Alexander Zverev auf Sand in Rom

Alexander Zverev: Explosionsgefahr auf Sand

Das Spiel auf der roten Asche hat Alexander Zverev 2018 größtenteils dominiert. Dieses Jahr startet der 21-Jährige verfrüht in die Sandplatzsaison. Ähnliche Erfolge trauen ihm nur wenige zu. Nach schwierigen drei Monaten sollten die Nehmer- und Comebackqualitäten auf seinem Lieblingsbelag aber nicht unterschätzt werden.

Ein Halbfinale in Monte Carlo. Turniersiege in München und Madrid. Die Regenschlacht gegen Rafael Nadal im Finale von Rom – und das erste Viertelfinale bei einem Grand Slam in Paris. Anders formuliert: 2.570 Punkte in der Weltrangliste.

Die Errungenschaften von Alexander Zverev in der vergangenen Sandplatzsaison waren eines Weltklassespielers mehr als würdig. Die Erfolge legten den sportlichen Grundstein für eine abseits der Grand Slams erneut herausragende Saison des erst 21-Jährigen, der zum Jahresabschluss der erste ATP Finals-Sieger aus Deutschland seit 1995 wurde und das Jahresranking auf Position drei abschloss.

User glauben nicht an Zverev auf Sand

Die Ergebnisse auf Sand unterstrichen ein weiteres Mal Zverevs frühe Aussagen, wie natürlich wohl er sich auf diesem Untergrund trotz seiner fast zwei Meter Körpergröße fühlt. Eine meist tödliche Mischung für die Gegner sind die Bedingungen in München oder Madrid, wenn dort der Sand staubig-trocken ist und der Untergrund hart. Dank der Höhenlage kommt dann noch ein höherer Ballabsprung hinzu – perfekt für Zverev. Beim Masters in der spanischen Hauptstadt wurde Zverev der erste Akteur seit Statistikaufzeichnung, der ein Turnier dieser Kategorie ohne Aufschlagverlust gewann. Natürlich wecken solche Leistungen Erwartungen.

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Und bauen Druck auf den Spieler auf. Mit Hinblick auf die Rangliste hat Zverev auf Asche fast die Hälfte seiner 6.040 Zähler generiert, mit denen sich der Davis Cup-Spieler hinter Novak Djokovic und Rafael Nadal auf Rang drei hält. Ohne diese Punkte stünde Zverev auf Rang acht. Es gibt keine realistischen Anhaltspunkte dafür, dass der zehnfache ATP-Turniersieger nun eine Erstrundenpleite an die nächste reiht. Ähnliche Erfolge wie 2018 traut ihm eine Mehrheit allerdings nicht zu.

Eine Twitterumfrage auf dem Account des tennis MAGAZINS ergab: 60 Prozent unserer User glauben, dass die deutsche Nummer eins nicht an die Sandplatzerfolge aus 2018 anknüpfen kann. Lediglich 32 Prozent sind davon überzeugt, dass Zverev ähnlich stark auftreten wird. Die restlichen acht Prozent glauben, Zverev werde gar noch besser abschneiden als im Vorjahr. Auf Instagram waren ganz ähnliche Tendenzen erkennbar: Hier bezweifeln 63,9 Prozent, dass Zverev seine 2018er-Kampagne auf Asche wird bestätigen können.

Zverev von gesundheitlichen Problemen ausgebremst

Die aktuelle Skepsis lässt sich erklären: Zuletzt wurde der Rechtsstreit mit seinem Manager Patricio Apey öffentlich (lesen Sie HIER mehr). Zudem hatte der Deutsche 2019 mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Vor den Australian Open beklagte der Rechtshänder Knöchelprobleme. Die Trainingsumfänge wurden geringer. Als Ausrede für sein schwaches Auftreten im Achtelfinale von Melbourne gegen Milos Raonic ließ Zverev das nicht gelten. Erst kürzlich bei den Miami Open resümierte Zverev gegenüber tennis MAGAZIN. „Das Spiel gegen Milos war einfach ein sehr schlechtes. Meine Konstanz auf Mastersebene war 2018 eigentlich sensationell. Fünf Halbfinals? So viele hatte sonst niemand. Das mit den Grand Slams ist natürlich noch eine andere Geschichte.“

Diese Konstanz zeigte Zverev 2019 noch nicht.  Zverev hatte gerade mit dem Finaleinzug in Acapulco aufsteigende Tendenzen erkennen lassen. Vor dem ersten Masters in Indian Wells fing sich der Hochgelobte aber einen Infekt ein. An Training war bei Fieber nicht zu denken. Er trat gegen Jan-Lennard Struff dennoch an und verlor glatt in zwei Sätzen. „Ich wollte es im Doppel und Einzel probieren. Ohne Training war da einfach nicht mehr drin. Deswegen zähle ich Indian Wells gar nicht richtig dazu“, sagte Zverev vor dem Masters in Miami.

NIEDERLAGE: Gegen David Ferrer musste sich Zverev in Miami geschlagen geben.

Der Youngster war positiv gestimmt. Der Infekt war überstanden, die körperlichen Voraussetzungen jedoch längst nicht wieder bei 100 Prozent. „Ich habe sechs Kilo in neun Tagen verloren“, erklärte Zverev – sah sich aber schon wieder in ansprechender Form. Eine durchwachsene Leistung mit einigen Hochs und noch mehr Tiefen zum Auftakt gegen Veteran David Ferrer lehrte Zverev eines Besseren. In der Mixed Zone nach der Niederlage gelang es dem Deutschen nur bedingt, seine Enttäuschung zu verbergen. „Das Jahr lief einfach noch nicht. Ich benötige jetzt unbedingt meine Trainingseinheiten und Matchpraxis. Ich habe mich in der Vergangenheit immer über die Anzahl meiner Matches gesteigert“, sagte er. Zverev ließ zudem durchblicken, dass er über eine Erweiterung seiner Turnierplanung nachdenke. Dass er sich diese Woche eine Wildcard für das 250er-Turnier im marokkanischen Marrakesch sicherte, darf daher nur auf den ersten Blick überraschen.

Die fehlenden Einheiten und Matches sind eine Erklärung: Tatsächlich hat Zverev, Hopman Cup und Davis Cup ausgeklammert, 2019 nur zwei Matches weniger gespielt (10:4) als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr (12:4). Das Selbstvertrauen der deutschen Nummer eins war vergangenes Jahr allerdings ungleich höher. Das weiß auch Davis Cup-Kapitän Michael Kohlmann, der gegenüber tennis MAGAZIN sagt: „2018 war er fit, hat in Miami mit guten Leistungen das Finale erreicht und ist dann umgehend zu uns nach Valencia geflogen. Da hatte er bereits ein unglaubliches Selbstvertrauen und seinen Spielrhythmus für die folgende Sandplatzsaison.“

Zverev in Marrakesch auf Suche nach Rhythmus

Der fehlende Rhythmus ist für Kohlmann auch der Grund, warum Zverev bereits eine Woche früher ins Turniergeschehen eingreift. Zverev reiste nach dem Aus in Miami zurück in die Heimat nach Monte Carlo. Dort spulte er Trainingseinheit nach Trainingseinheit ab – unter anderem mit dem 22-jährigen Schweden Elias Ymer. Am Donnerstagabend postete Zverev noch gut gelaunt eine Instagramstory von einer abendlichen Fitnesseinheit mit Bruder Mischa und Fitnesstrainer Jez Green. Am Wochenende reist das Team nach Marokko.

 

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Good training week on clay with @alexzverev123 in Monaco #trx #posture

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Beim „Grand Prix Hassan II“ schlagen nicht nur Kyle Edmund, Gilles Simon oder Philipp Kohlschreiber auf, Fabio Fognini und Jo-Wilfried Tsonga haben sich ebenfalls eine Wild Card gesichert. Als einziger Top 10-Spieler ist Zverev dennoch an eins gesetzt und aufgrund seiner Sandplatzleistungen auch Favorit. Das Thema Druck, das hat Zverev in der Vergangenheit mehr als einmal deutlich gemacht, ist keines, das ihn belastet. Topspieler haben über Jahre immer Druck. Zverev empfindet das eher als positive Verpflichtung allen anderen – aber auch sich selbst gegenüber. Fast schon legendär ist sein Ausspruch: „Niemand hat höhere Erwartungen an mich als ich selbst.“

Doch auch der zurecht so selbstbewusste Topspieler wird hoffen, dass ihm in Marrakesch Auslosung, Momentum und Form den Weg ebnen für die gewünschte Matchpraxis. Denn die Anforderungen an Zverev sind groß. „Je ein Halbfinale, ein Finale und ein Titel auf Mastersebene wären aber für jeden Spieler herausfordernd zu verteidigen“, sagt Kohlmann. Der Davis Cup-Chef ist allerdings weit davon entfernt, Zverev abzuschreiben und traut ihm ähnliche Erfolge zu: „Das wichtigste ist nun, Matchpraxis und Selbstvertrauen zu erlangen. Dann bin ich mir sicher, dass Sascha bei allen Turnieren auf Sand eine große Rolle spielen wird.“ Dazu gehören die French Open als großer Abschluss in Paris.

Zverev: Nach Nadal zweitbester Sandplatzspieler?

Er selbst sah sich im Nachgang der Sandplatzsaison 2018 hinter Rafael Nadal als besten Spieler – noch vor Dominic Thiem. Zverev begründete das mit seinem Finalerfolg gegen den Österreicher auf Sand in Madrid und seiner äußerst knappen Niederlage gegen Nadal in Rom. Dass er gegen Thiem im Viertelfinale von Paris leicht angeschlagen verlor, enttäuschte Zverev sehr. Bei den ATP-Finals in London sagte er: „Es war schon enttäuschend, dass ich mit der Oberschenkelverletzung gegen Dominic nicht alles geben konnte.“ Die herausragenden Leistungen zuvor können in zwei Richtungen gedeutet werden.

Alexander Zverev

CHAMPION: Alexander Zverev nach seinem Sieg in Madrid 2018.

Dass er von Runde zwei bis zum Achtelfinale dreimal in Serie einen 0:2-Rückstand aufholte und in einen Sieg drehte, ist kämpferisch und mental schlichtweg herausragend gewesen. Dass er in den vergleichsweise frühen Runden so viel Energie verlor, führte letztlich zur Verletzung. Und das war und ist eigentlich die Hauptaufgabe für Zverev, seinen Vater und Coach Ivan Lendl: Dass Alexander Zverev spielerisch, körperlich und mental vergleichsweise souverän durch eine erste Majorwoche gelangt, damit er  in der zweiten Woche um den Titel mitspielen kann.

Das ist  weiter das Ziel. Zunächst muss Zverev an der Basis arbeiten. Gelingt ihm das in Marokko, ist ihm ein ähnlicher Lauf zuzutrauen. Klar: Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass andere junge Spieler aufgeholt haben – zum Beispiel Felix Auger-Aliassime. Doch Zverev zeichnet ein Urvertrauen in seine Qualitäten aus. Schon nach Marrakesch dürften ihn die anderen Spieler wieder anders wahrnehmen. Die Zeit bis Paris wird spannend. Und für die French Open sollten sich die deutschen Fans die zweite Woche freihalten.