunderts ­­– nur Rafael Nadal wurden 2009 noch höhere Gewinnchancen zugeschrieben.

Ein neuer Grand Slam-Champion

Das Erstaunliche dabei: Sowohl Nadal als auch Sinner scheiterten vorzeitig. Nadal verlor 2009 völlig überraschend gegen Robin Söderling, der dann ins Endspiel einzog, wo er Roger Federer unterlag. Und Jannik Sinner gab aufgrund eines körperlichen Schwächeanfalls eine 6:3, 6:2, 5:1-Führung gegen Juan Manuel Cerundolo aus der Hand.

Als einen Tag später auch noch Novak Djokovic nach einer 2:0-Satzführung gegen das brasilianische Supertalent Joao Fonseca rausflog, war klar: Es wird einen neuen Grand Slam-Champion geben.

Die Konsequenzen sind historisch: Erstmals seit Beginn der Open Era 1968 steht im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers kein einziger ehemaliger Major-Sieger mehr im Herrenfeld. Auf X war zu erfahren, dass es ein derart offenes Feld zuletzt bei den Australian Open 1959 gegeben hätte – das ist dann fast schon prähistorisch …

Und noch eine Statistik untermauert diese besondere Konstellation: Seit Rafael Nadals letztem Triumph in Paris 2022 wurden sämtliche Grand-Slam-Titel von Novak Djokovic, Carlos Alcaraz oder Sinner gewonnen. Diese Serie wird nun zwangsläufig reißen.

„Jeder dachte, dass Sinner gewinnt“

Die Ausgangsituation in Roland Garros hat sich also komplett verschoben: Es herrscht ein gewisser Ausnahmezustand im Herrenfeld. Die Stimmung der Profis schwankt zwischen Überraschung und neuer Hoffnung. Frances Tiafoe sprach vielen Kollegen aus der Seele, als er sagte: „Jetzt, wo Sinner raus ist, werden noch mehr Spieler an ihre Chance glauben. Aber am Ende musst du trotzdem denjenigen schlagen, der auf der anderen Seite des Netzes steht.“ Und Felix Auger-Aliassime attestierte: „Jeder dachte doch, dass Sinner diese French Open gewinnen würde. Jetzt wird er es nicht tun. Das ist die Schönheit des Sports.“

Für Casper Ruud, dreimaliger Grand-Slam-Finalist und zweimaliger Endspielteilnehmer in Roland Garros, eröffnet sich möglicherweise die beste Chance seiner Karriere. Der Norweger hat sich bereits durch zwei Fünf-Satz-Matches gekämpft und spürt die besondere Dynamik des Turniers. „Es ist ein unglaublich offenes Turnier, und das ist irgendwie erfrischend“, sagte er. „Jeder weiß, dass wir in einer Woche einen neuen Grand-Slam-Champion haben werden.“

Roland Garros offen wie nie

Auch der ehemalige Weltranglisten-Erste Andy Roddick zieht Parallelen zu einer längst vergangenen Epoche. In seinem Podcast sprach er von der wohl offensten Grand-Slam-Auslosung seit mehr als 20 Jahren. „Ich glaube nicht, dass ein Grand Slam auf der Herrenseite seit 2003 so offen war“, sagte Roddick. „Das ist echt verrückt.“

Nun richtet sich der Blick zwangsläufig auf Alexander Zverev. Der Hamburger ist als Nummer zwei der Setzliste der höchstplatzierte verbliebene Spieler im Feld und wird von vielen Beobachtern nun als Top-Favorit gehandelt. „Alle werden jetzt auf den Zverev-Zug aufspringen“, prognostiziert Roddick. „Für ihn bedeutet das gleichzeitig eine riesige Chance und enormen Druck. Vielleicht ist das das erste Mal bei einem Grand Slam, dass er in dieser Turnierphase tatsächlich der haushohe Favorit ist.“

Zverev lässt das Handy aus

Zverev selbst will den Druck – natürlich – so geht es gut ausblenden. Er denke nur von Spiel zu Spiel und sein Handy sei aus. Im Viertelfinale am Dienstag (live bei Eurosport) gegen den spanischen Aufsteiger Rafael Jodar will er auf jeden Fall den nächsten Schritt zum ersehnten ersten Grand-Slam-Triumph gehen. Für viele Experten muss er ihn jetzt auch vollziehen, um nicht als großer Verlierer aus dem Turnier von Roland Garros hervorzugehen.

„Wenn er es diesmal nicht gewinnt, weiß ich nicht, ob er überhaupt jemals einen gewinnen wird. Dementsprechend ist der Druck jetzt noch größer“, sagte US-Legende John McEnroe bei Eurosport. Die Klasse bringe der Deutsche mit, so McEnroe: „Die entscheidende Frage ist, wie er mit dem Druck umgeht, der jetzt plötzlich auf ihm lastet. Er galt lange als der beste Spieler, der noch nie ein Major gewonnen hat. Das hat sich in seinem Kopf festgesetzt.“

Fonseca mit großem Roland Garros-Moment

Mehr oder weniger ohne großen Druck kann Joao Fonseca nun aufspielen. Der Brasilianer gilt seit Monaten als eines der größten Talente des Welttennis. Sein Sieg gegen Djokovic könnte als jener Moment in Erinnerung bleiben, in dem aus einem Versprechen ein ernsthafter Grand Slam-Titelkandidat wurde – nicht unbedingt 2026 in Roland Garros, aber bestimmt in naher Zukunft. Bemerkenswert ist dabei die Gelassenheit, mit der Fonseca auf die neue Situation reagiert.

„Natürlich erhöhen sich die Chancen für Spieler wie Zverev oder Ruud, die schon länger auf der Tour sind“, sagte er nach seinem Coup gegen Djokovic. „Ich werde einfach den Moment genießen.“ Es gibt eine Menge Beobachter der Szene, die der Sieg von Fonseca über Djokovic an einen legendären Moment der Tennisgeschichte erinnert: Als der damals 19-jährige Roger Federer 2001 in Wimbledon den siebenmaligen Champion Pete Sampras besiegte und damit den Beginn einer neuen Ära einläutete.

Jeder wittert nun seine Chance

Ob Fonseca tatsächlich der nächste Superstar des Herrentennis wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Die French Open 2026 haben sich innerhalb weniger Tage von einem Turnier mit klaren Favoriten in ein ziemlich offenes Rennen verwandelt. Womöglich ist dies auch ein Grund dafür, dass von 16 Drittrund-Partien neun über fünf Sätze gingen – Grand Slam-Rekord.

Jeder Spieler wittert nun seine Chance. Frances Tiafoe bestätigte diese Vermutung nach seinem gestrigen Fünf-Satz-Sieg gegen den portugiesischen Qualifikanten Jaime Faria: „Alle Jungs da draußen glauben an sich. Das ist nicht immer so bei den Slams.“

Genau das macht den Reiz der zweiten Turnierwoche aus. Wer nun am Ende den Coupe des Mousquetaires in den Pariser Himmel stemmen wird, ist offener denn je – auch wenn Alexander Zverev als heißester Titelanwärter gilt.