Zverev, Medvedev & Co: Die verlorene Tennis-Generation
Nach dem Ende der „Big Three“ dominieren nun Carlos Alcaraz und Jannik Sinner die Herrentour. Leidtragende sind Spieler aus den 90er-Jahrgängen wie Alexander Zverev oder Daniil Medvedev, die bislang nur zwei Grand Slam-Titel gewonnen haben.
Mitarbeit: Tim Böseler
Eine Anomalie. Laut Wörterbuch ist dies eine Abweichung von der Regel, dem Normalen oder dem Erwarteten, also eine Unregelmäßigkeit oder eine Ausnahme. Das US Open-Finale 2020 zwischen Dominic Thiem und Alexander Zverev scheint solch eine Anomalie gewesen zu sein. Kurios, bizarr, unwirklich. Das trifft es, was sich damals in der menschenleeren Arthur Ashe-Schüssel, dem größten Tennisstadion der Welt, abgespielt hat. Wegen der Corona-Pandemie fand zum ersten Mal ein Grand Slam-Turnier ohne Zuschauer statt.
Allein deshalb ist dieses Endspiel zwischen Thiem und Zverev eine Anomalie. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Denn dieses Duell ist bis heute das einzige Grand Slam-Finale zwischen zwei Spielern, die in den 90er-Jahren geboren wurden. In einem der dramatischsten, aber auch spielerisch schwächsten Major-Endspiele hatten Thiem (Jahrgang 1993) und Zverev (Jahrgang 1997) gegen Ende des Matches Mühe, sich auf den Beinen zu halten und liefen wie geprügelte Hunde über den Platz.

Absolute Ausnahme: Das US Open-Finale von 2020 zwischen Alexander Zverev (li.) und Dominic Thiem war bislang das einzige Grand Slam-Endspiel zweier Spieler, die in den 90er-Jahren zur Welt kamen. Thiem gewann damals in New York während der Corona-Pandemie 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 vor einer Geister-Kulisse.Bild: IMAGO
Thiem vs Zverev – die absolute Ausnahme
„Ich habe Tausende Tennismatches gesehen, sowas habe ich noch nie erlebt“, kommentierte Boris Becker im TV-Sender Eurosport das Geschehen, als es im Tiebreak des fünften Satzes 6:6 stand. Man konnte die Nervosität beider Spieler im gesamten Match regelrecht spüren. So riesig die Chance für Thiem und Zverev auf den ersten Grand Slam-Titel war, so verkrampft agierten beide im fünften Satz. Passend dazu wurde ein Finale bei den US Open erstmals in einem finalen Tiebreak entschieden. Und Thiem wurde zum ersten Spieler in der Profiära, der ein US Open-Finale nach 0:2-Satzrückstand noch gewann.
Dieses Duell zwischen Thiem und Zverev könnte eine absolute Ausnahme bleiben, denn ein weiteres Grand Slam-Endspiel zwischen zwei Spielern, die in den 90er-Jahren geboren sind, scheint sehr unwahrscheinlich. Die nackten Zahlen: Neben Thiem hat nur ein weiterer Spieler aus dem 90er-Jahrgang einen Grand Slam-Titel gewonnen: Daniil Medvedev bei den US Open 2021, als Novak Djokovic um den Kalender-Grand-Slam spielte und unter dem nervlichen Druck kollabierte. Auch bei den US Open 2020 spielte Djokovic eine Rolle und ebnete mit seiner Disqualifikation im Achtelfinale, als er eine Linienrichterin nach einem Frustschlag am Hals traf, den Weg für das Endspiel zwischen Thiem und Zverev. Ohne die Disqualifikation des turmhohen Favoriten Djokovic hätte es den US Open-Sieg von Thiem wohl nicht gegeben. So ehrlich muss man sein.
Nur zwei Grand Slam-Titel haben Spieler aus 90er-Jahrgängen bislang gewonnen. Zum Vergleich: Spieler aus den 80er-Jahrgängen kommen auf satte 80 Titel, 66 allein durch die „Big Three“ – Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer. Die 90er-Generation im Herrentennis scheint in die Geschichte als unglückliche Generation, ja sogar verlorene Generation einzugehen. Niederschmetternd ist ihre Bilanz in Grand Slam-Finals: 2:20.
Magere Ausbeute
2:20 lautet die Grand Slam-Final-Bilanz der männlichen 90er-Generation
Daniil Medvedev: 1:5
Sieg gegen Djokovic (US 2021); Niederlagen gegen Nadal (US 2019 und AO 2022), gegen Djokovic (AO 2021 und US 2023) und gegen Jannik Sinner (AO 2024)
Dominic Thiem: 1:3
Sieg gegen Zverev (US 2020); Niederlagen gegen Nadal (RG 2018 und 2019) und gegen Djokovic (AO 2020)
Alexander Zverev: 0:3
Niederlagen gegen Thiem (US 2020), gegen Alcaraz (RG 2024) und gegen Sinner (AO 2025)
Casper Ruud: 0:3
Niederlagen gegen Nadal (RG 2022), gegen Alcaraz (US 2022) und gegen Djokovic (RG 2023)
Stefanos Tsitsipas: 0:2
Niederlagen gegen Djokovic (RG 2021 und AO 2023)
Taylor Fritz: 0:1
Niederlage gegen Sinner (US 2024)
Nick Kyrgios: 0:1
Niederlage gegen Djokovic (Wimbledon 2022)
Matteo Berrettini: 0:1
Niederlage gegen Djokovic (Wimbledon 2021)
Milos Raonic: 0:1
Niederlage gegen Murray (Wimbledon 2016)
„Wir sind selbst schuld daran. Es wurde viel über Zverev, Tsitsipas und Medvedev gesprochen, als sie auftauchten, dass sie für eine Veränderung sorgen und die Großen ausschalten würden, aber das konnten sie absolut nicht. Es ist klar, dass wir nicht einfach darauf warten können, dass uns etwas serviert wird, aber diese drei Großen waren bisher extrem gut“, sagte einst Casper Ruud, der drei Grand Slam-Finals verlor – gegen Rafael Nadal, Novak Djokovic und Carlos Alcaraz.
„Ich, Medvedev und Zverev können die nächsten ‚Big Three‘ werden. Daran glaube ich wirklich“, sagte Stefanos Tsitsipas im Jahr 2021, als er das Finale der French Open nach 2:0-Satzführung gegen Djokovic verlor, Zverev Olympia-Gold in Tokio und die ATP-Finals in Turin gewann sowie Medvedev bei den US Open triumphierte. Vier Jahre später muss man konstatieren: Es ist völlig anders gekommen. Vor allem Tsitsipas ist inzwischen meilenweit von einem Grand Slam-Titel entfernt.

Oft ratlos: Stefanos Tsitsipas gewann 2025 nur zwei Matches auf Grand Slam-Level. Von seiner Topform ist er aktuell weit entfernt und droht nun aus den Top 25 des ATP-Rankings zu rutschen.Bild: IMAGO
Es ist nicht wegzudiskutieren, dass Tsitsipas mit seiner einhändigen Rückhand und einem eher variablen Spielstil im modernen Powertennis immer mehr Nachteile bekommt. Das ist dem Griechen im Lauf der Jahre nicht verborgen geblieben, wie er nach seiner Erstrundenniederlage bei den Australian Open 2025 offenbarte. „Als ich 2018 nach oben kam, war das Spiel ziemlich anders im Vergleich zu heute. Es war nicht so physisch. Ich hatte Siege gegen Novak und das Gefühl, dass ich nicht die extremste Version von mir selbst in diesen Matches zeigen musste. Dadurch, dass das Spiel so physisch geworden ist, sind die Spielräume schmaler. Das bedeutet, dass man nicht mehr so viele freie Punkte bekommt. Innovationen kamen hinzu und ermöglichen es den Spielern, noch gewaltiger aufzuschlagen als vorher. Vor einigen Jahren war es auch schon körperlich, aber eben nicht so riesig, wie es heute der Fall ist. Die Kraft hat die Kontrolle übernommen, jeder kann inzwischen hart schlagen. Außerdem muss man präzise spielen. Power und Präzision machen den ultimativen Spieler aus“, analysierte Tsitsipas ausführlich.
Tsitsipas: „Bin nicht mehr der Spieler von früher“
Der zweimalige Grand Slam-Finalist gestand zudem: „Ich bin nicht mehr der Spieler, der ich mal war. Als ich jünger war, hatte ich eine Intensität auf dem Platz, als würde mein Leben von jedem Match abhängen. Ich erinnere mich, dass meine Konzentration zum damaligen Zeitpunkt an der Spitze war. Das ist jetzt nicht mehr so. Ich brauche diesen Hunger, den ich hatte, zurück, weil dieser meinem Tennis viel Intensität verlieh.“
Klar, die „Big Three“ haben der 90er-Generation viele Titel gekostet. Bei Thiem kam das Unglück hinzu, dass er sich auf dem Zenit seiner Karriere schwer am Handgelenk verletzte und infolgedessen recht früh seine Karriere beenden musste. Lag es nur an der spielerischen Übermacht von Djokovic, Nadal und Federer, weswegen sich die 90er-Jahrgänge, wenn es um die Major-Trophäen ging, jahrelang auf verlorenem Posten standen? „Ich wünschte, ich hätte in den ersten zehn Jahren meiner Karriere nicht gegen die drei besten Spieler aller Zeiten spielen müssen, denn dann hätte ich vielleicht schon ein oder zwei Grand Slams gewonnen. Gleichzeitig war es ein Privileg, gegen sie zu spielen, und ich habe jeden Moment davon genossen“, sagte Zverev einmal über die Dominanz der „Big Three“.
Die 90er-Delle
Anzahl der Grand Slam-Titel im Herreneinzel nach Jahrzehnten
2000er-Jahrgänge (10 Titel)
Carlos Alcaraz: 6; Jannik Sinner: 4
90er-Jahrgänge (2 Titel)
Daniil Medvedev: 1; Dominic Thiem: 1
80er-Jahrgänge (80 Titel)
Novak Djokovic: 24; Rafael Nadal: 22; Roger Federer: 20; Andy Murray: 3; Stan Wawrinka: 3; Lleyton Hewitt: 2; Marat Safin: 2; Juan Carlos Ferrero: 1; Andy Roddick: 1; Marin Cilic: 1; Juan Martin del Potro: 1
70er-Jahrgänge (42 Titel)
Pete Sampras: 14; Andre Agassi: 8; Jim Courier: 4; Gustavo Kuerten: 3; Sergi Brugurea: 2; Yevgeny Kafelnikov: 2; Patrick Rafter: 2; Michael Chang: 1; Richard Krajicek: 1; Carlos Moya: 1; Goran Ivanisevic: 1; Thomas Johansson: 1; Albert Costa: 1; Gaston Gaudio: 1
60er-Jahrgänge (33 Titel)
Ivan Lendl: 8; Mats Wilander: 7; Boris Becker: 6; Stefan Edberg: 6; Yannick Noah: 1; Pat Cash: 1; Andres Gomez: 1; Michael Stich: 1; Thomas Muster: 1; Petr Korda: 1
50er-Jahrgänge (37 Titel)
Björn Borg: 11; Jimmy Connors: 8; John McEnroe: 7; Guillermo Vilas: 4; Johan Kriek: 2; Mark Edmondson: 1; Adriano Panatta: 1; Vitas Gerulaitis: 1; Roscoe Tanner: 1; Brian Teacher: 1
Welche Rolle aber spielt der mentale Aspekt? Eine Szene ist vor allem in Erinnerung geblieben, als Ruud bei den French Open 2022 sein erstes Grand Slam-Finale gegen sein Idol Nadal bestritt. Während Nadal im Kabinengang sich intensiv warmmachte, konnte man die Ehrfurcht des Norwegers regelrecht greifen. Obwohl sich Nadal für das Endspiel seinen Fuß betäuben ließ, überrollte er Ruud regelrecht.
Als bei den US Open 2022 Djokovic wegen seiner verweigerten Corona-Impfung nicht antreten durfte und Nadal nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, schienen die Vorzeichen auf einen dritten Grand Slam-Triumph der 90er-Generation perfekt. Doch dann kam der 19-jährige Carlos Alcaraz. Im Endspiel gegen Ruud standen für beide Spieler nicht nur der erste Grand Slam-Titel auf dem Spiel, sondern auch die Nummer eins der Welt. Ruud vergab zwei Satzbälle zu einer 2:1-Satzführung, Alcaraz holte sich schließlich den Pokal und die Nummer eins.
Die Ära der „Big Three“ ist inzwischen zu Ende. Mittlerweile ist die Regentschaft der „New Big Two“ in vollem Gang: Alcaraz und Jannik Sinner dominieren seit mehr als zwei Jahren die Tour – zum Leidwesen von Spielern wie Zverev, Medvedev, Rublev, Tsitsipas, Fritz und Ruud. „Sie können mit einem Schlag aus dem Lauf heraus das Blatt wenden, sogar mit der Vorhand oder Rückhand. Mein Spielstil ist anfällig für Spieler mit harten Schlägen. Wenn sie ihre Bälle gut platzieren, habe ich Schwierigkeiten, darauf zu reagieren“, sagt Ruud über die Spielweise von Alcaraz und Sinner, die zusammen bereits zehn Grand Slam-Pokale gewonnen haben.
Generationenwechsel: Die 2000er-Jahrgänge kommen
Aufgrund der spielerischen Stärke und einem Selbstvertrauen von Alcaraz und Sinner, das mit jedem weiteren Turniersieg steigt, scheint es für die 90er-Generation immer schwerer zu werden, noch einen großen Coup zu landen, zumal mit Ben Shelton, Lorenzo Musetti und Jack Draper weitere Spieler aus dem 2000er-Jahrgang auf dem Vormarsch sind. Daniil Medvedev ist nicht nur der letzte Spieler aus einem 90er-Jahrgang, der ein Grand Slam-Turnier gewann, sondern auch der einzige, der es an die Spitze der Weltrangliste schaffte. Medvedev steckt jedoch in einer spielerischen Krise und macht mehr mit seinen Ausrastern auf dem Platz als mit Turniersiegen Schlagzeilen.

Immer mehr gefrustet: Daniil Medvedev sorgte zuletzt vor allem durch seine Ausraster für Schlagzeilen. Sind die besten Zeiten der ehemaligen Nummer eins vorbei?Bild: IMAGO
2025 gewann er nur ein Grand Slam-Match. Eine Ausbeute, die einem sechsmaligen Grand Slam-Finalisten nicht würdig ist. Der Russe trennte sich daraufhin nach acht Jahren von seinem Trainer Gilles Cervara. „Die Leute fragen mich, warum ich ein schlechtes Jahr hatte. Es könnte an meiner zweiten Tochter liegen. Es könnte an meiner Beziehung zu Gilles liegen. Es könnte daran liegen, dass ich erwachsen geworden bin und angefangen habe, mehr nachzudenken als in meiner Jugend. Es könnte einfach Pech sein oder ich habe mich einfach irgendwo nicht wohl gefühlt. Man weiß nie“, sagt Medvedev über seine sportliche Krise.
Alexander Zverev ist zwar weiterhin die Nummer drei der Welt, doch nach seinem starken Saisonbeginn mit der Finalteilnahme bei den Australian Open verlief der Rest Jahres größtenteils enttäuschend für den 28-jährigen Deutschen. Zverev verspielte im Frühjahr in Abwesenheit von Sinner wegen dessen Dopingvergehens leichtfertig seine große Chance, die Nummer eins der Welt zu werden und enttäuschte bei den restlichen drei Grand Slam-Turnieren – Viertelfinale in Paris, erste Runde in Wimbledon, dritte Runde in New York.
Medvedev: „Gibt starke Spieler in unserer Generation“
Medvedev glaubt indes weiterhin an sich und seine Generation. „Ich finde, dass es in unserer Generation sehr starke Spieler gibt. Als ich 2017 bei den NextGen-Finals gespielt habe, sind sechs von uns im Laufe unserer Karriere in die Top 10 eingezogen. Wir haben starke Spieler, aber wir sind nicht so gut wie die ‚Big Three‘ und bisher auch nicht so gut wie Sinner und Alcaraz. Das ist die Realität, und das ist auch okay, so ist das Leben, so ist der Sport. Aber ich bin ziemlich sicher, dass jemand aus unserer Generation noch mindestens zwei, drei Grand Slam-Titel holen wird, auch wenn es nicht einfach wird, weil die anderen sehr stark sind“, sagt Medvedev. Allerdings: Die Uhr tickt unaufhaltsam für die 90er-Jungs auf der ATP-Tour.
