2019 French Open – Day Four

French Open: Drama mit Herbert und Paire

Der erste Zweitrundentag bei den French Open 2019 brachte souveräne Favoritensiege und einige verletzungsbedingte Sorgen zum Vorschein. Gegen Abend entwickelten sich Dramen auf den Courts. In der Hauptrolle: die zwei Franzosen Benoit Paire und Pierre-Hugues Herbert.

Die Fans auf den Court Suzanne Lenglen wollten einfach nicht aufhören. Seit etwas mehr als einer halben Minute schwappte eine von jüngeren Zuschauern initiierte Laola-Welle über die vier Tribünen. Sie wurde immer dynamischer. Es wurde lauter. Die Stimmung kochte.

Soweit so normal auf einem der größten Courts bei den French Open, zumal sich zwei Einheimische duellierten. So wie das Mittwochabend Benoit Paire und Pierre-Hugues Herbert taten. Doch jetzt sollte, nein musste letzterer eigentlich gegen den drohenden Matchverlust aufschlagen. Aber: Das Publikum, das sich selbst feierte, ließ ihn zunächst nicht.

Die französischen Fans sind schon eine spezielle Spezies. Alexander Zverev drückte es am Dienstag etwas drastisch aus, als er mit einem Augenzwinkern erklärte: „Ja, gut. Wir sind in Frankreich. Die pfeifen hier wegen allem.“ So ganz weit weg von der Wahrheit lag die deutsche Nummer eins nicht. Die Fans können im Stade Roland Garros eine unvergleichbare Eigendynamik entwickeln – zu Gunsten ihres Spielers. Herbert hatte das zwei Tage zuvor selbst erfahren, als er in der ersten Runde sensationell Daniil Medvedev nach 0:2-Satzrückstand besiegte.

Wohl auch deswegen blieb der einstige Doppelspezialist, der in Deutschland Abitur machte und an der Seite von Nicolas Mahut alle vier Grand Slams gewann, ruhig, als die Fans sich nun am Mittwoch selbst feierten. Er wusste, dass sie einen Anteil am bisherigen Erfolg hatten. So atmete der 28-Jährige mehrmals tief durch und hielt dann sein Service. „Wenn du nach Roland Garros kommst, weißt du, dass du dich auf die Zuschauer verlassen kannst“, sagte Herbert nach der ersten Runde der Süddeutschen Zeitung. Diese Szene bestätigte das gegenseitige Vertrauen.

Leider, aus Herberts Sicht, stand auf der anderen Seite des Netzes dieses Mal ein weiterer Franzose. Benoit Paire fliegen die heimischen Herzen aufgrund einiger Ausraster vor Heimpublikum zwar nicht automatisch zu. Am Mittwoch aber honorierten die Pariser, dass der 30-Jährige Biss zeigte.

Der Lebemann, so lauten zumindest die gängigen Vorurteile gegenüber Paire, befindet sich inmitten einer Siegesserie. Inklusive des Turniersiegs vor Wochenfrist in Lyon ist er nun sieben Matches ungeschlagen. Gegen den tapferen Herbert schlug Paire 84 Winner (mehr als 70 unerzwungene Fehler). Im Entscheidungssatz holte er nicht nur ein Break auf. Bei 4:4 wehrte er zwei Breakbälle in Benoit-Paire-Manier ab: mit einem Stoppball und einem gefühlvollen Netzangriff. Nach 4:33 Stunden reckte der bärtige Paire die Arme gen bewölktem Hauptstadthimmel: 6:2, 6:2, 5:7, 6:7 und 11:9. Die French Open sind bekanntlich das einzige Major, dass noch auf eine verkürzte Version im Entscheidungsatz verzichtet.

Als die Massen von Lenglen in Richtung Centre Court losmarschierten, begann ein Wettkampf gegen die Zeit. Es dämmerte und auf dem Chatrier war das letzte aktive Match im Gange. Laura Siegemund war auf dem besten Wege ihr eigenes Drama zum Positiven zu wenden. Die 31-Jährige führte bereits mit einem Satz und Break, als Gegnerin Belinda Bencic sechs Spielgewinne in Serie auf die Asche zauberte.

Siegemund plädierte daraufhin wegen der Sichtverhältnisse auf Spielabbruch. Die Schweizerin hatte ob des Momentums naturgemäß nur wenig Interesse an dieser Lösung und sprintete in bester Usain-Bolt-Manier nach Pausen zurück an die Grundlinie, setzte sich schon gar nicht mehr hin.

Doch mit dem Momentum ist das immer so eine Sache. Irgendwie schaffte es Siegemund ihre Negativität umzuwandeln. Von 1:4 gelang ihr ein Comeback im dritten Satz. Bei 4:4 wurde die Partie dann tatsächlich wegen Dunkelheit abgebrochen. Da waren die meisten Zuschauer vom Herbert-Paire-Match gerade erst angekommen.

Doch Dramen hatte es bereits genug gegeben. Auf dem neu gestalteten Simonne Mathieu-Court rang Grigor Dimitrov Marin Cilic nieder. 2018 wäre diese Begegnung niemals so früh möglich gewesen. Damals waren die Herren an Nummer drei und vier gesetzt. Zwölf Monate später war es das Duell der elf (Cilic) gegen den ungesetzten Dimitrov.

Beiden war ihre Verunsicherung anzumerken. Es war ein Musterbeispiel für alle Hobbypsychologen, Thema der Unterrichtsstunde: „Wie man mit einer Führung im Rücken nicht agieren sollte“. Doch Dimitrov nutzte Matchball Nummer vier zum 6:7, 6:4, 4:6, 7:6, 6:3. Es war der erste Sieg über einen Top20-Spieler für Dimitrov seit Mai 2018. Ob der zweite Fünfsatzerfolg in Serie ihn eher entkräftet oder neues Leben einhaucht, bleibt abzuwarten. Er trifft nun auf 2015-Sieger Stan Wawrinka, der den Geheimfavoriten Christian Garin demontierte (6:1, 6:4, 6:0).

Besser mithalten konnten derweil die beiden deutschen Außenseiter Oscar Otte und Yannick Maden gegen einen gewissen Roger und Rafa (lesen Sie HIER mehr). Eine große Enttäuschung musste Philipp Kohlschreiber einstecken. Das Draw hatte sich geöffnet. Jeder weiß, dass er auf Sand sehr gut spielen kann. Schlicht: Es wurde ein rabenschwarzer Tag für den 35-Jährigen gegen Nicolas Mahut, der nach dem Dreisatzsieg der am tiefsten platzierte Spieler (252) in der dritten Runde seit 2012 (Paul-Henri Mathieu) ist.

„Mir fehlen die Worte. Die ersten Spiele haben sich gut angefühlt, dann bin ich weggebrochen. Er ist draufgegangen, hat gute Bälle gespielt. Das Publikum war da und ich wurde schlechter und schlechter“, sagte Kohlschreiber in einer ersten Analyse.

„Das heute muss ich analysieren. Ich würde mir dieses Jahr auf die Fahne schreiben, dass ich 2019 nach guten Matches keine Konstanz reinbekomme“, erklärte der Davis Cup-Spieler weiter. Leider muss konstatiert werden: dieses Problem hat er nicht erst 2019.

Für unsere kommenden Printausgaben standen am Mittwoch unterdessen nicht alltägliche Interviews an. Im Gespräch mit dem French Open-Sieger von 2002, Albert Costa, ging es nicht nur um dessen Karriereleistung und Erfahrungsschatz. In seiner neuen Rolle als Turnierdirektor der umstrittenen Davis Cup-Finalrunde hatte er einiges zu berichten (freuen Sie sich aufs Heft).

Nur so viel. An Selbstvertrauen mangelt es der ehemaligen Nummer 6 der Welt nicht: „Wir richten dieses Event jetzt einmal aus und dann wird sich die Meinung der Kritiker komplett verändern.“

Und dann war da noch das launige Treffen mit Jimmy Arias. Der US Open-Halbfinalist von 1983 arbeitet hier in Paris für den Tennis Channel. Im Interview ging es aber um seine neue Rolle als Leiter der IMG-Academy in Bradenton. Das Gespräch gibt es in einer der nächsten Ausgaben.

Beim Abschied am Ausgang des Medienrestaurants zuckte Arias plötzlich zusammen. Ohrenbetäubender Jubel brannte aus Richtung des Chatriers auf. Roger Federer, erstmals seit 2015 in Paris aktiv, hatte den Centre Court betreten. Das hatte was von Fußballjubel. Lauteren Jubel habe ich beim Tennis auch noch nicht erlebt. Stimmung erzeugen können die Franzosen. Dazu benötigt es nicht unbedingt Dramen.